Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie
    IP-GIPT DAS=08.09.2003 Internet-Erstausgabe, letzte Änderung 8.6.8
    Impressum: Diplom-PsychologInnen Irmgard Rathsmann-Sponsel und Dr. phil. Rudolf Sponsel
    Stubenlohstr. 20     D-91052 Erlangen  Mail: sekretariat@sgipt.org_ Zitierung  &  Copyright

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    Willkommen in unserer Abteilung Abstrakte Grundbegriffe aus den Wissenschaften (Analogien, Modelle und Metaphern für die allgemeine und integrative Psychologie und Psychotherapie sowie Grundkategorien zur Denk- und Entwicklungspsychologie), hier speziell zum Thema:

    Beweis und beweisen in Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie

    Blicke über den Zaun zum Auftakt für eine integrative psychologisch-psychotherapeutische Beweislehre
    aus allgemein integrativer psychologisch-psychotherapeutischer und einheitswissenschaftlicher Sicht

    Einführung, Überblick, Verteilerseite Beweis und beweisen

    von Rudolf Sponsel, Erlangen

    Hinweis: Wenn nicht ersichtlich werden (Externe Links) in runden und [interne IP-GIPT Links] in eckige Klammern gesetzt, direkte Links im Text auf derselben Seite sind direkt gekennzeichnet. In dieser Übersichtsarbeit wird das Thema im Überblick gesamtheitlich aus einheitswissenschaftlicher Perspektive dargestellt. Im Laufe der Zeit folgen weitere Ausarbeitungen. Ausarbeitsgrad 1-(2)



    Inhaltsübersicht
    • Einstieg Beweis und beweisen in Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie mit einigen Einstiegs- und Beispielfragen.
    • Zu einigen bedeutsamen Beweisfragen in der Psychologie.
    • Grundlegende psychologische Beweisfragen.
    • Paradigmatische Beweismethoden und Beweismittel in der Psychologie.
    • Die Notwendigkeit international ratifizierter operationaler Normierungen.
      • Beispiel: Unterscheidungen zu [Glauben] und Überzeugungsgraden.
    • Beweisbeispiele Psychologie
      • Beispiel: Erinnerungsbild und Wiederkennen (Ziehen 1924).
      • [Beispiel: Differentialdiagnostik zwischen Wunsch und Wille]
      • Beispiel: Was beweisen die Vergessenkurven von Ebbinghaus ?.
      • Beispiel: Was beweist das Milgram Experiment ?
      • Beispiel: Was beweist der Zeigarnik-Effekt ?
      • Beispiel: Was beweist die Ausführung eines posthypnotischen Befehls ?
      • Beispiel: Was beweisen die Worte, die ein dreijähriges Kind aussprechen kann ?
    • Beweisbeispiele Psychopathologie.
      • Beispiel Autismusforschung.
        • Spiegelneuronen-Defizit-Hypothese: Lernen durch Beobachtung anderer bei Autisten gestört?.
        • Metapher-Verständnis-Defizit: Der Buba-Kiki-Test.
        • Störung des emotionalen Bewertungsystems: Salience-Landscape-Theory.
        • Allgemeines Beweisprinzip dieses Typs Experimentiertyps.
    • Beweisbeispiele Psychotherapie
      • [Spezielle Theorie und Praxis der Vergleichbarkeit und des Vergleichens von Psychotherapiesystemen. 13 GIPT-Kriterien und Fehlermöglichkeiten vergleichender Psychotherapieforschung].
    • Beweisbeispiele Forensische Psychologie
      • [Beispiel: Zur Psycho-athologischen Beurteilung der Geschäfts-un-fähigkeit]
      • Beispiel: Wie beweist man, was für eine Bindung ein Kind an Bezugspersonen hat ?
        • [Über Bindung, Beziehung und das Messen inder Psychologie.]
        • [Grundprobleme der Bindungsforschung. Eine allgemeine und integrative Forschungshypothese zur Bindung. Bindungsforschung im Internet (Auswahl).]
        • [Bindungs-Paradoxa, pathologische Bindungen und andere nicht ohne weiteres verständliche Bindungserscheinungen - auch im Alltag.]
      • Beispiel: wie beweist man die Glaubhaftigkeit einer Aussage ?
        • [Aussagepsychologie]
      • Beispiel: Wie beweist man, ob im Zeitraum t eine Hörigkeitsbeziehung vorlag ?
        • [Kommentierte Literaturübersicht Hörigkeit.]
    • Querverweise.




    Einstieg Beweis und beweisen in Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie mit einigen Einstiegs- und Beispielfragen

    Wie gehts? "Gut." Stimmt das wirklich oder ist das nur eine oberflächliche Floskel? Wie prüft man das? Man sollte denken, die Frage: [Wie geht es Ihnen?] ist ganz einfach. Doch dies täuscht. In dieser simplen Frage stecken viele Grundprobleme der Psychologie.
    Lieben. Ein junger Mensch sieht in den Medien des öfteren, daß sich zwei näherkommen, Zärtlichkeiten austauschen und dann sagen, sie liebten sich. Tun sie das wirklich? Was heißt das lieben? Wie wird das erlebt, gefühlt, erfahren? Wie unterscheide ich 'echte' Liebe von bloßer Begierde, einem Gesellschaftsspiel oder von '[Verliebtheit]'?
    Vergessen. Ein Mensch beklagt sich, daß er sich Namen so schwer merken kann? Stimmt das? Und falls es stimmt, woher rührt das? Und wie könnte es verbessert werden?
    Verlegen. Eine andere lästige Variante des Vergessens - nicht nur, wenn man an [AD-H-D] leidet -  ist das Verlegen wichtiger Gegenstände, wie z.B. Schlüssel, Brieftasche, Führerschein u.ä.  Wie kann man sich das erklären? Was kann man dagegen tun?
    Verlernen. Jemand habe sich durch Lernen eine Fertigkeit angeeignet und merke zwischenzeitlich, daß diese Fertigkeit mit mangelnder Anwendung nachläßt. Ist dieses Phänomen bekannt? Wie kommt es zu diesem 'verlernen'? Warum vergessen Menschen? Kann dieses Vergessen aufgehalten werden? Wie geht das?
    Depressiv. Ein Mensch kommt in die Therapie, weil, wie er sich ausdrückt, depressiv sei. Was meint er damit? Wie können wir überprüfen, wie diese Depression erlebt, erfahren und gelebt wird?
    Identität. Woher weiß ich, wer ich bin und daß ich der bin, der ich schon immer war? Diese Frage  mag iditotisch finden, der noch nie das Problem hatte, an seiner Identität zu zweifeln und sich darüber noch nie Gedanken machte (muß man auch nicht). Trotzdem ist Frage, wie es kommt, daß die Menschen sich als immer dieselben erleben, obschon sie sich doch dauernd verändern und älter werden, psychologisch sehr interessant und gemahnt sogar in geweiser Weise an ein [Wunder II]. Gibt es so etwas wie einen Identitäts-'Chip' im Gehirn, der z.B. durch eine fortschreitende Alzheimer'sche Erkrankung zerstört wird? Wie ist das mit der Identität bei posthypnotischen Befehlen, bei multiplen Persönlichkeiten, dissoziativen Störungen und schizophrenen "Bewußtseinsspaltungen" (was korrekter Identitätsaufspaltungen heißen sollte)?
    Nicht gewollt. Jemand fährt einen anderen Menschen tot und sagt, daß er das nicht gewollt habe. Jemand vergißt einen Termin und entschuldigt sich, dies sei nicht seine Art, und schon gar nicht seine Absicht gewesen. Nicht-gewollt haben spielt eine wichtige Rolle im Strafrecht, wenn es um die Frage - verminderter - Schuldfähigkeit geht. Soll man auch Verantwortung tragen, wenn man etwas tatsächlich nicht gewollt hat? Gibt es ein [unbewußtes] Wollen? Und sind wir dafür verantwortlich? Was heißt das? Wie prüft und beweist man das? Was bedeutet es, zu sagen, wir hätten einen [freien Willen]?

    Zu einigen bedeutsamen Beweisfragen in der Psychologie

    Das Beweisthema spielt in Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie eine vielfältige und schwierige Rolle: vom wissenschaftlichen Beweis psychischer Sachverhalte -  z.B. lernen, [fühlen], [wünschen, wollen], [lenken], [bewußt sein], fähig sein = können, vergessen, wahrnehmen -  Gesetzmäßig- und Regelhaftigkeiten bis hin zu den Fragen, welche subjektiven Überzeugungsgrade man unterscheiden könnte und sollte und wie man ihre Existenz und Anwendung in Abhängigkeit dieser oder jenen subjektiven Bedingungen beweisen kann?

        Das Problem der subjektiven Sicherheit - 'bin' ich, weil ich denke und zweifeln kann? ([Descartes]) - beschäftigte jahrtausende lang die Philosophen, die es allerdings ganz überwiegend am Schreibtisch und durch nachdenken zu lösen versuchten und schon deshalb scheitern mußten.
     
        Denn Wissenschaft treiben ist ein dialogischer, kommunikativer, interaktiver und handlungsorientierter Prozeß mit beobachten, experimentieren, dokumentieren und vorhersagen, um Tatsachen, Gesetz- und Regelhaftigkeiten zu finden, zu bestätigen oder zu verwerfen. 

        Die Psychologie ist eine ziemlich junge Wissenschaft und ihr 'Geburtsjahr' wird gewöhnlich mit 1879 angegeben als Wilhelm Wundt (Arzt, Philosoph, Psychologe) das erste psychologische Laboratorium an der Leipziger Universität - zunächst mit privaten Mitteln - einrichtete.
     
       Die Probleme einer intersubjektiv kommunizierbaren wissenschaftlichen Erforschung des Erlebens sind in der Tat objektiv extrem schwierig, so daß es nicht so verwunderlich ist, daß viele  daran scheiterten und manche verzweifelten - am radikalsten und nachhaltigsten der  Behaviorismus, der sogar versuchte, eine Psychologie ohne Seele und Geist aufzubauen - ein paradoxer Widerspruch in sich. 
        Im Grunde gibt es bislang keinen exakten Zugang zum subjektiven Erleben: was im anderen letztlich und wirklich vorgeht, ist uns - derzeit  - nur ungefähr erschließ-, nach- und miterlebbar mit allen objektiven Schwierigkeiten und Fehlermöglichkeiten, die dieser Sachverhalt und die Sprache, die ihn zu erfassen sucht, mit sich bringen. 



    Grundlegende psychologische Beweisfragen
    Die zentrale Beweisfrage der Psychologie lautet: wie kann Erleben bewiesen werden?
        Weitere, sich daraus ergebende Fragen betreffen den Existenzbeweis der elementaren psychologischen Erlebenselemente: erleben von wahrnehmen, erleben von empfinden, erleben von wünschen, erleben von denken, erleben von erinnern, erleben von vorstellen, erleben von fantasieren, erleben von fühlen, erleben von Stimmung, erleben von Befindlichkeit und Verfassung, erleben von Ruhe und Bewegung, erleben von Lage und Gleichgewicht,  erleben von Konflikt, erleben von Bedürfnissen, Absichten, Zielen und Plänen, erleben des Abwägens, erleben des Entscheidens und Entschließens, erleben des Wollens und des Handelns, erleben der eigenen Identität, erleben der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, erleben des Verhaltens ...
        Im engen Zusammenhang mit dem Erleben der Menschen steht die Beweisfrage, wie dieses Erleben biologisch fundiert ist bzw. in welchem Zusammenhang das Seelisch-Geistige mit dem Biologischen steht? Erleben oder allgemeinen Leben ist an den Körper, an die Materie gebunden. Ist der Mensch tot, ist sein Er-Leben erloschen. Ist das Erleben "nur" eine besonderere Ausdrucksform oder Funktion biologischer Organisation oder wird durch die biologische Organisation eine "eigene", psychologische Welt erzeugt? Wie soll man sich diese vorstellen? Und was heißt eine "eigene" Welt? Geistesgschichtlich ist hier das sog. Leib-Seele-Problem angesprochen. In welcher Beziehung stünde diese "eigene psychologische" Welt zur biologischen Welt?  
     
    [wird fortgesetzt]



    Paradigmatische Beweismethoden und Beweismittel in der Psychologie

    Erlebensbeweismittel
    Wie können wir prüfen, ob das, was ein Mensch über sein Erleben mitteilt, richtig ist?
     
    Beweis-Paradigma Ausführung nach Aufforderung oder - allgemeiner - Reiz-Reaktions-Schemata
    Fragt man z.B. jemand, ob er seine Hand heben kann und er hebt seine Hand, so kann man schließen, dass er die Frage verstanden und angenommen, weil er sie ausgeführt hat. Diees Paradigma kann weiter verallgemeinert werden auf Reiz-Reaktions-Schemata. Jemand konfrontiert ein Erlebens-System, mit einem Reiz, das mit einer Reaktion antwortet. Hieraus lässt sich schließen, dass der Reiz das Erlebens-System erreicht hat, weil es reagiert..
     
    Beweis-Paradigma Bio-Aktivitätsspur [Ideale Experimente]
    Erleben ist an den Körper, an die Materie, genauer an das Gehirn und Nervensystem gebunden. Eine Projektion des Erlebens ist das sog. bewusste Erleben. Ein Teil des Ereignisstroms wird zum Erlebnisstrom, wenn das biologische System auf den Ereignisstrom reagieren kann. Und von dem Erlebnisstrom kann wiederum ein Teil bewusst und damit zum Bewusstseinsstrom werden. Damit stellt sich die Frage, ob es eine direkte biologische Repräsentation der Bewusstseinsvorgänge gibt. Hier ist man mit Hilfe der bildgebenden Verfahren (PET, fMRT, AGT) seit einiger Zeit deutlich weitergekommen. Hierzu kann man auch die Biofeedback und die Neurofeedbackverfahren rechnen. So geht etwa eine Emotionalisierung mit verstärkter Erregung und Schweißabsonderung einher, was mess- und sichtbar gemacht werden kann. Ein großes Problem ergibt sich aber durch das terminologisches Durcheinander, weil meist nicht operational differenziert und klar unterschieden wird, von welcher Repräsentationsebene gesprochen wird.   

    [wird fortgesetzt]



    Die Notwendigkeit international ratifizierter operationaler Normierungen

    Damit die psychologischen Wissenschaften ihr prä-galileiisches Niveau nachhaltig überwinden und aufeinander [aufbauen] können, müssen sie [terminologische] intersubjektive Klarheit und Zuverlässigkeit in ihre begriffliche Grundlagen bringen, damit nicht jede Generation erneut bei Adam und Eva anfängt und immer wieder ihre eigenen neuen Systeme erfindet. Wissenschaft kann nur auf vielen Schultern [Kekulé 1890] entstehen. Und weil dies in der Psychologie so besonders schwierig ist, sind operationale Normierungen umso notwendiger.

        Hierzu gehören besonders die elementaren [psychischen Funktionen], die Konstruktion der [Psyche], des [Bewußtseins] und der Bewußtseinselemente: was können und sollten wir erlebensmäßig unterscheiden und wie läßt sich das sowohl wissenschaftlich als auch praktisch normieren? Da eine empirische Erforschung der Psyche unmöglich ist, wenn nicht andere Menschen zu ihrem Erleben und Verhalten beobachtet und befragt werden, fragt sich: Wie ist einfühlen, mitfühlen (Empathie) und verstehen möglich? Welche Fehlerquellen erwarten uns hier und wie können wir sie bestmöglich kontrollieren? Ganz wichtig ist auch die Konstruktion der Persönlichkeit, der relativ stabilen und überdauernden Persönlichskeitskerne gegenüber den eher situativen und leichter veränderungsmöglichen Erlebens- und Verhaltensweisen. Hier ist also eine differentielle Psychologie der Persönlichkeit nötig. Vorausetzung für eine über einer Generation hinausgehende Persönlichkeitsforschung, die aufeinander aufbauen kann, ist abermals eine klare normierte Terminologie.

    Beispiel: Unterscheidungen zu [Glauben] und Überzeugungsgraden

    Zunächst wäre bei der folgenden Tabelle von Glaubens- oder Überzeugungsgraden zu klären, ob die Unterscheidungen sinnvoll sind. Dazu gehörte auch, zu zeigen, daß sie operational normierbar sind, also experimentell als gesichert angesehen werden könnten.
     
    Kürzel Überzeugungsgrad/ Glaube Sachverhaltsbezug 1. Metastufe "X ist ..."
    5+ absolute Gewißheit X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    4+ Gewißheit, überzeugt daß ... X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    3+ ziemlich sicher glauben X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    2+ gewisse Wahrscheinlichkeit X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    1+ für möglich halten  X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    0 ungewiß, unsicher, unklar keine Ahnung, keine Meinung, völlig offen
    1-  kaum für möglich halten X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    2- gewisse Unwahrscheinlichkeit X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    3- ziemlich sicher nicht glauben X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    4- unmöglich  X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p
    5- absolut Unmöglich X. ist wahr; falsch; möglich; wahrscheinlich mit p



    Beweisbeispiele

    Beispiel Erinnerungsbild und Wiederkennen (Ziehen 1924).
    Im Leitfaden der Physiologischen Psychologie von Th. Ziehen (1924, S. 295) wird ausgeführt:
     

      "Wir nehmen zunächst den einfachsten Fall an, daß eine zusammengesetzte Empfindung, z.B. die Gesichtsempfindung einer Rose, zum erstenmal parallel einer Erregung unserer Hirnrinde aufgetreten ist. An eine solche Empfindung schließt sich nun das bewußte Spiel der Motive oder die Assoziation an. Zugleich aber wird ein Erinnerungsbild der gesehenen Rose niedergelegt, oder, physiologisch gesprochen, eine Spur der stattgehabten Hirnrindenerregung bleibt in der Hirnrinde zurück. Wir schließen dies und müssen es schließen aus der Tatsache, daß wir die Rose wiedererkennen, wenn wir sie wiedersehen, daß wir uns derselben zu erinnern vermögen, daß wir ihr Bild zu reproduzieren imstande sind."


    Die Schlußfigur Ziehens ist offenbar: Aus der Tatsache der Wiedererkennung folgt, daß es eine Erkennung gegeben haben muß. Wir wissen aber andererseits aus der Gerichts- und Zeugenpsychologie, daß es falsche Wiedererkennungen gibt. Zudem kann man einwenden, daß eine Rose, die später wiedergesehen wird, sich sehr leicht verändert haben kann. Diese Argumente können aber z.B. durch folgenden Versuch außer Kraft gesetzt werden:
     
    Beweis-Versuch Wiederkennen: Man konstruiere ein Bild KB, die eine ProbandIn wahrscheinlich noch nie gesehen hat (Inhalt KB =: fünffüßiger Elefant, gelb-rot-längs gestreift, der auf seinem Rüssel mit den drei Vorderbeinen Flöte spielt). Sodann gebe man dieses Bild KB zu 9 anderen gewöhnlichen Bildern aus dem Erfahrungsraum der ProbandIn, präsentiere alle 10 und frage, welche Bild habe ich Ihnen vorhin gezeigt? Es ist ist zu erwarten, daß die allermeisten ProbandInnen KB wiedererkennen. Damit wäre bewiesen, daß es wiedererkennen gibt. 

    Beispiel: Was beweisen die Vergessenkurven von Ebbinghaus ?
    Ebbinghaus hat drei auch heute noch grundlegende Vergessensmaße entwickelt: Reproduktion, Wiedererkennen und  die Ersparnismethode. Lernt jemand 100 Worte und kann nach n Versuchsdurchgängen 30 richtig reproduieren (Reproduktionsmethode), so dürfte die Rate für das richtige Wiedererkennen bei Vorlage bei gut dem Doppelten oder mehr liegen (Wiedererkennungsmethode). Brauchte jemand zum Erlernen der 100 Worte zwei Stunden, so wird die betreffende Versuchspersonen zu einem späteren Zeitpunkt deutlich weniger Zeit benötigen, z.B. nur eine Stunde (Ersparnismethode).  Ebbinghaus hat damit sehr schöne operationale 'Vergessensgrößen', im Prinzip internatial normierte, Methoden zur Lern-, Behaltens- und Vergessensforschung vorgelegt, die den Verlauf von Vergessensprozessen erfassen. Zugleich hat er gezeigt, daß Vergessen als kontinuierlicher Prozeß verstanden werden kann.



    Beispiel: Was beweist das Milgram Experiment ?



    Beispiel: Was beweist der Zeigarnik-Effekt ?



    Beispiel: Was beweist die Ausführung eines posthypnotischen Befehls ?



    Beispiel: Was beweisen die Worte, die ein dreijähriges Kind aussprechen kann ?
    Oder anders gefragt:  Wie ist der sprachliche Entwicklungsstand eines Kindes? Welche Worte kann es? Einwortsatz? Richtiger Satz? Wie stellt man fest, ob ein Kind ein Wort versteht?



    Beispiel: Wie beweist man, was für eine Bindung ein Kind an Bezugspersonen hat ?



    Beweisbeispiele Psychopathologie

    Beispiel Autismusforschung
    Spektrum der Wissenschaft berichtete im April 2007 zum Autismus über einige neuere Hypothesen:

    Unter anderen wird von einem interessanten Versuch berichtet, der die Hypothese einer Spiegelneuronenstörung sehr stark unterstützt und damit einen besonderen Beweisindizwert hat.

    Spiegelneuronen-Defizit-Hypothese: Lernen durch Beobachtung anderer bei Autisten gestört ?
    Führen Versuchspersonen eine kontrollierte Bewegung aus, z.B. eine geschlossene Hand öffenen, so kommt es während der Muskelbewegung zur Unterdrückung des relativen Amplitudenausschlage - bei Gesunden und auch bei Autisten. Bei Beobachtung einer solchen Handlung kommt es aber nur bei "Gesunden" zur gleichen Reaktion: die sog. m-Welle wird unterdrückt, was man so deutet: ob diese Handlung selbst ausgeführt oder "nur" bei anderen beobachtet wird ist für "Gesunde" einerlei. Beobachten hingegen  Autisten eine solche Handlung, kommt es zu keiner m-Wellen Unterdrückung.

    Daraus zogen die Forscher den Schluss, dass das Spiegelneuronensystem bei Autisten "gestört" ist. Vom autistischen Standpunkt aus betrachtet kann man natürlich eben so gut sagen, dass das Spiegelneuronensystem der sog. "Gesunden" "gestört" ist, abermals ein Beleg dafür, wie sehr die Merkmalsdeutung "gestört" oder "gesund" von der Perspektive oder von der Beurteilerbasis abhängt.

    Die Frage, die sich hier stellen, sind:
    1) Trifft das auf alle Autisten zu?
    2) Trifft es es nur auf Autisten zu?
    3) Trifft es immer bei Autisten zu oder gibt es Bedingungen, wo es nicht zutrifft?

    Diese Fragen beantwortet der Versuch nicht. Es ist natürlich durchaus möglich, vermutlich sogar eher naheliegend, dass es mehrere und unterschiedliche Störungen gibt, zu denen dieses Symptom gehört.

    Metapher-Verständnis-Defizit: Der Buba-Kiki-Test
    Die Zuordnung von Formen und Klängen funktioniert bei Autisten anders als bei Kontrollpersonen (Nicht-AutistInnen). Während Kontrollpersonen mit dem Klangbild von "Buba" rund und mit dem Klangbild von "Kiki" eher etwas Spitzes verbinden, gelingen solche Zuordnungen bei AutistInnen nicht. Die örtliche Zuständigkeit wird beim Gyrus angularis (Kreuzung Sehzentrum, Hören und Tastempfinden) vermutet, wobei aus solchen neuroanatomischen Zuordnungen meist nichts wirklich Strenges folgt. Die Argumentation der AutorInnen ist selbst sehr metaphorisch, wenn sie ausführen, dass in diesem Hirngebiet Neuronen lokalisiert sein sollen, die ähnlich wie Spiegelneuronen funktionieren. Nichtautistische Personen mit Schädigungen in diesem Hirngebiet sollen beim Buba-Kiki ähnlich ausgeprägt "versagen" wie AutistInnen. So bleiben auch die spekulativen Phantasien der AutorInnen sehr im entwertenden Dunkeln (die, mangels Spiegelneuronen,  nur nach Erdnüssen, statt nach den Sternen greifen können) . In diesem Zusammenhang wird auch mitgeteilt, dass AutistInnen Probleme mit dem Imitieren haben, so etwa die Mutter nach machen, wenn sie die Zunge herausstreckt. Dunkel bleibt auch, wie eine Verhaltenstherapie vor Auftreten der ersten Symptome möglich sein soll, noch dazu, wenn diese sich zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr ausbilden sollen.Wieso sollte man jemand behandeln, der keine Symptome zeigt? Wogegen denn?

    Störung des emotionalen Bewertungsystems: Salience-Landscape-Theory.
    "UM GEWISSE SEKUNDÄRE AUTISMUSSYMPTOME ZU ERKLÄREN - Überempfindlichkeit, Vermeiden von Blickkontakt, Abneigung gegen bestimmte Geräusche - wurde die so genannte Salience-Landscape-Theorie entwickelt. Bei einem gesunden Kind wandern die Sinnesdaten zum Mandelkern, dem Tor zum limbischen System, das Emotionen verarbeitet. Der Mandelkern nutzt gespeichertes Vorwissen, um zu bestimmen, wie das Kind emotional auf jeden Reiz reagieren soll. Auf diese Weise entsteht eine Art Wichtigkeitslandschaft (salience landscape) der kindlichen Umwelt. Doch bei Kindern mit Autismus sind die Verbindungen zwischen den sensorischen Arealen und dem Mandelkern offenbar verändert; darum reagieren Autisten auf unbedeutende Ereignisse oder Objekte mit extremen Emotionen"
        Diese Interpretation ist in sich widersprüchlich und entwertend. Für Autisten sind "Nebensächlichkeiten" von "Gesunden" eben keine Nebensächlichkeiten. Ihr Bewertungssystem funktioniert anders. Die AutorInnen vermuten spekulativ, dass Schläfenlappenepilepsien, die bei jedem 3. autistischen Kind ausgemacht werden konnten, für die "autistische Erreggung" verantwortlich sein könnten.

    Literaturhinweise im Spektrum Artikel:

    • Hirstein, William; Iversen, Portia & Ramachandran, V.S. (2001).  Autonomic responses of autistic children to people and objects. Proceedings of the Royal Society of London B, 268, pp 1883-
    • Oberman, Lindsay M. (2005). EEG evidence for mirror neuron dysfunction in autism spectrum disorders. Cognitive brain research, 24, pp 190-
    • Ramachandran, Vilayanur & Oberman, Lindsay M. (2007). Der blinde Spiegel Autismus. Spektrum der Wissenschaft, April 2007, 43-49.
    Links:
    • Info bei "Quarks" [Adresse, PDF zur Sendung, Selbsttest, ]


    Allgemeines Beweisprinzip dieses Experimentiertyps
     
    Experimentiergruppe Kontrollgruppe
    Bedingung 1 Merkmal so vorhanden oder nicht Merkmal so vorhanden oder nicht
    Bedingung 2 Merkmal so vorhanden oder nicht Merkmal so vorhanden oder nicht
    Es gibt dann die Möglichkeiten: 
    (1) B1_M(E) gleich B1_M(K)
    (2) B1_M(E) ungleich B1_M(K) 
    (3) B2_M(E) gleich B2_M(K)
    (4) B2_M(E) ungleich B2_M(K) 
    (1) und (3) erlauben wie (2) und (4) keine Schlussfolgerungen: beide reagieren entsprechend. 

    Aber (1) und (4) erlauben wie (2) und (3) Schlussfolgerungen.
     



    [Beweis, daß Empfindungen eine eigene Erlebniskategorie sind und nichts mit denken zu haben]
    [Psychologisches Beweisexperiment zum freien Willen]



    Glossar, Anmerkungen, Endnoten:
    GIPT= General and Integrative Psychotherapy, internationale Bezeichnung für Allgemeine und Integrative Psychotherapie.
    ___
    einheitswissenschaftliche Sicht. Ich vertrete die ursprüngliche einheitswissenschaftliche Idee des Wiener Kreises, auch wenn sein Projekt als vorläufig gescheitert angesehen wird und ich mich selbst nicht als 'Jünger' betrachte. Ich meine dennoch und diesbezüglich im Einklang mit dem Wiener Kreis, daß es letztlich und im Grunde nur eine Wissenschaftlichkeit gibt, gleichgültig, welcher spezifischen Fachwissenschaft man angehört. Wissenschaftliches Arbeiten folgt einer einheitlichen und für alle Wissenschaften typischen Struktur, angelehnt an die allgemeine formale Beweisstruktur.
     
    Wissenschaft [IL] schafft Wissen und dieses hat sie zu beweisen, damit es ein wissenschaftliches Wissen ist, wozu ich aber auch den Alltag und alle Lebensvorgänge rechne. Wissenschaft in diesem Sinne ist nichts Abgehobenes, Fernes, Unverständliches. Wirkliches Wissen sollte einem Laien vermittelbar sein (PUK - "Putzfrauenkriterium"). Siehe hierzu bitte das Hilbertsche gemeinverständliche Rasiermesser 1900, zu dem auch gut die Einstein zugeschriebene Sentenz passt: "Die meisten Grundideen der Wissenschaft sind an sich einfach und lassen sich in der Regel in einer für jedermann verständlichen Sprache wiedergegeben." 
    ___



    Stichworte für ergänzende und vertiefende Themen
    Simulieren * Dissimulieren * Erkenntnisinteresse * Tendenzinteresse * Abwehr * Lügen * Verleugnen * Irrtum * Illusion * Gewißheit * Überzeugung *  Glauben * Wahn * wähnen *

    Querverweise
    Standort Beweis und beweisen in Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie.
    *
      Einführung, Überblick, Verteilerseite Beweis und beweisen.
      Beweis und beweisen in Metaphysik, Esoterik und Grenzwissenschaften.
      Wissenschaft in der IP-GIPT.
      Überblick: Abstrakte Grundbegriffe aus den Wissenschaften.
    *
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    z.B. Beweis beweisen site:www.sgipt.org * Logik site:www.sgipt.org
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    Dienstleistungs-Info.
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    Zitierung
    Sponsel, Rudolf  (DAS). Beweis und beweisen in Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie. Blicke über den Zaun zum Auftakt für eine integrative psychologisch-psychotherapeutische Beweislehre. Abteilung Abstrakte Grundbegriffe aus den Wissenschaften: Analogien, Modelle und Metaphern für die allgemeine und integrative Psychologie und Psychotherapie sowie Grundkategorien zur Denk- und Entwicklungspsychologie. Internet Publikation - General and Integrative Psychotherapy. IP-GIPT. Erlangen: http://www.sgipt.org/wisms/gb/beweis/b_ppp.htm
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    Änderungen - Wird gelegentlich vervollständigt, ergänzt überarbeitet - Anregungen und Kritik erwünscht.
    08.06.08    Grundlegende psychologische Beweisfragen, Paradigmatische Beweismethoden und Beweismittel in der Psychologie.
    30.04.07    Beispiele Autismusforschung.
    12.09.04    Beispiel Erinnerungsbild Ziehen. Versuch zum Beweis für das Wiedererkennen.