Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie
    IP-GIPT DAS=20.08.2006 Internet-Erstausgabe, letzte Änderung 25.9.6
    Impressum: Diplom-PsychologInnen Irmgard Rathsmann-Sponsel und Dr. phil. Rudolf Sponsel
    Stubenlohstr. 20     D-91052 Erlangen   E-Mail:  sekretariat@sgipt.org_Zitierung  &  Copyright

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    Willkommen in der Abteilung allgemeine und integrative Entwicklungspsychologie, Bereich Bindung, Kindeswohl und Kultur, und hier speziell zum Thema:

    Beiträge zur Kulturanthropologie, Religionskritik,
    Psychologie und Psychopathologie der Religion, der Bindung und des Kindeswohls.

    Kumari - Göttin auf Zeit in Nepal
    Kindesmissbrauch zu religiös-politischen Zwecken?

    von Irmgard Rathsmann-Sponsel und Rudolf Sponsel, Erlangen
    mit kritischen Überlegungen aus bindungstheoretischer Sicht und Sicht des Kindeswohls

    Überblick
    • Einführung: Kindesmissbrauch zu religiös-politischen Zwecken?.
      • Vorbemerkung.
      • Bibliographie.
      • Inhaltsverzeichnisse und Gliederung.
      • Zu den Bilddokumentationen:
        • Bilddokumentation Boulanger.
        • Bilddokumentation Haase-Hindenberg.
      • Erste Näherungen.
        • Basis-Informationen [Verlags-Infos HH].
        • Aus der ZDF-Präsentation HH (2.3.6).
        • Matriarchat.Net: Pressebericht.
    • Grundinformation Nepal.
    • Umbruchzeit in Nepal.
      • »Die KP Nepals grüßt die Kumari.«.
      • »Und wie habt ihr euren König getötet?«.
    • Religiös-kultureller Hintergrund der "Kumari".
      • Blut und Opferkult in Nepal.
      • Inthronisation und die "Schwarze Nacht".
      • Was besagt die religiöse Symbolik der Beziehung Kumari und König?
      • Zum Verdacht Marie-Sophie Boulangers: Ritualisierter sexueller Missbrauch?
    • Auswahl, Vorbereitung und Zustimmung.
      • Auswahlprozedur: die Chefastrologen am Hof haben das Wort.
      • Die Rolle und Zustimmung der Eltern und die Vorbereitung auf das Göttin werden.
      • Amitas Vorbereitung durch die Eltern auf die Auswahl zur Kumari.
      • Amitas Vorbereitung durch das Auswahl-Komitee.
    • Trennung von der Familie, Übergang zur Göttin, Trennungsverarbeitung.
    • Das Leben als Kindgöttin.
    • Vorbereitung auf das Ende des Kindgöttinnendaseins.
    • Vorzeitige Beendigungen des Göttinnendaseins bei Anita und Rashmila?
    • Das Massaker im Königspalast und seine Bedeutung für die Stellung der Kumari (Amita).
    • Die Rückkehr, die Verarbeitung und das Leben danach.
      • GEOonlines Zusammenfassung.
      • Marie-Sophie Boulangers Eindrücke.
      • Amitas (1991-2001) Rückkehr,  Verarbeitung und das Leben danach.
      • Rashmilas (1986-1991) Rückkehr, Verarbeitung und das Leben danach.
        • Darstellung Boulanger.
        • Darstellung Haase-Hindenberg.
      • Anitas (1979-1986) Rückkehr, Verarbeitung und das Leben danach.
      • Nanis (1961-1969) Rückkehr, Verarbeitung und das Leben danach.
    • Psychologische Beurteilung dieser Göttin-auf-Zeit-Erfahrung.
      • Die Gretchenfragen.
      • Bemerkenswerte Sachverhalte im Widerspruch zur Bindungstheorie.
      • Zusammenfasssung.
    • Bewertung der präsentierten Bücher.
    • Literatur.
    • Links.
    • Übersicht Anmerkungen und Endnoten.

    • Aadhyro Kotha * Apotheose * Bewertung *Bindungspathologie kurz und bündig  * Bhara Tayegu * Brahma  * Buddhismus * Chitaidar * Dalai Lama * Dashain-Fest * Déjà vu* Durga * Durga Puja *  Dyo Maju / Dya Maju * falsche Angaben *  Feste in Nepal * Frauen, Kinder und Religionen in Nepal  * Gott * Gottesbilder * Guthi Sanasthan * Hinduismus * Hindu-Trinität * Hinduismus und Islam  * Hofastrologe - Astrologie in Nepal * Hohes Lied der Liebe * Horoskopverweigererung * Ihi-Hochzeit* Illegale Kinderarbeit in Nepal  * Indra-Jatra-Fest * Informationen stimmen?  * Inkarnation * Jatra * keine Skrupel (der Medien)  * Koan  * Kumari * Kumari Bahal * Kumari Chowk * Kumari Chronologie * Mahayana-Buddhismus * Narayan * Narayanhiti Durbar * Nepalesische Staatsreligion * pars pro toto * Parvati * Religiöse Erklärungen und Begründungen * Religion und Religionsgeschichte Nepals * Schwarze Nacht * Sexueller Missbrauch in der  Religion * Sexueller Missbrauch in Nepal und in den Hindugebieten * Shakti *  Shakya-Kaste * Shiva, Shivaje * Taleju * Tantra * Unicef zur Lage der Mädchen in Nepal  * Vajrayana-Buddhismus *  Vishnu *  Wahn * Wirklichkeitsbegriff im Buddhismus * Yihee-Hochzeit > Ihi-Hochzeit * Zen * Zum ersten Mal * Zur Auswahl schreibt Brigitte Merz in ihrer Dissertation *
    • Querverweise.


    Einführung: Kindesmissbrauch zu religiös-politischen Zwecken ?

    Vorbemerkung: Die folgenden Ausführungen beruhen im wesentlichen auf den Informationen durch die beiden Bücher von Marie-Sophie Boulanger (dt. 2004), mit B abgekürzt und Gerhard Haase-Hindenberg (2006), im folgenden bei Zitaten mit HH abgekürzt. In geringem Umfang wird die Dissertation Merz herangezogen [siehe Zur Auswahl], mehr noch einige Internetseiten. [besonders Religionsgeschichte Nepals * Kumari (en.Wikipedia)]. Alle mir bekannten und nützlich erscheinenden Quellen werden dokumentiert, so dass sich jede ein eigenes Bild machen und selbst recherchieren kann. Die Berichte sind in ihrer faktischen und psychologischen Bedeutung und trotz ihres dokumentarischen Wertes mit einer gewissen Vorsicht zu lesen, weil sie natürlich durch die subjektiven Filter der AutorInnen und der mit ihnen verbundenen anderen Kulturen, aber auch durch die Filter der Lektorate und Marketingabteilungen gegangen sind. Bei den Mitteilungen der Details und ihrer Bedeutung und Stellung im Lebensverlauf sollte man daher eine gewisse Vorsicht walten lassen. Und das gilt natürlich auch für meine eigenen Ausführungen. Teilweise fehlen auch wichtige Informationen, wie meist, wenn es um problematische und tabuisierte  Themen geht und religiöse-politische Interessen im Spiel sind [mehr dazu hier].

    Das Problem: Wenn ein dreijähriges Kind aus seiner Familie herausgerissen und mir nichts dir nichts zur Kindgöttin erklärt wird, dann muss die Frage gestellt werden, ob hier nicht ein anachronistischer Kindesmissbrauch zu religiösen Zwecken betrieben wird, der eigentlich die Sozialwissenschaftlichen Fakultäten in Nepal und die Unicef/UN auf den Plan rufen sollte. Das Phänomen der Göttin auf Zeit in Nepal ist nicht nur ein äußerst fragwürdiges menschliches, sondern auch ein extrem entwicklungspsychologisches Kulturexperiment mit einer jahrhundertealten Tradition und damit eine Herausforderung für das Konzept Kindeswohl und Bindungstheorie, wobei natürlich berücksichtigt werden muss, dass Nepal einem anderen Kulturkreis angehört [Frauen, Kinder und Religionen in Nepal; Unicef zur Lage der Mädchen in Nepal; illegale Kinderarbeit]. Die moderne ausschließlich im westlichen Kulturkreis entwickelte Bindungstheorie kann viele Phänomene der Realität nicht nur nicht erklären; mit vielen steht sie in direktem Widerspruch [Bindungspathologie kurz und bündig]. Diese Phänomene nenne ich Bindungsparadoxa. In der Göttin auf Zeit steckt möglicherweise auch ein solches paradoxes Phänomen, das mit der Bindungstheorie in Widerspruch steht oder nicht durch sie erklärt werden kann (z.B.). Durch die relativ einmalige Arbeit der AutorInnen zur Kumari, der Kindgöttin auf Zeit, ist nun erstmals ein genauere Betrachtung dieses Phänomens möglich. Wenn Nepal schon auf Kindgöttinnen aus kulturell religiöser Tradition nicht verzichten kann und will - immerhin wurde die Kumari sogar von den Kommunisten begrüßt, was ihre starke Verwurzelung im Volk deutlich macht, so sollte doch zumindest für eine kindangemessenere Einführung, Begleitung, Umgang mit den Angehörigen und für eine entsprechende Rückführung gesorgt werden. Im Falle Amita (1991-2001) scheint sich hier auch einiges durch den besonderen Einsatz ihres Vaters in die wünschenswerte Richtung zu bewegen.
    Gegenthese: In der englischsprachigen Wikipedia wird eine Zusammenstellung aus The Kathmandu Post zitiert, die einige negative Mythen widerlegen soll, z.B. den populären Aberglauben, dass ein Mann, der eine Kumari heiratet, verloren ist und innerhalb von sechs Monaten stirbt, indem er Blut aushustet. In Wirklichkeit scheint es jedoch, dass die meisten Kumaris schließlich keine Schwierigkeiten hatten, Männer zu finden. Alle lebenden ehemaligen Kumaris mit der Ausnahme der jüngsten haben sich verheiratet.
    Ergänzende Anmerkung: Die frühe Auswahl im Kleinkindalter zum religiösen Führer scheint eine buddhistische Tradition zu sein, wie das Beispiel Dalai Lama nahelegt.



    Inhaltsverzeichnisse und Gliederungen:
    Die beiden deutschen Bücher sind aus entwicklungspsychologischer und bindungstheoretische Sicht nicht so ideal gegliedert, sondern wie folgt:
     
    Inhalt Boulanger (Anita 1979-1986, Rashmila 1986-1991) 

    Prolog: Das Kind vom Kumari Chowk   11

    Erster Teil: Die kleine Königsmacherin
    Kathmandu   21
    Der Festwagen der Kindgöttin   33
    Die verbotene Tür   52

    Zweiter Teil: Durgas Zeichen
    Die hochnäsige Prinzessin von Patan   73
    Die Lumpengöttin von Bungamati   85
    Die kleine Fee von Bhaktapur   98

    Dritter Teil: Die Schwarze Göttin
    Die Besessenen von Patan   115
    Dhana   128
    Talejus Nacht   142

    Vierter Teil: Die Kind-Shakti
    Die abgesetzte Göttin   159
    Rashmilas Schweigen   176
    Diwali   195

    Epilog   207
    Schlussbemerkung zur deutschen Ausgabe   211
    Danksagung   213
    Anhang
    Die 32 Schönheitsmerkmale oder battislaksana   215
    Glossar   217
    Bibliographie   221
    Bildnachweis   223

    Inhalt Haase-Hindenberg (Amita 1991-2001): 

    PROLOG: RECHERCHE MIT ÜBERRASCHUNGEN   9
    RASMILAS LETZTES FEST   17
    DIE AUSWAHL   29
    EXPERTEN DES KÖNIGS   35
    VOM  MÄDCHEN ZUR GÖTTIN   49
    TRAUM UND WIRKLICHKEIT   75
    EINE GÖTTIN IN DER LEHRE   91
    DIE STUMME TOCHTER   105
    KUMARI - SUPERSTAR   127
    DIE KRANKE MÄDCHENGÖTTIN   161
    KALA RATRI - DIE »SCHWARZE NACHT«   167
    ANDERE WELTEN   175
    DAS SCHWERT DES MANJU SHREE   183
    BRIEF AN DEN KÖNIG   193
    DIE LEHRERIN   209
    DIE FREMDE   225
    STREIT UMS GELD   255
    MASSAKER IM KÖNIGSPALAST   265
    DER UNGELIEBTE THRONFOLGER   287
    EIN LANGER ABSCHIED   299
    ERSTE SCHRITTE IN EIN NEUES LEBEN   325
    RÜCKKEHR IN EINE FREMDE WELT   337
    DIE BRAUT DES SURYA BHAGAWAN   351
    DIE ZEIT DANACH   373

    ANHANG
    GLOSSAR   399
    DANKSAGUNG   413
    BILDNACHWEIS   415
     

    Zu den Bilddokumentationen
    Da es sich um eine fremde Kultur handelt, sind die Bilddokumentationen [Boulanger, Haase-Hindenberg] sehr hilfreich, um eine bessere Anschauung und Vorstellung zu erhalten. Dies wird im Zeitalter des Internets aber auch sehr erleichtert, weil man doch relativ schnell und einfach auch Bildinformationen erhalten kann (Links Kumari).



    Erste Näherungen

    Basis-Information [Verlags-Info HH]: "Eine Kindheit hinter Tempelmauern: die wahre Geschichte einer lebenden Göttin
    "Seit Jahrhunderten wird in einem Palast in Kathmandu jeweils ein kleines Mädchen als Jungfrauengöttin Kumari verehrt. Sie lebt getrennt von ihrer Familie und der Außenwelt, ihr Tagesablauf ist bestimmt von religiösen Ritualen. Doch mit dem Ende ihrer Kindheit endet auch ihre göttliche Existenz, und die Kumari muss in ein Leben zurückkehren, auf das sie niemand vorbereitet hat. – Amita Shakyas Geschichte erlaubt erstmals den Blick in einen exotischen Kosmos, zu dem der Westen bislang keinen Zugang hatte.
        Am Tag vor ihrem dritten Geburtstag wird Amita auf den Thron der Kumari gesetzt und in einem geheimen religiösen Ritual zur einzigen lebenden Göttin der Welt geweiht. Denn der Hofastrologe hat in ihr die Wiedergeburt Talejus, der Schutzgöttin Nepals, erkannt. Für Amita beginnt ein Leben hinter Tempelmauern. Vom ganzen Volk verehrt, wird sie an hohen Feiertagen in prunkvollen Prozessionen durch die Stadt gefahren, sogar der König lässt sich von ihr segnen. Die Alltagserfahrungen normaler Kinder aber bleiben Amita verwehrt. Niemand hatte ihr gesagt, dass eine Kumari mit Eintreten der Pubertät abgelöst und zu ihrer Familie zurückgeschickt wird. Und niemand wusste, dass am Ende von Amitas Göttinnenexistenz eine Tragödie stehen würde – das Massaker im Königspalast, bei dem der Regent und dessen gesamte Familie ermordet werden. Hatte die Kumari ihnen den Schutz entzogen? Zum ersten Mal erzählt eine ehemalige Mädchengöttin ihre Geschichte: Der Publizist Gerhard Haase-Hindenberg hat mit Amita Shakya wochenlang intensive Gespräche geführt und ihre Familie, die Priesterschaft und andere ehemalige Kumaris befragt. Mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen versetzt er die Leser in die Psyche eines kleinen nepalesischen Mädchens und berichtet von geheimen religiösen Riten, einer außergewöhnlichen Kindheit und dem schwierigen Weg zurück in die Realität."

    Aus der ZDF-Präsentation zu HH (2.3.6): "Offiziell ist Nepal zwar ein hinduistischer Staat, aber die Kumari muss aus der buddhistischen Shakya-Kaste kommen. Sie darf am ganzen Körper keine Narbe ausweisen. Ein religiöses Komitee bestimmt die Kumari-Kandidatin im zarten Alter von vier Jahren. Das auserwählte Mädchen wird dann aus der Familie geholt, um den Rest seiner Kindheit im Kumari-Tempel verehrt zu werden. Gerhard Haase-Hindenberg ermöglicht in seinem Buch einen Blick in die geheimnisvolle Welt der Kumari."

    Matriarchat.Net: "Pressebericht vom 10.07.2001 22:18 MEZ .
    Mädchen in Nepal zur Göttin Kumari erhoben. Gilt als Wiedergeburt der Göttin der Stärke. [Bild:  Die letzte Kumari (re.) mit SpielgefährtIn], berichtet zur Inthronisation der Nachfolgerin von Amita, über die HH's Buch hauptsächlich handelt.
        "Kathmandu - In Nepal ist am Dienstag (10. Juli 2001) ein vierjähriges Mädchen zur lebenden Göttin Kumari erhoben worden. Das Kind sei entsprechend der Tradition und mit vedischen Riten als Göttin eingesetzt worden, sagte der oberste Priester am nepalesischen Königspalast, Ramesh Prasad Pandey. Kumari gilt den Gläubigen im hinduistischen Königreich Nepal als Wiedergeburt der Göttin der Stärke, Taleju Bhavani. In der vergangenen Woche war die bisherige Kumari aus dem Amt ausgeschieden, weil sie die Pubertät erreicht hatte. Aufgabe der Kumari ist es, die vor ihrem Tempel in der Hauptstadt Kathmandu versammelten Gläubigen mehrmals täglich zu segnen. Bei unglücklicher Kumari wird Naturkatastrophe erwartet. Bei dieser Gelegenheit trägt die lebende Göttin ein prächtiges goldenes Gewand und ihre Stirn ziert ein aufgemaltes drittes Auge. An Festtagen wird sie in einer Sänfte durch die Stadt getragen. "Viele erwarten eine Naturkatastrophe, wenn die Kumari nicht glücklich ist", sagte der Künstler Milan Shakya zur Bedeutung der Göttin. Die Kumari wird traditionell in der Familie Shakya nach einer geheimen und strengen Prozedur ausgewählt. Der Name der neuen Kumari ist Reshmila Shakya. Auch nach ihrer Amtszeit erhalten die lebenden Göttinnen eine bescheidene staatliche Rente. Ehemalige Göttinnen verbringen ihr Leben in aller Regel ehelos. Gläubige Männer scheuen sich, sie zur Frau zu nehmen. (Reuters) [Bild: Karte] Die Newar in Nepal haben es geschafft, ihren Frauen das schreckliche Schicksal der Hindu-Ehefrauen zu ersparen. Denn diese sind in Indien nur die untergeordneten Dienerinnen ihres Gatten, den sie als Gott zu betrachten haben; sie sind die Sklavinnen ihrer Schwiegermutter, für die sie alle schweren Arbeiten verrichten müssen, ihre Ehe ist unauflösbar, und noch bis vor kurzem wurden sie beim Tod des Gatten der Hexerei verdächtigt und mit seinem Leichnam verbrannt - nur so konnten sie sich vom Verdacht des Übelwollens gegen ihn befreien. In Nepal hingegen wurden alle Mädchen mit sechs Jahren symbolisch mit einem Gott vermählt; dadurch blieben sie ihr Leben lang die Gattinnen des Gottes und konnten nicht verbrannt werden, wenn ihr irdischer Mann starb. Nepal kennt keine Witwen. Die irdische Ehe kann von beiden Seiten gelöst werden."
     



    Grundinformation Nepal: Siehe bitte Nepal-Links.
    Über die frühere Geschichte vor 1768 scheint es wenig Material zu geben [1].

    Überblick Geschichte [Quelle Auswärtiges Amt]

    Anmerkung: Leider hängt das Auswärtige Amt mit ihren Informationen immer
    zurück; zur neueren Entewicklung siehe bitte aktuelle Presse und evtl. Wikipedia.



    Umbruchzeit in Nepal
    Die beiden Bücher behandeln hauptsächlich die beiden Kumaris Rashmila (1986-1991) und Amita (1991-2001). Zum weltpolitischen Rahmen und zum nationalen Hintergrund schreiben die beiden AutorInnen:

    »Die KP Nepals grüßt die Kumari.« (HH, S. 50f, fett RS)
    "In diesem Jahr, welches nach dem nepalesischen Kalender das Jahr 2048, nach dem newarischen 1111 und nach dem. gregorianischen 1991 ist, findet Navami (am Ende des nepalesischen Monats Ashwin) Mitte Oktober statt. Seit dem letzten Dashain-Fest hat es in der ganzen Welt große politische Veränderungen gegeben. Im Osten Europas sind die kommunistischen Regime zusammengebrochen, die beiden deutschen Staaten haben sich nach vier Jahrzehnten der Trennung wieder vereinigt, in Südafrika geht die Apartheid ihrem Ende entgegen, und in Israel denkt ein ehemaliger General laut über Friedensverhandlungen mit den Palästinensern nach. Auch der kleine Himalaja-Staat Nepal hat seither einige innenpolitische Veränderungen erlebt. Noch im Frühjahr des letzten Jahres hatte die königstreue Regierung die absolute Monarchie gegen friedliche Demonstranten mit Gewehrfeuer, Tränengas und Massenverhaftungen verteidigt. Der Protest aber nahm immer breitere Formen an, sodass sich der König schließlich im April 1990 über den Rundfunk an sein Volk wandte, die Aufhebung des Parteienverbots ankündigte und für das kommende Frühjahr freie Wahlen versprach. Im Mai siegte dann die Kongresspartei landesweit mit absoluter Mehrheit und stellt seither den Ministerpräsidenten. [<50]
        Dennoch schlagen die Uhren in diesem Jahr 1991 in Nepal anders als in anderen Teilen der Welt, denn jeder dritte der frei gewählten Abgeordneten gehört der Kommunistischen Partei an. Wenngleich auch sie auf  die religiösen Traditionen ihres Landes Rücksicht nehmen müssen und am vergangenen Indra-Jatra-Fest ein Transparent vor die Parteizentrale aufgehängt hatten, mit der Parole: »Die KP Nepals grüßt die Kumari.« Und so sitzt am Durbar-Platz [1,2,], allem politischen Wandel zum Trotz, ein kleines Mädchen auf dem Thron der lebenden Göttin, auch wenn es in dieser Nacht selbst hier eine personelle Veränderung geben wird."

    »Und wie habt ihr euren König getötet?«  (B, S. 12f, fett von RS)
    "Gleich bei der Ankunft löste Kathmandu einen unbeschreiblichen Zauber in mir aus. Ich war hingerissen: Die Nepalesen waren freundlich und fröhlich, die Landschaften atemberaubend, die mit Holzschnitzereien verzierten Häuser glichen dem Theaterdekor eines mittelalterlichen Stücks. Dies war das Paradies.
        Dabei herrschte im April 1991 in Nepal eine wirkliche Revolution, von der wir unserem Wunsch zum Trotz, an die tröstliche Unveränderlichkeit dieses Landes aus einer anderen Zeit zu glauben, durchaus etwas mitbekamen. Eine dumpfe Spannung schien an dem zerbrechlichen und friedlichen Gefüge des kleinen Hindu-Königreichs im Himalaja zu nagen. Innerhalb weniger Monate hatte Nepal mehreren Jahrhunderten absoluter Monarchie den Rücken gekehrt und sich mit Inbrunst in den ersten Wahlkampf seiner Geschichte gestürzt. Kaum war das Land aus seiner jahrhundertelangen Isolation herausgetreten, war man sich schlagartig der fast mittelalterlichen Strukturen bewusst geworden und wollte die verlorene Zeit aufholen. Zu diesem Zweck pries die dortige kommunistische Partei eine radikale Methode: die historische Kurzfassung des Modells der im Himalaja aus welchen Gründen auch immer sehr berühmten Französischen Revolution. In ganz Kathmandu waren riesige Karikaturen plakatiert, die einzig [<12] wirksame Propaganda in einem Land mit einer der weltweit höchsten Analphabetenraten. Eine davon sah einer Karikatur, über die sich ganz Paris während der Generalstände 1789 amüsiert hatte, zum Verwechseln ähnlich. Darauf war ein nepalesischer Bauer dargestellt, der gebückt unter der dreifachen Last eines fetten Brahmanen, eines aus der hohen Kaste stammenden, behäbigen Beamten und eines feisten, debil aussehenden Königs ging. Stärker noch als der Eindruck, mich auf einem anderen Kontinent zu befinden, war der, in eine andere Zeit zurückversetzt worden zu sein: Abgesehen vom topi*, der traditionellen Kappe, anhand derer man den nepalesischen Bauern von seinem Pendant des Ancien Régime unterscheiden konnte, schien das Bild wie abgepaust aus einem liegen gebliebenen Geschichtsbuch eines Touristen. Händler, die mitbekommen hatten, dass wir Franzosen waren, nahmen uns beiseite und fragten: »Und wie habt ihr euren König getötet?« Ich fiel aus allen Wolken: War denn der König in Nepal nicht die unangefochtene Inkarnation des Gottes Vishnu*? Und die braven angehenden Rebellen nickten allesamt mit ihren Kappen: Natürlich war der König der allmächtige Gott in Person - weswegen man trotzdem darüber nachdenken konnte ...
    In jenen Tagen, glaube ich, erkannte ich zum ersten Mal, dass das, was für den Westen ein offenkundiger Widerspruch, ein grundlegender Fehler in der Logik war, für den Nepalesen nichts Unversöhnliches hatte, ganz im Gegenteil."

        Anmerkung: mit * gekennzeichnete Worte werden im Glossar noch einmal besonders erklärt.

    Diese Frage bekommt im Nachhinein eine makabre Bedeutung, weil sich am 1.6.2001 ein Massaker an der könglichen Familie ereignete. Hierauf wird weiter unten noch näher eingegangen.


    Religionsgeschichte Nepals
    Die Religionsgeschichte Nepals ist nicht einfach zu verstehen, weil hier sowohl hinduistische als auch buddhistische Lehren ineinander übergehen und in einer eigenen nepalesischen Form verschmelzen [Überblick über die Religionen Nepals]. Hervorzuheben ist, dass den Nepalesen eine grosse Leistung in religiöser Toleranz gelungen ist. Es dürfte in der Weltgeschichte der Religionen nicht oft vorkommen, dass ganz unterschiedliche religiöse und lebensphilosophische Systeme wie hier z.B. Buddhismus und Hinduismus über Jahrhunderte und Jahrtausende eine solch friedliche Entwicklung nehmen und konstruktiv miteinander verschmelzen - undenkbar im auserwählt-fundamentalistisch-militanten Christentum oder Islam [Hinduismus und Islam].

    frühere Geschichte Nepals. Hier konnte ich in dem Band von Otto Zierer, Die grossen Weltreligionen, Hinduismus, ein paar wenige, aber doch interessante Informationen finden:
     
    Hier wird S. 114f zur Religions-Geschichte Nepals ausgeführt:
    "Ein Beispiel für den ersteren Fall ist Nepal. In diesem Gebirgsland, das so nahe an Buddhas Heimat und seinen späteren Wirkungsstätten liegt, hatte sich der Buddhismus durchgesetzt. Noch im 4. Jahrhundert n. Chr. war Nepal das klassische Land der buddhistischen Mönche. Von den tibetischen Bergen herab drang seit dem 5. nachchristlichen Jahrhundert der Lamaismus und die tantrische Form des Buddhismus in Nepal ein, was dem von großen Göttern und Berggeistern beherrschten, halbmongolischen Volk sehr entsprach. Trotzdem war die hinduistische Grundhaltung der Menschen auf die Dauer nicht auszulöschen. Überall vermengten sich hinduistische und buddhistische Formen, Riten und Anschauungen. Besonders seit dem 14./15. Jahrhundert vollzog sich ein unablässiger Vorgang der Einsickerung des Hinduismus in Nepal, so daß die drei Religionen Buddhismus, Lamaismus und Hinduismus schließlich nebeneinander bestanden, ohne sich gegenseitig zu beanstanden. Ja, die Kraft und Phantasie des Hinduismus überflutete sowohl Buddhismus wie Lamaismus so sehr, daß schließlich die religiösen Vorstellungen, die Riten, Prozessionsfeste, die Gottesdienste und Tempelbauten überall den Charakter des Hinduismus annahmen. Hinduistische Feste wurden von tibetischen Lamas ausgerich-[<115]tet; Hindupriester des Kali-Tempels schmückten diesen mit buddhistischen Opfertischen; Prozessionen zu Ehren Shivas fanden unter Mitwirkung buddhistischer Mönche statt. Die Vermischung der Religionen war vollkommen und völlig friedlich."

    Diese seit Jahrtausenden friedliche Koexististenz kann als kulturhistorische Großtat gar nicht genug hervorgehoben werden. Wie haben sie das gemacht, was können sie besser als die militanten Christen und Moslems?

    ___

    Religiös-kultureller Hintergrund der "Kumari"
     
    "Vor vierhundert Jahren, so erklärt der Volksglaube die Existenz der Mädchengöttin, soll sich einer der Herrscher aus der längst untergegangenen Malla-Dynastie der Göttin Taleju beim Würfelspiel in eindeutiger Absicht genähert haben. Dieser Legende nach sei sie darauf erzürnt aufgesprungen und habe beim Verlassen des Palastes geschworen, künftig nur noch in Gestalt eines jungfräulichen Wesens aus der Shakya-Kaste zu erscheinen. Jener Kaste, der einst auch der historische Buddha entstammte. Fortan erscheint die Hausgöttin des jeweiligen Hindu-Königs immer in der Gestalt eines kleinen buddhistischen Mädchens. Da aber nach nepalesischer Definition mit dem Beginn der Pubertät ein Mädchen aufhört, ein jungfräuliches Wesen zu sein, ist dieses Indra-Jatra-Fest das letzte Fest jener Kumari, die schon bald wieder ihren Geburtsnamen Rasmila tragen wird. Denn in der 'schwarzen Nacht' des Dashain-Festes in einem Monat wird die lebende Göttin auf jenem Thron dort eine andere sein." (HH, S. 19).

    Anmerkung: Der Ursprung der Geschichte thematisiert Grenzüberschreitung und sexuellen Missbrauch.

    Kathmandu - Kumari Ghar. 

    Wie bedeutsam der Kumari-Kult in Nepal ist - etwa vergleichbar unserem Weih- nachten mit Christi Geburt (Taleju schlüpft in die Kumari) - kann man u.a. daran ermessen, dass selbst die Kommunistische Partei Nepals als drittstärkste Kraft zum Indra-Jatra-Fest ein Transparent mit folgender Parole an der Parteizentrale aufhängte: "Die KP Nepals grüßt die Kumari" (HH, S. 51)

    Blut und Opferkult in Nepal
     
    "... Sogar die Royal Air Nepal wird heute auf dem Flughafen so viele Büffel opfern, wie zur Erhaltung der Funktionstüchtigkeit ihrer beiden Maschinen, die ebenfalls mit Blut bestrichen werden, nötig sind. ..."  (B, S. 100f)

    Zur angemessenen Beurteilung des Blutkultes und der Blutopfer muss man berücksichtigen, dass diese Riten sehr stark in den Festen (Pujas) im Volk verwurzelt sind und sozusagen alle NepalesInnen damit aufwachsen. Enthauptete Büffel, Ziegen, Widder, Hähne ... und das Begiessen zu schützender Dinge mit ihrem Blut gehören zum "Alltag" der Feste wie das Feuerwerk am Silvester bei uns. Die Schutzfunktion des mit Tier-Blut-Bestreichens ist im Christentum mit den Ritualen des Segnens (im Krieg natürlich auch der Waffen, damit möglichst viele Feinde sterben), Weihwasser benetzen oder mit der Verwendung des Symbols des Kreuzes vergleichbar.

    B. S. 98f berichtet ihre Beobachtungen und Eindrücke:
        "In einem warmen Strahl ist das Blut hervorgeschossen. Der Mann besprengt Räder und Seitenteile seines Lasters, indem er den Hals des Tieres wie einen Wasserschlauch hin und herbewegt. Nur mit Mühe kann ich meinen Brechreiz unterdrücken. Ein paar Meter weiter zieht eine andere Ziege, die begriffen hat, welches Schicksal ihr bevorsteht, vergebens an ihrem Seil. Alle Arbeitsutensilien, von der einfachen Schraubenmutter bis hin zum Reifen, werden ausgiebig begossen. Rund um das Fahrzeug, das für den Anlass mit Gottesdarstellungen und Blumengirlanden geschmückt wurde, werfen sich lachende Kinder bunte Luftballons zu. Ein echtes Fest! Der Laster hat seine Opfergabe, seine Blutration erhalten: Er wird im kommenden Jahr nicht das Leben seines Fahrers einfordern. In den Buden ringsum wiederholt sich die Szenerie. Ein Handwerker bestreicht die Pfosten seiner Werkstatt mit den Eingeweiden einer Gans, ein Geschäftsmann fährt mit seinem girlandengeschmückten Motorrad ins Büro.
        Seit heute Morgen ist Nepal in ein rotes Bad zu Ehren von Durga getaucht. Es ist Navami, der neunte Tag des Dassain. Das blutige Festmahl der Großen Göttin hat begonnen. Im Morgengrauen habe ich Budhia zur großen Tieropferung im Hof des kot*, der Kaserne im Palast von Kathmandu, geschleift. Er hat es mir übel genommen, das weiß ich. »Diese Hindus sind Schlächter«, sagt er in gedämpftem Ton. Er ist Buddhist, wenn auch kein allzu strenger, wenn es um Geld, Frauen oder eine gute Flasche Tschang geht. Doch die Opferungen im Rahmen von Dassain sind ein wiederkehrendes Streitthema unter meinen hinduistischen Freunden, vor allem bei denen, die aus einer hohen Kaste stammen und von sich behaupten, sie seien schockiert über diese »archaischen« Praktiken,
        Und doch ist Dassain hier mehr als ein hinduistisches Volksfest. Ganz Nepal, der Staat selbst feiert den Sieg der Großen Göttin über den Büffel-Dämon Mahisasura, die Personifikation der Kräfte des Bösen. Aber Durgas Schutz hat seinen Preis. Davon bekommt man schon eine Ahnung, wenn man an den provisorischen Altären vorbeizieht, die ihr zu Ehren in allen Straßen aufgestellt sind: Das mitleidlose Antlitz, der gebieterische Fuß, der den üblen Dämonen zertritt, die wirbelnden Arme, die einen Kriegstanz vollführen und Schwert und Lanze schwingen, wollen nichts als Blut, Blut und nochmals Blut.
        Damit die Massentötung stattfinden kann, werden seit Tagen Ziegenböcke, Schafe und hunderte anderer Tiere herdenweise in die Städte Nepals getrieben. ..."



    Inthronisation und die "Schwarze Nacht"
     
    Taleju reinkarniert in die Kumari
    Die Göttin Taleju, die sowohl das Gute als auch das Böse enthält  - also nach christlicher Analogie Gott und den Teufel in einem vereint - ist die Schutzgöttin der Könige von Nepal, in der Staatsreligion selbst als Inkarnationen des Gottes Vishnu angesehen, die in der Schwarzen Nacht der Inthronisation in die Kumari "schlüpft" (Apotheose). Bereits hier sieht man die extrem enge Verbindung von politischer Herrschaft, Königtum und Religion. Die Göttin wird also zu Fleisch, im Christentum spricht man von Inkarnation (Fleischwerdung - des Göttlichen; allgemeiner kann man von Verkörperung sprechen) und ist deshalb aus christlicher Tradition relativ einfach zu verstehen durch die Figur des Christus selbst und vor allem durch die Kommunion (Abendmahl, Eucharistie), die ja ein extrem phantastisches und blutrünstiges Geschehen zum Inhalt hat, so dass sich hinduistische und christliche Phantasmen grundsätzlich sehr ähnlich sind -  wie auch viele andere sonst in den Religionen der Welt. Zu allen religiösen Kulten gehört, dass sie mit Geheimnis und Tabu umgeben und angereichert sind. Dies dient der Macht, dem Nimbus und Schutz der Priesterschaft. Viele Religionen haben im Laufe ihrer Geschichte psychopathologische und kriminelle Riten entwickelt. Doch was einerseits psychopathologisch und kriminell anmutet und strafrechtlich verfolgt wird, wird zu einer sakralen (heiligen) Handlung, wenn sie von Propheten oder Priestern im Rahmen eines religiösen Ritus ausgeübt wird. Marie-Sophie Boulanger stellt daher die Frage, ob hier nicht sogar sexueller Kindesmissbrauch vorliegt, was nicht völlig aus der Luft gegriffen wirkt. 
    Religiös-Metaphysische Rituale
    In fast allen Religionen gibt es das Phänomen, dass Götter von Menschen Besitz ergreifen (psychopatho- logisch betrachtet einen Wahn ausbilden, wenn sie es richtig glauben), Götter in Menschengestalt auftreten oder Menschen zu Göttern werden. Das hatte und hat auch oft eine politische Herrschaftsfunktion, die nicht selten sehr gefährliche Formen für den Welt- und Landesfrieden annahm, besonders dann, wenn ein Auserwählt- Wahnsystem mit Missionierungsauftrag zusammen traf, eine Spezialität der Christen und Moslems, nicht der Buddhisten. Religion - nach Marx trefflich als das Opium fürs Volk gekennzeichnet  - und Macht waren immer die engsten Verbündeten und es ist als eine der größten emanzipatorischen Großtaten der westlichen Kulturgeschichte anzusehen, dass dieser Irrsinn durch die Französische Revolution im Zuge der Aufklärung zumindest im Grundsatz überwunden wurde. Die Aufklärung hat aber nicht erkannt, dass der Mensch metaphysische Bedürfnisse hat. Daher sind die alten mit Psychopathologie durchsetzten Religionen immer noch sehr mächtig. Man hat ebenso dümmlich wie sträflich versäumt, den metaphysischen Bedürfnissen der Menschen Rechnung zu tragen. Nur die wenigsten scheinen in der Lage, auf metaphysisches "Bimbamborium"  innerlich ganz zu verzichten, ohne dadurch den Sinn [2,3] des Lebens oder der Welt in Frage zu stellen und in Zynismus oder Nihilismus abzudriften. Um dem Leben einen Sinn abzugewinnen braucht man keinen Gott und keine Religion.

    Was besagt die religiöse Symbolik der Beziehung Kumari und König ?
    Diese Frage ist mit meinen geringen Kenntnissen der nepalesischen Religionslehre nicht zu beantworten. In Nepal gibt es eine Staatsreligion. Der König nimmt in Anspruch, die Inkarnation Vishnus zu sein und die Kumari ist eine Inkarnation der Durga, beide repräsentieren also höchste Gottheiten. Die offizielle Funktion der Kumari ist der Schutz des Königs und seines Reiches und die alljährliche Bestätigung seiner Herrschaft.
        Die Internetseite Die Religionsgeschichte Nepals führt aus: "Im Shaktismus wird dem weiblichen Prinzip eine ausschlaggebende Bedeutung innerhalb des Weltprozesses zugeschrieben. Entweder wird die höchste Gottheit als weibliches Wesen verstanden (Durga, Kali etc.) oder die männliche Gottheit kann nur mit Hilfe von weiblichen Energien (shakti) ihre Wirksamkeit entfalten. Die Anhänger des Shaktismus lassen sich in zwei Gruppen unterscheiden, von denen das Ritual der "right hand"-Shaktas allen offensteht, während die Zeremonie der "left hand"-Shaktas geheim und nur Eingeweihten zugänglich ist. In ihren Riten werden die "fünf Mukara" angewandt: Mada (Wein), Matsja (Fisch), Mamsa (Fleisch), Mudra (geröstete Körner), Maithuna (Geschlechtsverkehr). Damit übertreten die Shaktisten bewußt eine dem orthodoxen Hindu gesetzte Tabugrenze, aber nicht um der Ausschweifung willen, sondern auch nur zur Erreichung des höchsten göttlichen Zieles."

    Zum Verdacht Boulanger: Ritueller sexueller Missbrauch zu "religiösen" Zwecken ?
    Betrachtet man sich das Äußere, so fällt auf, dass die kleinen Kindgöttinnen erotisch im Sinne verführerischer Früherwachsener gestylt werden, was eigentlich - aus unserer Sicht - gar nicht zu einem kleinen Mädchen passt - andererseits: die Göttin soll natürlich schön sein und so wird sie ja auch ausgewählt.:


    Quelle: Kumari aus dem Cover des Buches von Haase-Hindenberg.

    Der Verdacht eines ritualisierten sexuellen Missbrauchs bei der Inthronisation der Kumari wurde von Boulanger in ihrem Buch (S. 185-194) durch Berufung auf  Literaturhinweise gegründet, ich zitiere S. 191f (fett hervorgehoben RS):

        "Ich versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, was ich über diese berühmte Nacht weiß, in der die künftige Göttin in ihren Status erhoben wird. Nach der Prüfung der blutigen Büffelköpfe wird das Kind zu den Priestern in den Tempel von Taleju gebracht. Sämtliche Rituale müssen geheim bleiben, damit die tantrische Magie nicht ihre Wirkung verliert. Dennoch habe ich die Beschreibung eines Abschnitts dieser Initiation gelesen, wie er dem Ethnologen und Nepal-Forscher Gérard Toffin von einem Priester anvertraut wurde. Eine Reihe von magischen Vorgängen soll das Mädchen darauf vorbereiten, von der Göttin beseelt zu werden. Zunächst wird das nackte Kind vom Oberpriester gewaschen, um es von seinen bisherigen Erfahrungen zu reinigen. »Auf diese destruktive Phase, eine Desindividuation gewissermaßen, folgt eine Reihe weiterer Riten, die den Körper des Kindes in einen göttlichen Körper verwandeln sollen. Zu diesem Zweck berührt der Priester sechs Körperstellen des Mädchens, die so genannten anga, mit einem Büschel aus Eragrotis cynasuroides kusa, einem Gras, das für religiöse Zwecke so weit verbreitet ist, dass man glauben möchte, es könne alles reinigen. Die sechs Körperstellen sind: Augen, Vulva, Vagina, Nabel, Brust [<191] und Hals. Je weiter der göttliche Geist sich in ihr niederlässt, desto mehr verfärbt sich der Körper des Kindes rot, was die Farbe der Kumari ist.« [FN9:  Gérard Toffin, »Le Palais et le Temple«.]
        Damals hatte ich nicht wirklich begriffen, was dieses eigenartige Ritual bedeutet. Jetzt bekomme ich langsam eine Ahnung von den Zusammenhängen und mir wird klar, was dieses Mädchen, das noch ein Kleinkind ist, durchmacht. Sie wird von Männern ausgezogen, gewaschen und an den intimsten Stellen ihres Körpers, auch an den inneren Geschlechtsmerkmalen, berührt.
        Für mich liegt es auf der Hand, dass allein eine solche Zeremonie bereits ausreicht, um ein Kind in gleicher Weise zu traumatisieren wie durch einen Geschlechtsakt. Und was ich über den Tantrismus und seine Riten weiß, nimmt mir nicht meine Sorge hinsichtlich der nachfolgenden geheimen Stufen der Zeremonie oder der übrigen Rituale, an denen die Kumari im Laufe ihrer Herrschaft teilzunehmen hat.
        ... Ich hatte noch nicht die Zeit gehabt, den englischen Text des Nepalesen Jagadish zu lesen. Darin geht es um frühere tantrische Kulte mit jungfräulichen kleinen Mädchen, Schnell überfliege ich die verschiedenen Gestalten der Shakti, wie sie Mädchen (im Alter von einem bis sechzehn Jahren) vor ihrer Pubertät verkörpern. [<192] Der Autor erwähnt die von den Tantras vorgeschriebenen Voraussetzungen für eine spirituelle Verwirklichung: Zu jeder Kaste gehöre ein ganz bestimmter Typus von Kindern. Der Autor kommt zu folgendem Schluss: »Der letzte Zweck der Verehrung einer kindlichen Jungfrau bleibt im Dunkeln, aber es hat den Anschein, als hätten die Gläubigen im Anschluss an die Verehrung sexuelle Beziehungen mit ihnen.« [FN10: C. Regmi Jagadish, »The Kumari of Kathmandu«.]. Jagadish beendet das kurze Kapitel mit dem Hinweis darauf, man könne aus den Schriften darauf schließen, dass dieser Kult von den nepalesischen Königen Pratap Malla und Pratap Singh Shah ausgeübt worden sei.
        Der von den hohen Kasten mit kleinen Jungfrauen aus niedrigen Kasten betriebene Kult mit dem Ziel, übernatürliche Kräfte zu erlangen, ist ein Klassiker des Tantrismus. Aus dem gleichen Grund standen in Indien auch die devadasi, die Tempelprostituierten, im Ruf, den hohen Kasten, die ihre Dienste in Anspruch nahmen, die Gunst der Götter zu sichern. Durch ein Paradox, wie es für den Tantrismus, bei dem Grenzüberschreitung und die Umkehrung religiöser Regeln gängige Praxis sind, typisch ist, war ihre Unberührbarkeit eine Garantie für die Wirksamkeit magischer Rituale. Die Parallele zu den Kumaris springt ins Auge: Sie, die bei orthodoxen Brahrnanen praktisch als unberührbar gelten, werden dennoch, selbst von den Königen, als Göttinnen verehrt.
        Wie soll man in Erfahrung bringen, nach welcher tantrischen Richtung die kleinen in Tempel und Palast eingeschlossenen [<193] Göttinnen heute noch leben? Ich wage kaum, für mich selbst die Vermutungen zu formulieren, die mich quälen: Sollten die Kumaris Gegenstand tantrischer Riten sein, die gar nicht so symbolisch sind, wie behauptet wird? Was ich über ihren Kult erfahren habe, ihr Verhalten als offenkundig traumatisierte Kinder und das Wesen selbst ihrer Funktion als Shakti, die das Königreich fruchtbar zu machen hat, scheint mir eine Antwort zu geben, wie ich sie nicht haben will. Allmählich begreife ich besser, warum man munkelt, ehemalige Kumaris würden ihr Schicksal als Prostituierte in Indien besiegeln. Ob sie nun stimmen oder nicht, diese Gerüchte sind jedenfalls Ausdruck eines Unbehagens bezüglich der Sexualität der ehemaligen Göttinnen.
        Ich bin sehr niedergeschlagen. War der starre, tote Blick des kleinen Mädchens vom Kumari Chowk, der mich so beschäftigt hatte, der einer kaputten Puppe? Was mir zu Beginn meines Aufenthalts als erstaunliche Umkehrung der Machtverhältnisse erschien, ein Kind, das Kräfte besaß, denen sich sogar Könige unterwarfen, kommt mir heute vor wie eine entsetzliche Abscheulichkeit. Eine Umkehrung war es schon, doch nicht der Art, wie ich es vermutet hatte. Diese Mädchen stehen im Dienst des Kults, nichts anderes. Eine Allianz von Palast und Tempel, deren Spielzeug, deren tantrische Instrumente sie sind.
        Wenn dies das Ende meiner Suche sein sollte, so machte mich meine Entdeckung nicht glücklich."

        Zu berücksichtigen ist hier natürlich aber auch, wie diese Rituale von der nepalesischen Gesellschaft beurteilt werden. Das dürfte aber gar nicht richtig möglich sein, weil weitgehend unbekannt sein dürfte, was im Kumari Bahal genau geschieht: die Priester werden sich dort genau so wenig in die Karten schauen lassen, wie sonst auf der Welt, wenn sie es nur irgendwie vermeiden können, weil sich öffentliche Supervision und spirituelle priesterliche Macht ausschliessen (Informationen). Möglicherweise wollen Volk und Gesellschaft auch gar nicht so genau wissen, was da wirklich vor sich geht, wie Boulanger mutmasst. Vielleicht finden aber auch die intellektuelle und spirituelle nepalesische Elite einen Weg, die Kluft zwischen traditionellem Ritus und wissenschaftlicher Bindungstheorie konstruktiv zu überwinden. Gerade die asiatische Problemlösungs-Kultur des Zen mit seinen Koans könnte dafür gut gerüstet sein.

    Das Massaker im Königspalast am 1.6.2001 und seine Bedeutung für die Stellung der Kumari (Amita).

    Kurz vor der schon angekündigten Beendigung der Amtszeit der Kumari Amita geschieht etwas Ungeheuerliches:


    Quelle: Chronik 2001Tag für Tag in Wort und Bild, S. 93, Chronik-Verlag.

    Diese Familentragödie im Königshaus wirft natürlich die zum Koan geeignete Frage auf: Wieso konnte die Kumari, die Schutzgöttin des Königshaus, den König und seine Familie nicht schützen? Weitergehend ergibt sich die Frage, was folgt für den Kumari-Kult und die Funktion der Kumari, wenn sich zeigt, dass sie diese Aufgabe nicht erfüllen kann? Und wie hat die noch amtierende Kumari, Amita, dieses außergewöhnliche Ereignis verkraftet? Hatte sie Schuldgefühle?

    Anmerkung: Danach wurde Gyanendra König [, Wikipdia, ], dessen diktatorische Maßnahmen sehr kritisch bei HH, S. 385f beschrieben werden.

    Die Reaktion der Kumari auf die Ermordung der Königsfamilie
    HH, S. 278, berichtet: "Nachdem die grausame Wahrheit bis in den Thronsaal der Kumari gedrungen war, hat sich Durga schließlich mit der Mädchengöttin zurückgezogen und mit ihr über das Ereignis gesprochen. Obgleich sie ja selbst keine Hintergründe, geschweige denn Details, kennt. Vor allem hat sie ihr verschwiegen, dass in den ausländischen Nachrichtensendungen ein schrecklicher Verdacht gegenüber Dipendra ausgesprochen wird. Denn die Kumari soll dem neuen König nicht voreingenommen begegnen, falls er genesen und sie um die Tika bitten sollte.
        »Lang lebe Dipendra!«, tönt es zum Wohnzimmer der Kumari herauf. Grölende Gruppen meist junger Männer ziehen durch die Stadi und skandieren immer wieder ihre Verbundenheit mit dem neuen König. Durga, die hinter der Mädchengöttin steht und mit ihr gemeinsam auf den Basantapur-Platz hinausblickt, erkennt hinter dieser Sympathiebekundung für Dipendra die Ablehnung Gyanendras.
    Durga spürt eine wachsende Unruhe in sich aufsteigen. Weiß sie doch aus eigener Erfahrung, wie schnell eine scheinbar friedliche Demonstration in nackte Gewalt umschlagen kann. Dafür hat es in den letzten Jahren mehr als ein Beispiel gegeben - drüben in der New Road, auf dem Kantipath-Boulevard und vor einigen Jahren selbst hier auf dem Basantapur-Platz. Sie ist den Sicherheitsorganen dankbar, dass sie seither beim Ausbrechen von Unruhen immer sofort den Platz neben dem Kumari Bahal abriegeln. Die Umgebung des Wohnsitzes der Mädchengöttin war ebenso zur »Bannmeile« erklärt worden wie die des Königspalastes und des Parlaments.
        Durga zwingt sich zur Ruhe, um sich der Dyo Maiju gegenüber nicht anmerken zu lassen, dass sie Angst hat. Nur zu gut kann sie nachempfinden, welche enormen inneren Konflikte die Mädchengöttin in diesem. Moment auszuhalten hat.
    Noch einmal sieht sie Mousuf Sarkar ganz deutlich vor sich, wie er unterhalb des goldenen Fensters steht und ihr zuwinkt. Damals hatte sie Sorge, es könnte ein Abschiedswinken sein. Nun weiß sie, dass es ein Abschiedswinken war! Sie sieht ihn neben der Königin auf dem Balkon dort drüben stehen, am Indra-Jatra-Fest, und sie blickt noch einmal in das Gesicht mit der großen Brille und dem sanften Lächeln - er kommt ganz nah zu ihr herunter, damit sie ihm die Tika geben kann.
        Es ist nicht schön, dass sie Mousuf Sarkar nie mehr sehen wird. Aber es freut sie, dass er jetzt als kleiner Tropfen zurückkehrt ins große Meer, das Nirwana heißt. Dort ist er für alle Zeiten unangreifbar. Seine Mörder haben ihr Ziel nur hier auf dieser Erde erreicht ... im Nirwana aber haben sie keine Macht.
    »Du musst nicht traurig sein. Sie haben ihr Ziel nicht erreicht!«, sagt die Kumari und reißt Durga aus angstvollen Vorahnungen.
    »Von wem sprichst du?«
    »Von den Dämonen, die Mousuf Sarkar getötet haben. Im Nirwana endet ihre Macht, und er wird nun wieder Teil des großen Meeres!«
    Einen Augenblick lang denkt Durga darüber nach, ob dieses buddhistische Bild der positiven Leere auf einen hinduistischen König angewendet werden kann, der immerhin als Inkarnation des Gottes Vishnu galt. Dann aber huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, denn sie ahnt, dass die Mädchengöttin Recht hat."



    Auswahl, Vorbereitung und Zustimmung.

    Psychologisch interessiert uns hier vor allem: wie wird das Kind vorbereitet? Wie wird den Eltern geholfen, ihr Kind, aber auch die ganze Familie auf die neue Rolle und Situation vorzubereiten? Wie werden Umgangsfragen und andere wichtige Kindeswohlfragen geregelt?

    Auswahlprozedur: die Chefastrologen am Hof haben das Wort
    "Schon seit Stunden brütet der Astrologe über den Horoskopen von kleinen Mädchen aus der Shakya-Kaste. Eine von ihnen, daran glaubt er fest, ist zur nächsten Kumari des Königs bestimmt. Dieser unerschütterliche Glaube lässt für den Astrologen von vornherein gar nicht erst die Möglichkeit zu, etwa alle Aspirantinnen für ungeeignet zu halten.
        Seine Aufgabe ist es, ehe er sich mit seinen Kollegen im königlichen Palast endgültig beraten wird, eine astrologische Analyse zu erarbeiten. Sein Wort wird bei der Auswahl Gewicht haben, niemand wird ernsthaft an der Analyse des weisen Mannes zweifeln. Schon gar nicht die drei anderen Hofastrologen, die einst allesamt seine Schüler waren. Und so entscheidet sich in diesem Moment in einem dunklen Hinterhof in Patan das Schicksal eines kleinen Mädchens, das zu diesem Zeitpunkt noch irgendwo in Kathmandu im Kreise seiner Familie lebt.
        In einem Flügel des geräumigen Königspalastes hat der Chefastrologe seine Berechnungen entlang der Wand aufgehängt. Keiner der drei anderen Astrologen weiß, wessen Horoskop sich hinter den Ausarbeitungen ihres Meisters befindet. Deren Blicke nämlich sollen sich ausschließlich auf die Konstellation der Gestirne richten. Doch ehe [<30] der Chefastrologe seine Kollegen nach vorn bittet, um die Ausarbeitungen vorzustellen, gefällt er sich noch einmal in der Rolle des Lehrers. Auch wenn alle Anwesenden längst Meister ihres Fachs sind, referiert Mangal Raj Joshi  zunächst über die große Weisheit des Universums. Er spricht über die Bedeutung der Sonne im Verhältnis von hell und dunkel, heiß und kalt, gut und böse. Schließlich ermahnt er seine Kollegen angesichts der bevorstehenden Aufgabe, sich der großen Verantwortung bewusst zu sein. Dann tritt er an die Ausrichtungen heran und erläutert insbesondere die unterschiedlichen Konstellationen von Sonne, Mond und Jupiter, verweist auf die störenden oder positiven Aspekte anderer Gestirne. Durch die Art und Weise aber, wie er die einzelnen Konstellationen deutet, gibt es kaum Zweifel, welches Horoskop wohl am ehesten jenen edlen Qualitäten entspricht, die sie »Rajuk« nennen. Sie müssen höherwertiger als die des Königs sein. Neben den körperlichen Voraussetzungen, die andere zu beurteilen haben, sind die geistigen und charakterlichen Qualitäten, die eben dem Horoskop zu entnehmen sind, für eine Kumari unerlässlich. Genau dies herauszufinden ist die Aufgabe des hier versammelten Gremiums. Jeder der Astrologen tritt einzeln zu den Berechnungen und betrachtet die Ausarbeitungen aus nächster Nähe. Gelegentlich schreibt sich einer etwas auf, bevor er die anderen Planetenkonstellationen betrachtet und mit den Notizen vergleicht. Endlich notiert jeder die Nummer seines favorisierten Horoskops auf einen Zettel und legt ihn gefaltet auf den Tisch des Chefastrologen. Langsam und mit würdiger Miene öffnet der alte Mann endlich einen Zettel nach dem anderen, betrachtet ihn jeweils kurz und legt ihn zustimmend zur Seite. Schließlich stellt er befriedigt Einstimmigkeit fest. Dabei hätte es genügt, wenn nur einer der drei anderen Astrologen zum gleichen Ergebnis wie er gekommen wäre. Die Bestimmung sagt nämlich, dass die einfache Mehrheit genügt, im Fall eines Patts jedoch die Stimme des Chefastrologen den Ausschlag gibt." (HH, S. 30f).

    Die 32 Schönheitsmerkmale oder battislaksana [Sekundär-Quelle Anhang Boulanger S. 215f]
    Gemäß den Tantras, heiligen Schriften, die für die Auswahl künftiger Kumaris herangezogen werden,
    1.  Wohlgestaltete Füße.
    2.  Ein Kreis unter der Fußsohle.
    3.  Eine wohlgeformte Ferse.
    4.  Lange Zehen.
    5.  Füße und Hände wie die einer Ente.
    6.  Zarte und geschmeidige Füße und Hände.
    7.  Ein Körper in der Form eines Saptacchata-Blattes.
    8.  Die Schenkel eines Rehs.
    9.  Tief im Becken sitzende Geschlechtsorgane.
    10.  Runde Schultern.
    11.  Die Brust eines Löwen.
    12.  Lange Arme.
    13.  Ein reiner Körper.
    14.  Ein Hals wie eine Muschel.
    15.  Wangen wie die eines Löwen.
    16.  Vierzig Zähne.
    17.  Wohlgestaltete Zähne.
    18.  Weiße Zähne.
    19.  Eine kleine Zunge.
    20.  Eine feuchte Zunge.
    21.  Die tiefe Stimme eines Spatzes.
    22.  Schwarzblaue Augen.
    23.  Die Wimpern einer Kuh.
    24.  Ein schöner Schatten.
    25.  Ein goldfarbener Schatten.
    26.  Eine schöne Hautfarbe.
    27.  Glattes, aber sich nach rechts drehendes Haar.
    28.  Schwarzblaues Haar.
    29.  Eine breite Stirn.
    30.  Ein runder Kopf.
    31.  Ein Körper wie ein Banyanbaum (Nyagrodha).
    32.  Ein kräftiger Körper.
        (Aus  »Kailash. A Journal of Himalayan Studies«, 1974, Bd. II, Nr. 3)

    Die weitere praktische Auswahl wird unter Das Verhalten des Auswahl-Komitees ausgeführt.

    Die Rolle und Zustimmung der Eltern und die Vorbereitung auf das Göttin werden.
    Kumari werden geht nicht ohne Zustimmung der Eltern. So gesehen tragen die Eltern letztlich die Verantwortung. HH, führt hierzu u.a. S. 35 aus:
     
    "EXPERTEN DES KÖNIGS
    Wenn der Astrologe das beste Horoskop gefunden hat, sagt er Bescheid, und es werden die zweiunddreißig erforderlichen körperlichen Merkmale überprüft. Meine Frau untersucht das Mädchen nackt. Wenn wir damit fertig sind, sagen wir dem König, dass wir das richtige Mädchen gefunden haben.
    RAMESH PRASAD PANDEY, Mul Purohit - königlicher Oberpriester 
    Wenn man seine Tochter nicht als Kumari hergeben will, so ist das möglich. Aber dann darf man das Horoskop nicht aushändigen. Denn wenn die Horoskope erst mal überprüft sind und die Wahl getroffen wurde, kann man keinen Rückzieher mehr machen.
    AMITAS VATER"

    Anmerkung: HH, S. 232, berichtet auch, dass zur Auswahl der Nachfolgerin Amitas, sich viele Eltern von in Frage kommenden Töchtern weigerten, das Horoskop ihrer Töchter auszuhändigen.

    Eine angemessene Vorbereitung auf das Göttinnendasein scheint es nicht zu geben. Es ist allerdings auch objektiv schwierig, wenn man bedenkt, dass Amita 1 Tag vor ihrem dritten Geburtstag inthronisiert wurde. Und was wollte man auch selbst einer aufgeweckten Dreijährigen wie im Falle Amita erklären?

    Amitas Vorbereitung durch die Eltern auf die Auswahl zur Kumari.  (HH, S. 36f)
        "Seit Tagen leben sie nebeneinander her, konfrontiert mit der schicksalhaften Deutung des königlichen Astrologen, und ohne ein Wort über deren Konsequenzen - nicht miteinander und schon gar nicht mit den Mädchen. Nun würde es Amrits Aufgabe sein, Amita den Zweck des gemeinsamen Besuchs im Narayanhiti Durbar, dem neuen Königspalast im modernen Teil von Kathmandu, zu erläutern.
    Amrit hat seine beiden Töchter in die Wohnstube gerufen und sich dort mit ihnen auf den Fußboden gesetzt. Er hat angefangen, von der Kumari zu erzählen. Er hat erläutert, wie wichtig es ist, dass ein kleines Mädchen über das Land wacht, und wie schön es für dieses Mädchen ist, von allen Menschen verehrt zu werden. Die Töchter des Amrit Man Shakya hören ihm zu, und als er an das letzte Indra-Jatra-Fest erinnert, teilen sie lebhaft ihre Erinnerungen mit. Sie fallen sich gegenseitig ins Wort, sprechen von der riesigen Krone der Kumari und deren goldenem Wagen, beklagen sich, dass der König keine Krone getragen hat und sie schon so früh nach Hause mussten.
    »Diese Kumari wird aber schon bald keine Kumari mehr sein«, sagt Amrit, und seine Töchter sehen ihn an, als ob er den Weltuntergang verkündet hätte.
        Irgendwie hat er das Gespräch falsch angefangen, geht es ihm durch den Kopf. Um eine positive Wendung hinzubekommen, ruft er ihnen zu: »Bald wird ein anderes hübsches Mädchen unsere neue Kumari!«
        An den ratlosen Mienen seiner beiden Töchter kann Amrit erkennen, dass sie ihn nicht verstehen. Woher sollten sie auch wissen, dass [<36] eine Kumari nicht vom Himmel fällt, sondern ein Mädchen aus einer ganz normalen Familie ist? Eine Göttin auf Zeit.
         »Die Kumari ist zwar eine Göttin. Aber sie ist auch ein Mädchen, die eine Ma und einen Baa hat. So wie ihr!«, versucht er eine Erklärung und er ist Anita dankbar, als sie ihm mit ihrer Bemerkung fast ins Wort fällt: »Dann können wir ja auch die Kumari sein ...!«
        Amita springt begeistert auf, hüpft durch das ganze Zimmer und ruft: »Jaaaa, ich will eine Kumari sein!«
        Anita aber lässt sich aus der Hocke nach hinten fallen und lacht.
        »Du  siehst ja gar nicht aus wie die Kumari!«, ruft sie. Und nachdem sie sich wieder aufgerichtet hat: »Wo ist denn überhaupt deine Krone?«
        Amitas Antwort erfolgt prompt: »Ich gehe mit Ma eine kaufen!«
        Amrit ruft seine jüngere Tochter zu sich und nimmt sie in den Arm.
        »Du bekommst die Krone, die die Kumari am Indra-Jatra-Fest getragen hat. Denn wenn sie keine Kumari mehr ist, dann braucht sie sie  ja nicht mehr.«
        Die beiden Mädchen sehen ihren Baa überrascht an. Auch wenn sie diese Bemerkung in ihrer ganzen Bedeutung nicht verstehen, so spüren sie offensichtlich in diesem Moment, dass dahinter keine Fantasterei steckt.
        Amrit ist froh, dass es ihm fast spielerisch gelungen ist, Amita ein wenig auf ihre künftige Rolle vorzubereiten. Auch wenn es über eine verbale Ankündigung noch nicht hinausging. Während des morgigen Besuchs im Kumari Bahal wird es sicher eine Gelegenheit geben, ihr zu erklären, dass dieser Palast ihr künftiger Wohnsitz sein wird. In den nächsten Tagen wird er dann auch Anita darauf vorbereiten müssen, dass sie ihre weitere Kindheit ohne die kleine Schwester verbringen wird. Im Augenblick aber will er das Thema nicht weiter vertiefen. Es wird schließlich für alle Beteiligten noch schwer werden. Und Amrit ist froh, in seiner Frau eine starke Partne-[<37] rin zu haben. Mit ihrer bemerkenswerten Entschlossenheit, der Göttin Taleju die eigene Tochter zur Verfügung zu stellen, hatte sie schnell seine anfänglichen, unausgesprochenen Zweifel zerstreut."
     
    Nach der Darstellung von HH werden die Eltern von den Verantwortlichen (Auswahl-Komitee, Priester, Palast, entwicklungspsychologisch kundigen Sozialwissenschaftlern) völlig allein gelassen werden, ihrem Kind zu erklären, was geschehen wird und soll. 

    Amitas Vorbereitung durch das Auswahl-Komitee.  (HH, S. 40f ):
    "Von seinem Stammplatz aus entdeckt der Chitaidar, wie Amrit Man Shakya mit seiner kleinen Tochter über den Hof kommt. Er ruft nach seiner Frau und eilt den beiden Besuchern entgegen, um zu verhindern, dass sie die Treppe bis in den Thronsaal hinaufsteigen. Die voraussichtlich neue Kumari soll der derzeitigen Mädchengöttin nicht begegnen.
        In dem lang gestreckten Raum eine Etage tiefer sitzen sie sich schließlich gegenüber. Der Vater der künftigen Kumari ist ein bescheidener Mensch, seit vielen Jahren Busfahrer - der Chitaidar hatte Erkundigungen über ihn eingeholt. Dieser einfache, freundliche Mann sorgt für seine Familie und begeht alle Feiertage nach den strengen Regeln des von den Newar [RS: Volksgruppe] praktizierten Vajrayana-Buddhismus. Ein solcher Mann, so mag sich der Chitaidar überlegt haben, wird weder übertriebene Ansprüche noch überflüssige Fragen stellen. Und seine Frau, die eigentliche Chitaidar, scheint keine Zweifel zu haben, dass die Gutachter des Palastes und  auch der König selbst dieses ausgesprochen hübsche Mädchen als Kumari bestätigen werden.
        Sie mag es, dass die freundliche Frau dauernd zu ihr sagt, wie hübsch sie ist. Es gefällt ihr auch, wenn sie sagt, dass sie es hier ganz sicher schön finden wird, und alle, die hier wohnen, sich schon auf sie freuen. Und als der Mann mit der großen Brille erzählt, dass es im Haus auch noch andere Kinder gibt, sagt sie, dass sie ihre Schwester Anita mitbringen will. Ihre Ma will sie auch mitbringen, die kann sehr schön singen, und abends kommt Baa dann von der Arbeit und bringt für alle Erdnüsse mit ...
        Warum aber freuen sich denn die fremden Leute nicht? Sie schaut zu ihrem Baa, aber auch der schaut ernst auf den Boden. Dann sagt der fremde Mann, sie würden jetzt zusammen zum König gehen, der möchte sie unbedingt kennen lernen. Und als sie fragt, ob er heute die Krone auf dem Kopf hat, wie auf dem Bild zu Hause, da lachen nun doch noch alle, und sie lacht auch.
        Es ist schon fast eine halbe Stunde her, seit die Frau des Mul Purohit die kleine Amita an die Hand genommen und den hohen Gang entlanggeführt hat. Seitdem sitzt der Vater des Mädchens neben dem Chitaidar auf dem Flur im Königspalast und wartet. Sein Begleiter, das ist ihm schnell klar geworden, hat keine Ambitionen, sich mit ihm zu unterhalten. Wann immer Amrit Man Shakya den Ansatz dazu machte, antwortete der Chitaidar knapp und scheinbar unwillig. Warum das hier denn so lange dauern würde, wollte Amitas Vater wissen,
    »Der Astrologe stellt erst noch das Horoskop vor«, bekam er zur Antwort." [<41]



    Trennung von der Familie, Übergang zur Göttin, Trennungsverarbeitung
      HH beschreibt (S. 51f) : "Die künftige Mädchengöttin steigt in ein klappriges Taxi, das ihr Vater an Straße angehalten hat. Amitas Mutter folgt ihr, in der Hand eine kleine Reisetasche, in der sie nur das Waschzeug und ein wenig Unterwäsche eingepackt hat. Schließlich wird dem Mädchen künftig die Kleidung in der roten Farbe der Kumari zur Verfügung gestellt - dort, wo es jetzt mit seinen Eltern hinfährt und aller Voraussicht nach die nächsten Jahre leben wird. Die Dimension dieser Trennung aber haben offenbar weder Amita noch ihre größeren Schwester wirklich verstanden. Denn obgleich ihr Baa es ihnen am Morgen noch einmal zu erklären versucht hatte, vollzog sich der Abschied ohne Tränen.
        Am Hanuman-Dhoka-Palast bezahlt Amrit Man Shakya dem Fahrer 25 nepalesische Rupien. Amita drückt beim Aussteigen ihre Puppe fest an sich, die die Mutter ihr kurz vor dem Verlassen des Hauses noch schnell in den Arm gelegt hat. Dann gehen sie zum Kumari Bahal hinüber. Vor dem schmalen Eingang steht eine ältere Frau und bietet Farbpostkarten mit dem Bild der Mädchengöttin an. Da sie ihr Geschäft fast ausschließlich mit Touristen macht, beachtet sie die Shakyas gar nicht. Mimita Shakya aber betrachtet nachdenklich die unterschiedlichen Porträtfotos, die die Frau aufgefächert in [<51] der Hand halt. Mit ausdrucksloser Miene blickt darauf die kleine Kumari direkt in die Kamera. Schon bald, so geht es Amitas Mutter durch den Kopf, wird diese Frau den Touristen aus aller Welt das Foto ihrer Tochter anbieten.
        Es fällt Mimita Shakya schwer, mit ihrer Tochter die Schwelle des Kumari Bahal zu überschreiten. Sie muss an die heftigen Albträume denken, von denen Amita in den letzten Tagen geplagt wurde. In der Nacht, nachdem das Mädchen im Palast untersucht und anschließend dem König vorgestellt worden war, fing es an. Anita hatte ihre Eltern geweckt und teilte ihnen besorgt mit, dass ihre kleine Schwester weinen und manchmal laut schreien würde. Dann haben sie Amita zu sich ins Ehebett geholt. Hier sollte sie nun die letzten Tage bis zu ihrem Umzug in den Kumari Bahal schlafen. In der nächsten Nacht ging es wieder los. Mehrfach hatten die Eltern ihre Tochter geweckt. Doch kaum war sie wieder eingeschlafen, fing sie erneut an zu wimmern und zu schreien. In seiner Hilflosigkeit hat ihr der Vater schließlich eine Ohrfeige verpasst. Aber schon im nächsten Moment tat es ihm entsetzlich Leid.
        Am folgenden Morgen rief Amrit Man Shakya im Kumari Banal an und berichtete von den nächtlichen Albträumen seiner Tochter. Der Chitaidar aber erklärte, diese Vorgänge seien »völlig normal«. Schließlich würden sich bereits die gewaltigen Energien der Taleju und auch der Durga ankündigen, und das sei für das Mädchen natürlich ungewohnt. Dies wäre lediglich eine Übergangsphase, die ganz sicher bald vorbei sei.
        Auch Amitas Vater wirkt nicht gerade entschlossen, den Kumari Bahal zu betreten. Auffällig lange betrachtet er die aufwändigen Holzschnitzereien rund um das schmale Eingangstor. Oben thront die vielarmige Durga, zu deren Füßen der Eingang zum Hof von unzähligen kleinen Totenköpfen eingerahmt ist. In ihrer Zeit als Mädchengöttin wird seine Tochter nie wieder dieses Tor durchschreiten. Für die wenigen Male, die sie im Laufe der nächsten Jahre an Zere-[<52]monien außerhalb dieses geräumigen Hauses teilnehmen wird, ist ein schmuckloser Weg über einen dunklen Nachbarhof vorgesehen. Schon heute Nacht wird Amita dort durch jene kleine Maueröffnung ins Freie gelangen, wo sie am letzten Indra-Jatra-Fest ihre Vorgängerin gesehen hat. Hinter diesem eigenwilligen Vorgang steht eine Tradition, deren Herkunft niemand mehr zu benennen weiß."
        Angelangt im Thronsaal schildert der Autor weiter (S. 58): "Warum sehen sich denn alle so komisch an? Sie hat sich doch nur auf Mas Schoß gesetzt und gefragt, wann sie wieder nach Hause gehen. Ma sagt, dass hier ganz viele Menschen herkommen werden, um sie zu besuchen. Deshalb muss sie auch immer hier sein ... Die Menschen werden alle ganz lieb zu ihr sein und sie verehren, weil sie ganz, ganz wichtig für diese Leute sein wird. Aber warum sie so wichtig für diese Leute sein wird, das hat Ma nicht gesagt.
        Noch hat Amita die junge hübsche Frau nicht entdeckt, die sie aufmerksam von einer Ecke des Raumes aus beobachtet. Sie ist die unverheiratete Tochter des Chitaidar-Paares, und nichts passt weniger zu dieser freundlichen Person als ihr Name: Durga.
    Sie ist fasziniert — von der Anmut des kleinen Mädchens, seinem natürlichen Lachen und dem zierlichen schmächtigen Körper. Die neue Kumari, so scheint es, ist ein verletzliches Wesen, das eines ganz besonderen Schutzes bedarf.
        Durga ist in einem Alter, in dem Nepalesinnen ihre ersten Kinder gebären. Und noch bevor sie mit der neuen Kumari einen Satz wechseln konnte, hat sie an sich ein heftig einsetzendes Gefühl registriert, für das der Begriff »Zuneigung« zu wenig wäre. Das sensible Kind dort, das spürt sie, wird sie brauchen, um sich in diesem Palast zu Hause zu fühlen und seiner göttlichen Aufgabe nachkommen zu können. Durga ist entschlossen, der Göttin eine ergebene Dienerin und dem Mädchen eine schwesterliche Freundin zu sein.
        Die junge Frau in der Ecke dort kommt ihr bekannt vor.  [Déjà vu] Aber sie weiß, dass sie sie noch nie gesehen hat. Sie lächelt die fremde Frau an und die fremde Frau lächelt zurück.
        Niemandem im Raum ist der kurze Blickwechsel zwischen den beiden entgangen, jener emotional aufgeladene Augenblick, in dem sich eine stumme Adoption vollzog. Dabei ist keineswegs sicher, ob Durga sich darüber im Klaren ist, dass sie in diesem Moment auch für ihr eigenes Schicksal eine entscheidende Weiche gestellt hat. Zumindest im nächsten Jahrzehnt wird sie unverheiratet bleiben müssen — denn kein Ehemann würde akzeptieren, dass seine Frau das Bett nicht mit ihm, sondern mit der Kumari teilt. Aber auch keinem Mann zuliebe würde Durga den Dienst für die lebende Göttin aufgeben. Eine Herausforderung, die sie angesichts der kleinen Amita in ungewohnte Erregung versetzte. [<59]
        Sie freut sich, weil diese Frau auf sie zukommt. Sie kennt diese Frau nicht, aber sie spürt, dass sie nett zu ihr sein wird. Und als die Frau sie an die Hand nimmt, rutscht sie von Mas Schoß und geht mit ihr mit.
        Mimita Shakya spürt einen Schmerz, als ob ihr das Herz von einem Ring zusammengeschnürt würde. Sollte sie nicht froh sein, dass ihre Tochter jener Frau so vertrauensvoll folgt, die doch in den nächsten Jahren eine wichtige Person im Leben von Amita sein wird? Doch es setzt sich das mütterliche Gefühl der Trauer durch, darüber, dass sich für Amita der Wechsel offenbar ohne jeden Abschiedsschmerz vollzieht. Dann aber macht sich Mimita Shakya klar, dass das Kind die Dimension des Ereignisses ja im Moment noch gar nicht begreifen kann."



    Das Leben als Kindgöttin
    Eine gute allgemeine Zusammenfassung findet sich bei GEOlino.de: "Doch das Leben, das sie von da an führen wird, ist eintönig. Getrennt von der Außenwelt und der Familie verbringt die Kumari fast ihre gesamte Kindheit im Palast von Kathmandu. Ihr Alltag ist geprägt von religiösen Ritualen. Stundenlang muss sie bewegungslos auf ihrem Thron ausharren, nicht einmal blinzeln soll sie. Täglich kommen fast ein Dutzend Menschen zu ihr: Kranke, Pilger und Politiker wollen sich von ihr segnen lassen. Blütenblätter streut sie über sie und drückt ihnen einen roten Punkt auf die Stirn. Ihre Aufgabe ist es, Glück zu bringen.
        Dabei wird jede ihrer Regung als Zeichen gewertet. Fängt die Kumari an zu weinen oder laut zu lachen, wird der Besucher krank werden oder sogar sterben. Fängt sie an zu zittern, wird die Person ins Gefängnis kommen; hebt sie das dargebotene Essen des Besuchers vom Boden auf, so verliert er Geld. Bleibt die Kumari jedoch still, so wird sein Wunsch in Erfüllung gehen. Sogar der König selbst erbittet ihren Segen zum Indra Jantra-Fest am Ende der Regenzeit.
        Nur 13 Mal im Jahr verlässt sie ihre heiligen Mauern. An diesen religiösen Feiertagen versammeln sich tausende von Menschen auf den Straßen Kathmandus, um die Schutzgöttin Nepals zu sehen. Die Kumari-Helfer tragen sie durch die Menge, weil ihre Füße nicht den Boden berühren dürfen. Dann und wann müssen sie das Mädchen auch vor den fliegenden Glücks-Münzen schützen, die die Leute werfen. Doch wer wünscht sich nicht, von Tausenden bejubelt und verehrt zu werden?"
        Ausführlich, was die Kumari Amita (1991-2001) betrifft, informiert hierzu HH.



    Vorbereitung auf das Ende des Kindgöttinnendaseins
    Wenn Haase-Hindenberg Recht hat, scheint es bislang in der Priesterschaft, im Palast und in der gebildeten nepalesischen Gesellschaft niemanden besonders interessiert zu haben, was mit den Mädchen passiert nachdem sie ziemlich unvermittelt ihren Göttinnenstatus verlieren und zurück in ein Leben geworfen werden, das ihnen fremd ist, das sie nicht kennen. Erfreulicherweise scheint hier der Vater Amitas einiges auf den richtigen Weg gebracht zu haben.

    Vorzeitige Beendigungen des Göttinnendaseins
    Marie-Sophie Boulanger behauptet, dass die offiziellen Angaben für Anita (1979-1986) und Rashmila (1986-1991) teilweise falsch und wiedersprüchlich sind, weshalb sich dann die Frage stellte: warum werden falsche Angaben gemacht, was bedeutet das? Im einzelnen argumentiert sie (S. 185f):
        "Hinter der Verbotenen Tür verbergen sich in der Tat etliche Mysterien. Unter anderem erscheinen mir die Umstände der Absetzung immer obskurer. Was Anita mir im Vertrauen berichtet hat, macht mich sprachlos. Der wirkliche Grund für ihre Absetzung war nicht der offiziell genannte gewesen; ihre Menstruation hatte nicht eingesetzt. Und bei Rashmila? Der Palast und die Familie versichern, sie sei im Alter von zwölf Jahren abgesetzt worden. Das ist leicht zu überprüfen. Zwar [<185] gibt es kein Register der Kumaris, aber die Geburtsdaten, der Zeitpunkt der Wahl und der Absetzung der Göttinnen der letzten Jahrzehnte sind bekannt. Ich wühle in meinem Rucksack, in dem ich ständig alles mitführe, was ich für meine Interviews zu benötigen glaube: Tonbandgerät, Notizblöcke, Fotokopien, verschiedene Texte, Lexikon und andere wichtige und unwichtige Dinge mehr. Ich sehe mehrmals nach. Rashmila ist 1982 geboren, sie ist heute also sechzehn. Bei ihrer Absetzung 1991 war sie demnach neun Jahre alt und nicht etwa zwölf, was ein gewaltiger Unterschied ist!
        Ein paar Minuten denke ich darüber nach, was diese offizielle Lüge im Einzelnen bedeutet. Neunjährige Mädchen, deren Menstruation einsetzt, sind selten in einem Land, in dem das Durchschnittsalter pubertierender Mädchen zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren liegt. Auch Anita hatte ihre Regel noch nicht, als sie mit elf Jahren nach Hause geschickt wurde - und auch in ihrem Fall hatte man angegeben, sie sei zwölf gewesen. All das kommt mir immer seltsamer vor. Aus anderen Quellen wusste ich ja schon, dass an ehemaligen Kumaris das Ritual der »Aussperrung« - die zwölf Tage ohne Sonnenlicht und ohne Kontakt zu Menschen - und sogar die Ihi-Hochzeit vollzogen wird. Diese Riten, die die Frau auf die Ehe vorbereiten sollen, dürfen in der Regel nur praktiziert werden, bevor bei den Mädchen die Menstruation einsetzt.
        Warum wurden diese Mädchen schon vorher mit dem Hinweis abgesetzt, die einsetzende Regel sei der Grund?"

    Amitas (1991-2001) Vorbereitung
    Die ersten Hinweise erhielt Amita im Jahr 2000 zur Zeit des großen Indra-Jatra-Festes (HH, S. 230) als Gaurav zu ihr sagte, es werde die Zeit kommen, da dürfte sie auf dem goldenen Wagen mitfahren. Die nächste Situation ergab sich anläßlich der alljährlichen Einladung ehemaliger Kumaris (HH, S. 234) und dem Hinweis Durga-Didis auf die Bildgalerie aller früheren Kumaris. Klar und deutlich sprach es dann, wenige Tage später, eine ehemalige Kumari, inzwischen alte Dame, aus. Zwsichenzeitlich wurde schon die neue Kumari ausgewählt, Preeti, aber alle meinen, vor allem aber Durge-Didi, sie hätten noch Zeit, ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte.
        Nach den Informationen von HH, S. 234 gibt es im Kumari Bahal eine Bildergalerie mit allen bisherigen Kumaris und es gibt auch die alljährliche Tradition, die ehemaligen Kumaris einzuladen, die die meisten ehemaligen auch annehmen. Sie erhalten auch eine lebenslange Rente, die, gemessen am Durchschnittseinkommen, auch nicht zu verachten ist. HH, S. 234 berichtet von solch einem alljährlichen Treffen ehemaliger Kumaris:
        "Als die Mädchengöttin den Raum betritt, verstummen die Frauen an der langen Tafel. Sie respektieren die derzeitige Dyo Maiju als die, was auch sie einst waren - als lebende Inkarnation der Göttin Taleju (oder nach buddhistischer Lesart die der Göttin Vajra Devi). Alljährlich am zweiten Tag des Indra-Jatra-Festes werden die ehemaligen Mädchengöttinnen Kathmandus in den Kumari Bahal eingeladen, um in Anwesenheit der Mädchengöttin das Abendessen einzunehmen. Sie wissen, dass die Kumari bereits gespeist hat, denn bekanntlich ist es niemandem gestattet, die Mahlzeit mit ihr gemeinsam einzunehmen. Schließlich hat eine jede von ihnen einst dort auf dem roten Kissen an einem seperaten Tisch den jeweiligen Vorgängerinnen stumme Gesellschaft geleistet. Zehn ehemalige Kumaris zwischen zwanzig und zweiundachtzig Jahren sind auch in diesem Jahr der Einladung in das Wohnhaus ihrer Kindheit gefolgt.
        In der Vergangenheit hatte man die Mädchengöttin im Unklaren darüber gelassen, um wen es sich bei diesen Frauen handelt. Sie hat aber auch nicht nachgefragt - weder wer diese Besucherinnen sind noch, weshalb sie sich nicht vor ihr verneigen. Vor wenigen Tagen aber wurde sie von Durga darüber aufgeklärt, dass alle diese Frauen, die, wie schon in den Jahren zuvor, hier speisen werden, einst als Kumari im Bahal gelebt haben. Dann hatte Durga sie auf jene Bildergalerie im langen Gang des oberen Stockwerks aufmerksam gemacht, an der die Mädchengöttin in all den Jahren achtlos vorübergegangen war.
        »Dies sind die Bilder von sämtlichen Kumaris, die jemals in diesem Palast gelebt haben, seit er im Auftrag von König Jaya Prakash Malla vor über zweihundert Jahren erbaut worden war«, hat Durga zu ihr gesagt. Danach hat die Kumari sie der Reihe nach betrachtet, Die [<234] meisten Porträts sind nur als Zeichnungen vorhanden, doch die letzten zwölf Kumaris existieren bereits als Fotografie. Seither konnte die Mädchengöttin nicht mehr an der Kumari-Galerie vorbeigehen, ohne die auf gleiche Weise geschminkten Mienen ihrer zahlreichen Vorgängerinnen zu mustern."
        HH, S. 235, fühlt sich in Amitas damalige Gedanken ein und projiziert (im Buch sind solche Passagen immer kursiv gesetzt und in einem eigenen Absatz dargestellt) wie folgt:
        "Die Kumaris auf den Bildern dort oben sind alles Mädchen. Diese Frauen hier aber sind gar keine Mädchen. Die junge Frau, die gleich rechts von ihr sitzt, erkennt sie sogar wieder. Sie ist die, die auf dem letzten Foto abgebildet ist. Da war sie noch ein kleines Mädchen ...
        Sie blickt in die Gesichter der anderen. Aber sie kann diese nicht gut erkennen, weil keine dieser Frauen zu ihr hersieht ... Warum aber sind diese Frauen denn keine Kumaris mehr? ... Sie sind ja auch keine Mädchen mehr!? ... Kann man denn nur eine Kumari sein, wenn man ein Mädchen ist? Natürlich, denn es heißt ja Dyo Maiju - Mädchengöttin! Und wenn sie selbst kein Mädchen mehr sein wird ...? Irgendwann hört sie ja auch mal auf, ein Mädchen zu sein! Wird sie dann keine Kumari mehr sein? Was aber wird sie stattdessen sein? Solange sie zurückdenken kann, ist sie die Kumari und wohnt mit Durga-didi hier im Bahal, Wo aber soll sie dann wohnen? Wo wohnen denn alle diese Frauen? Auf diese Fragen findet sie keine Antwort. Aber Durga-didi wird niemals zulassen, dass sie woanders wohnt. Vielleicht aber wird sie ja nie etwas anderes sein, als ein Mädchen — und deshalb kann sie vielleicht auch immer die Kumari bleiben. Sie hält es für möglich, dass bei ihr alles anders sein wird als bei diesen Frauen — auch wenn sie nicht weiß, warum."

    Obwohl die Nachfolgerin - Preeti  - schon ausgewählt war, weiß Amita immer noch nichts davon, dass ihre Tage im wahrsten Sinne des Wortes gezählt sind. Durga-Didi, die vertraute Tochter des Chitaidar, mit der sie in einem Bett schläft, hatte es bislang nicht fertig gebracht, es ihr zu sagen. Aber sie erfährt es von einer ehemaligen Kumari, die nach dem alljährlichen Jahrestreffen, bei einer der üblichen morgendlichen Sitzungen in den Thronsaal kommt. HH, S. 42 schildert:

        "Endlich kniet die alte Frau vor der Kumari nieder, verbeugt sich tief zu deren Füßen und spricht dann so leise, dass sich die Mädchengöttin ihr ein wenig entgegenbeugen muss, um sie zu verstehen.
        »Ich war eine Kumari wie du. Das ist lange her. Auch du wirst nicht mehr lange die Kumari sein. Deine Nachfolgerin ist bereits ausgewählt, und schon bald wirst du den Bahal verlassen müssen, Aber habe keine Angst, das Leben draußen ist schön, es gibt viel zu entdecken.«
        Dann erhebt sich die alte Dame und erst jetzt, als sie in Richtung Ausgang läuft, wird sie von der Chitaidar erkannt. Sie sieht der alten Ex-Kumari hinterher und schaut schließlich mit irritiertem Blick zur Dyo Maiju. [<242]. HH projiziert:
        "Die wenigen Worte der fremden alten Frau haben sie vollkommen verwirrt. Woher will diese Frau denn wissen, dass es schon eine Nachfolgerin gibt? Sie glaubt es nicht, denn das hätte Durga-didi ihr doch gesagt. Außerdem will sie ja gar nicht weg von hier. Will lieber nichts anderes anziehen als die rote Kleidung der Kumari, will lieber nichts sehen von dieser Welt da draußen, wenn sie danach nicht wieder hierher zurückdarf.
        Vielleicht ist diese alte Frau ja verrückt, wie die Frau, die damals an Indra Jatra immer neben dem Wagen herlief und »Talejuuuuu!« brüllte. Damals hat der Thuloba gesagt, dass diese Frau verrückt sei, und Durga-didi hat ihr dann erklärt, was das bedeuten würde. Eine Krankheit im Kopf, wenn man alles anders sieht, als es wirklich ist. Und wenn man Dinge erfindet, die es gar nicht gibt. Wahrscheinlich hat diese Frau eine Nachfolgerin nur erfunden ...
        Aber diese Frau hatte als Kumari ja irgendwann auch mal eine Nachfolgerin, und diese Nachfolgerin auch wieder eine. Deshalb sitzen ja an Indra Jatra so viele Frauen am Tisch, die alle mal eine Kumari waren.
        Warum schaut die Thuloma sie so merkwürdig an? Hat sie vielleicht gehört, was die alte Frau zu ihr gesagt hat? Und weiß die Thuloma etwas, was sie nicht weiß?
        Zum ersten Mal in ihrem Leben spricht sie selbst eine Fürbitte ... ganz leise, und sie bewegt dabei kaum die Lippen. Und weil sie damit ja nicht zu einer Kumari gehen kann, wendet sie sich direkt an Taleju. Sie bittet die Göttin, dass sie nie von hier fort muss und immer bei Durga-didi bleiben kann und bei Garima und den Jungen. Und auch bei der Thuloma und dem Thuloba und dem kleinen Tinku.
        Plötzlich fühlt sie sich ganz stark. Sie spürt, wie die Taleju sie erhört und ihr verkündet, schon in wenigen Tagen in der »Schwarzen Nacht« wieder als die Göttin Durga bei ihr zu erscheinen — drüben in dem dunklen Tempelraum Aadhyro Kotha. Und am Tag darauf werde unten — genau ein Stockwerk unter diesem Thronsaal - wie in jedem Jahr ihr Geburtstag gefeiert werden, und sie werde auch dann noch immer die Kumari sein. [<243]

        Die Ablösung wurde dann nach dem Massaker im Königshaus und drei Wochen nach der Krönung des neuen Königs für alle überraschend zu einem Zeitpunkt verfügt, mit dem niemand mehr gerechnet hatte. HH, S. 300 berichtet:

        "Im Kumari Bahal war man von dem Anruf aus dem Narayanhiti Durbar ziemlich überrascht. Am Krönungstag hatte man durchaus noch mit einer Ablösung der Dyo Maiju gerechnet. Nicht nur wegen ihres seltsamen Verhaltens am goldenen Fenster. Der Wechsel auf dem Thron bedeutet schließlich generell eine Erneuerung für das Land. Weshalb also sollte dem neuen König nicht auch eine neue Kumari zur Seite gestellt werden? Das aber war nicht geschehen, und deshalb hatte in der Familie der Chitaidars bald niemand mehr damit gerechnet, dass dies noch vor dem nächsten Dashain-Fest passieren würde. Schon gar nicht in der nun beginnenden Zeit der starken Regenfälle. Dann aber kam der Anruf mit der nüchternen Mitteilung, dass in fünf Tagen drüben im Mul Chowk eine außerordentliche Durga-Puja angesetzt sei, um die kleine Preeti Shakya als neue Kumari zu inthronisieren.
        Dem Chitaidar war nun die Aufgabe zugefallen, nacheinander die Eltern der aktuellen wie der künftigen Mädchengöttin in den Kumari Bahal zu bitten und sie davon in Kenntnis zu setzen. Seine Tochter Durga sah sich außerstande, an diesen Gesprächen teilzunehmen. Sie musste erst mal selbst damit zurechtkommen, dass sie sich nun derart überraschend von dem geliebten Mädchen an ihrer Seite trennen muss. Erst am Abend hatte sie ihre Emotionen so weit im Griff, dass sie mit der Dyo Maiju über das sprechen konnte, was die Entscheidung des Palastes nun für sie beide bedeuten würde.
        Die Kumari hatte die Nachricht dann erstaunlich ruhig aufgenommen und sogar die Größe gehabt, Durga zu trösten. Sie zeigte auf Binas Globus, auf das kleine Land Nepal und erklärte: »Sieh mal, auf dieser großen Welt ist unser Land so klein. Da sind wir ja in der Nähe und wir können uns auch immer sehen.«
        Durga nahm das Mädchen in den Arm und schwieg. Wie hätte sie es auch bei so viel kindlichem Optimismus übers Herz bringen sollen, der Kumari zu erklären, dass ihre beiden Familien mittlerweile hoffnungslos zerstritten waren, was eine Fortführung der Beziehung nahezu unmöglich machte?
        Der unaufhörliche Besucherstrom der Gläubigen hat nach dem Tod von König Birendra kaum nachgelassen. Trotz der beginnenden sommerlichen Regenfälle finden sie Tag für Tag den Weg in den Kumari Bahal. Die Mädchengöttin ist für viele zur Identifikationsfigur in einer allgemeinen Orientierungslosigkeit geworden - zu einem Symbol für die Kontinuität traditioneller Werte in einer sich verändernden Gesellschaft, in der selbst ein Königsmord möglich ist.
        Keiner von diesen Menschen hier weiß, dass dies der letzte Tag ist, den sie auf diesem Thron verbringt. Aber alle diese Menschen werden es morgen erfahren. Durga-didi hat gesagt, dass es der Königspalast am Abend bekanntgeben wird. Solange sie zurückdenken  kann, ist sie die Kumari. Und nun wird schon morgen ein anderes Mädchen hier sitzen. Sie aber wird dann fort sein, in einem fremden Haus mit fremden Menschen. »Es gibt viel zu entdecken«, hatte die alte Frau vor ein paar Monaten gesagt. Sie aber hat Angst davor, da draußen etwas Neues zu entdecken. ..."



    Die Rückkehr, die Verarbeitung und das Leben danach

    GEOlino.de fasst in "Das Leben nach der Gottheit" verallgemeinernd zusammen: "Etwa alle zehn Jahre besteigt ein neues Mädchen den Thron im Kathmandu-Palast. Dann beginnt für die Ex-Kumari ein neues Leben außerhalb des Palasts. Zurück bei ihren Eltern muss die Ex-Göttin ganz von vorne anfangen. Von nun an wird sie zur Schule gehen und mit dem nepalesischen Alltag zurechtkommen müssen. Mittlerweile hat man erkannt, dass es ein großes Handicap für die Ex-Kumari ist, jahrelang isoliert gelebt zu haben. So lehren die Priester sie bereits im Palast lesen und schreiben. Auch ihre Eltern darf sie gelegentlich sehen.
        Viele der jungen Frauen heiraten im späteren Leben nicht [RS: siehe aber]. Denn viele nepalesische Männer haben Angst vor einer Frau, der göttliche Kräfte nachgesagt werden. Und selbst wer nicht an die Übernatürlichkeit der Ex-Kumari glaubt: wie kann eine Frau, die jahrelang von tausenden Menschen angehimmelt wurde, eine gute Ehefrau sein? So jedenfalls denken viele Nepalesen." [RS: siehe aber].

    Marie-Sophie Boulangers Eindrücke
    B, S. 185 (fett RS): "Ich sitze neben den steinernen Löwen, die den Eingang zum Kumari House bewachen, und denke an all die ehemaligen Göttinnen, die aus diesem Tempel in einem Zustand fortgeschickt wurden, der nicht allein auf ein verändertes Leben zurückzuführen ist, so radikal und schmerzlich es auch sein mochte. Das ist allerdings die Erklärung, die in den wenigen Artikeln auftaucht, in denen von der verheerenden Verfassung ehemaliger Kumaris die Rede ist: Es sei eine verständliche »Ernüchterung«, verursacht durch die Rückkehr in ein normales Leben, der Alltag einer Sterblichen nach einem Leben als Göttin, die es gewöhnt war, dass sie angebetet wurde und man ihren Befehlen stets Folge leistete. Mir scheint jedoch, dass die Schwierigkeiten der früheren Kumaris anderer Natur sind. Sie verweisen auf ein sehr tief reichendes, seelisches Leiden, mit schweren und sichtbaren Folgen für ihre Beziehung zu anderen Menschen. Eigenartigerweise scheint das Problem in meinen Augen vor allem die ehemaligen Kumaris von Kathmandu zu betreffen, die alle besonders ausgeprägte Symptome seelischer Verkümmerung und allgemeiner Teilnahmslosigkeit zeigen."

        An der unzulänglichen Vorbereitung und Ernüchterung bei der Rückkehr ins "normale Leben", das die Kumaris nicht kennen, gibt es aus meiner Sicht - NepalesInnen mögen das anders sehen - zwar keinen Zweifel, aber die allgemein postulierte These eines tief reichenden, seelischen Leidens wird von Boulanger unzulänglich belegt und steht sogar im Widerspruch zur tatsächlichen Geschichte ehemaliger Kumaris, wenn man sich vergegenwärtigt, dass unverheiratet sein und keine Kinder haben erst bei den jüngeren Kumaris aufzutreten scheint (wenn die Informationen stimmen), also erst etwa ab 1990 [siehe].

    Amitas (1991-2001) Rückkehr,  Verarbeitung und das Leben danach. (HH, S. 313 ff)
    Eine Kumari weint niemals, das hat sie gelernt. (HH, S. 239)

        HH, S. 321f berichtet: "Am dritten Tag in Itumbahal ist es Mimita Shakya erstmalig gelungen, mit ihrer Tochter allein zu sein. Sie hatte sich mit diesem Wunsch an ihre Gastgeberin gewandt und damit bei der einfachen Frau, die wie sie selbst aus der Shakya-Kaste stammt, Verständnis gefunden. Nachdem der kleine Sougat von seiner Mutter abgeholt worden war, hat die Frau des Hauses die Tür für Besucher geschlossen und sich mit Bina und den anderen Familienmitgliedern in die Küche zurückgezogen.
        Seit fast einer Stunde sitzt nun die Kumari am letzten Abend ihrer göttlichen Existenz mit ihrer leiblichen Mutter im selben Raum und verweigert das Gespräch. Mimita weiß nicht einmal, ob ihre Tochter überhaupt zugehört hat, als sie vorhin von dem Haus erzählte, in dem sie ab morgen leben wird, und von der Familie, die sie [<321]  dort schon sehnsuchtsvoll erwartet. Die Fragen jedenfalls, die sie ihrer Tochter gestellt hat, blieben allesamt unbeantwortet.
        ...
        »Es sind nur wenige Wolken da, dann gibt es morgen nicht so viel Regen ...«, versucht Mimita abermals mit ihrer Tochter in Kontakt zu treten. »Dann können wir dein Abschlussfest dort unten in dem großen Hof feiern!«
        Das Abschlussfest?! Sie weiß selbst nicht, warum sie sich darauf nicht freuen kann. Sie freut sich, dass Durga-didi morgen kommen wird. Jedenfalls hat Durga-didi ihr das versprochen. Aber sie hat auch Angst vor diesem Abschlussfest. Denn sie weiß ja, dass damit dann endgültig alles aus ist, was bisher ihr Leben war. Die Frau dort drüben, die ihre Ma ist, hat sie gefragt, ob sie neugierig sei auf das Haus und auf das Zusammenleben mit ihrer Schwester ... Sollte sie ihr sagen, dass sie vor allem traurig ist, weil sie ihren Khopi verlassen musste und Durga-didi und Garima ... und auch den kleinen Tinku, mit dem sie durch den großen Bahal toben konnte, ohne gleich an der nächsten Wand anzustoßen?
        Ihre Ma hat erzählt, dass man in diesem anderen Haus immer die Terrassentür schließen muss, weil sonst die Affen in die Wohnung kommen, und dann hat ihre Ma gesagt, dass die Familie selbst die Tiere angelockt hätte, [<322] weil alle immer den Affen vom Dach aus Bananen zugeworfen haben. Und dann hat ihre Ma gefragt, ob sie die Affen auch mal füttern will? Aber sie hat ihr nicht geantwortet. Sie weiß nicht, was sie sagen soll, und sie weiß nicht, wie sie es sagen soll. Sie hat noch nie mit fremden Menschen gesprochen. Alle Menschen, mit denen sie in ihrem ganzen Leben geredet hat, waren die Menschen, mit denen sie zusammenwohnte und die sie jeden Tag sah. Diese Frau aber, die ihre Ma ist, ist ihr ganz fremd. Obwohl diese Frau sie im Kumari Bahal manchmal auf den Schoß genommen hat. Von nun an wird sie sie jeden Tag sehen, und gerne würde sie mit ihr sprechen, denn ihre Ma ist schön und fröhlich und auch sehr nett. Manches fällt ihr ein, was sie ihr sagen könnte - aber sie weiß nicht, wie sie mit dieser Frau dort sprechen soll ... "

        Als sehr hilfreich erweist sich, dass ihre Tante Bina, die sie die letzten drei Jahre im Kumari Bahal - dank des Einsatzes ihres Vaters - unterrichtete, bei ihrer Rückkehr mit im Hause ist. So sind nicht alle fremd. Doch sehr mühsam muss sie die einfachsten Sachen des Alltags lernen. Diese Vorbereitung und Unterrichtung erleichterte das Zurechtkommen in der Schule erheblich. HH, S. 379 berichtet:
        "Für die meisten ihrer Mitschüler schwebte Amita in den ersten Monaten schlichtweg in anderen Sphären. Dabei spielten sich deren Gedanken durchaus im Diesseits ab: etwa acht Kilometer südöstlich, um genau zu sein - in. einem newarischen Klosterbau aus dem 18. Jahrhundert. Die pensionierte Mädchengöttin hatte sich noch nicht von ihrer Kindheit verabschiedet - nicht vom Leben im Kumari Bahal, nicht von Durga, ihrer Dienerin, und nicht von den Kindern, mit denen sie aufgewachsen war. Ihre Gedanken waren ausschließlich rückwärts gewandt. Schließlich hatte sie im Kumari Bahal, wo ein Tag gleich dem anderen verlief, auch nicht gelernt, nach vorn zu blicken.
        In ihrer Klasse fand sie lange keinen Kontakt zu Mitschülern - suchte ihn aber auch nicht. Selbst ihrer Banknachbarin, die als Klassenbeste immer wieder nachgefragt hatte, ob sie helfen könne, war sie die Antwort regelmäßig schuldig geblieben. In den Pausen stand Amita allein auf dem großen Hof herum, und für die von der Schule angebotenen Freizeitaktivitäten hatte sie sich gar nicht erst eingetragen.
        Eines Tages war dann Ganga in die Klasse gekommen, deren Familie kurz zuvor nach Swayambhu gezogen war. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie fortan die Schulbank mit einer ehemaligen Kumari drücken würde. Doch das schüchterne Mädchen hatte schnell erkannt, dass es innerhalb des Klassenverbandes scheinbar festgefügte Freundschaften gab. Ganga traute sich nicht, jene Klassenkameradinnen anzusprechen, die während der Pausen in Dreier- oder Viergruppen beieinander waren. Daher suchte sie die Nähe zu dem Mädchen, das immer ganz allein am Rand des Schulhofs stand. Und da Amita auf sie einen noch schüchterneren Eindruck machte,
    [<379] gewann Ganga ihr gegenüber schnell an Selbstvertrauen und Eloquenz.
        Der Banknachbarin von Amita war deren Annäherung nicht verborgen geblieben, und sie bot an, ihren Platz mit dem von Ganga zu tauschen. Langsam, aber konstant entwickelte sich eine zarte Freundschaft zwischen den beiden Außenseiterinnen. Zunächst war sie nur auf den schulischen Kontakt beschränkt, da Amita außerhalb der Schulstunden noch immer nicht ohne ein Familienmitglied das Haus verließ. Ganga zeigte großes Interesse an den Naturwissenschaften, und Amita interessierte sich seit dem Tag, an dem Bina mit dem Globus aufgetaucht war, für Geographie. Die Freundschaft erlebte schließlich auch die gegenseitige Unterstützung beim Bewältigen des Schulstoffs. Zum ersten Mal wurde Amita nicht als Kumari wahrgenommen, sondern als ein ganz normales Mädchen. Sie genoss diesen Status. Aber Amita hatte eine heimliche Sorge. Die Sorge nämlich, dass sich Ganga ihr gegenüber verändern oder vielleicht sogar abwenden würde, wenn sie erführe, dass ihre neue Freundin eine ehemalige Mädchengöttin ist. Auf gar keinen Fall sollte Ganga sie deshalb zu Hause besuchen, wo all diese Kumari-Bilder an den Wänden hängen und sie von der Familie als Dyo Maiju angesprochen wird. Irgendwann aber hatte sich diese Sorge durch einen einzigen, kurz hingeworfenen Satz der Freundin in Luft aufgelöst: »Das hätte ich mir früher nicht denken können, dass ich einmal in der Schule neben dem Mädchen sitze, das ich an Indra Jatra immer im Fernsehen gesehen habe.«
        Damit war klar, dass Ganga ihre Vergangenheit kannte. Es war aber auch klar, dass ihr das nicht allzu viel bedeutete, und schon gar nicht würde es etwas an ihrer Freundschaft ändern. An diesem Nachmittag war Amita der Normalität ein Stück näher gekommen - und das fand sie schön."

        Als wichtige Integrationshilfe in die Familie erwies sich wohl das Befolgen der Empfehlung der Chitaidar (HH, S. 308) als sich der Vater fragte: "Wie kann man die Dyo Maiju in die Familie integrieren und dennoch auf deren, noch immer vorhandene Göttlichkeit Rücksicht nehmen? Vom Chitaidar war in dieser Hinsicht keine Hilfe zu erwarten. Doch dessen Frau hatte sie vor vier Tagen im Kumari Bahal kurz zur Seite genommen und gesagt: »Feiert mit eurer Tochter möglichst schnell hintereinander die newarischen Hochzeiten, das wird ihr helfen, sich zu Hause einzuleben.«" Hierdurch ist sie ihrer Schwester Anita wieder nahegekommen.

        Das Buch schliesst mit dem Kapitel "Die Zeit danach" (S. 373-396) ab, hier einige Auszüge (S. 383): "Drei Jahre und neun Monate nachdem Amita als Kumari abgelöst worden war, stellte sie sich in der Ganesh-Boarding-Highschool den Examensfragen einer staatlichen Prüfungskommission - und kehrte eine Woche später in den Kumari Bahal zurück.
        Bereits einige Tage zuvor war Durga bei Mimita und Amrit Man Shakya erschienen und hatte sie davon in Kenntnis gesetzt, dass Ami-[<383]ta telefonisch mit Garima für die Zeit nach der Prüfung einen Besuch verabredet habe. Sie bat um Verständnis, denn schließlich hätten die beiden Mädchen sich eine Weile nicht gesehen und Amita »nach den Anstrengungen der letzten Wochen einen Urlaub verdient«.
    ...
        (S. 384): "Der Gang durch den Kumari Bahal wurde für Amita zur Rückkehr an den Ort ihrer Kindheit. Sie kannte jeden Winkel des geräumigen Gebäudes und dessen Bewohner begrüßten sie wie ein heimgekehrtes Familienmitglied - auch wenn Garima mittlerweile eine Brille trug, Sourav und Gaurav — und ein wenig auch schon Sougat — zu hochgewachsenen jungen Männern, die Thuloma und der Thuloba sichtbar älter und Tinku spürbar ruhiger geworden waren. Amita war mittlerweile fast genauso groß wie Durga, doch als sie einander in den Armen lagen, es kam ihr vor, als hätten die letzten drei Jahre und neun Monate nicht stattgefunden.
    Aber Amita bekam auch überall und ständig zu spüren, dass sie nicht mehr die Hausherrin im Kumari Bahal war. Sie schlief bei ihrer Freundin Garima und nicht bei Durga, die das Bett im Khopi natürlich mit der jetzigen Kumari teilt. Von den Gläubigen, die an ihr vorbei die Treppe nach oben stiegen, um von der Mädchengöttin die Tika zu empfangen, wurde sie kaum wahrgenommen. Und der Thronsaal war für sie natürlich tabu — zumindest solange die Kumari auf dem Löwenthron saß und ihrer göttlichen Mission nachging."
        Es kommt einer ungewöhnlichen Begegnung zwischen der amtierenden Kumari und Amita, die sich als ehemalige zu erkennen gibt. HH, S. 388f, schildert u.a.: "»Hier setze ich mich manchmal hin«, beginnt sie zu erklären, »weil mich dann nämlich niemand sehen kann, aber ich kann alle Leute da draußen ganz genau beobachten!«
        »Ich weiß!«
        Die fast achtjährige Mädchengöttin blickt Amita erstaunt an: »Woher denn?«"
        Der Autor projiziert Amitas Gedanken (S. 388f): "In diesem Moment wird ihr schlagartig klar, dass Durga-didi der Dyo Maiju gar nicht gesagt hat, dass sie auch mal eine Kumari war. Was sollte sie denn jetzt antworten? Sie konnte doch nichts Unwahres sagen. Vielleicht weiß ja die Kumari noch gar nicht, dass sie irgendwann einmal gar keine Kumari mehr sein wird — so wie sie es damals auch nicht wusste, bevor sie es von dieser alten Frau erfahren hat, die auch mal eine Kumari war?! Trotzdem war sie dieser alten Frau später dankbar - und vielleicht will Durga-didi ja auch, dass es sie der der Kumari sagt?!
        »Woher weißt du das?«, fragt die Kumari beharrlich nach.
    Amita zögert einen kleinen Moment, ehe sie antwortet:
        »Weil ich dort auch oft gesessen habe ... als ich noch die Kumari war.«
    Die Mädchengöttin wirft die Stirn in tiefe Falten, während sie ihre Vorgängerin fixiert. Der Blick wird Amita unheimlich, aber sie hält ihm stand. Erst der Chitaidar erlöst die beiden Dyo Maijus aus dieser stummen Konfrontation, als er von der Tür aus in den Raum ruft: »Unten im Hof warten Leute auf dich, Dyo Maiju. Darf ich dich ans Fenster ...«
        »Nein!«, unterbricht ihn die Kumari barsch, dreht sich energisch zu dem vergitterten Fenster um und blickt angestrengt hinaus.
    Wortlos zieht sich der Chitaidar wieder zurück. Nach einer kleinen Weile dreht sich die Mädchengöttin zu Amita um: »Komm her!«
    Amita nimmt neben ihrer Nachfolgerin auf jener kleinen Bank hinter dem vergitterten Fenster Platz, auf der sie viele Jahre meist allein gesessen hatte.
        Nun will die kleine Mädchengöttin alles von ihr wissen. Wie lange Amita im Kumari Bahal gewohnt hat und auf welche Schule sie dann später gegangen und ob das Examen schwer gewesen sei. Und als sie ihre Vorgängerin fragt, was sie nun nach dem Examen vorhabe, antwortet Amita zu ihrem eigenen Erstaunen: »Ich werde Wirtschaft studieren und danach will ich in einem Hotel arbeiten.«
    Kommentarlos nimmt die Kumari diese Aussage als bereits feststehenden Plan zur Kenntnis. Sie weiß nicht, dass Amita diesen »Plan« soeben erstmalig formuliert hat. Und sie weiß auch nicht, dass diese Vision exakt den angestrebten beruflichen Perspektiven von deren Schwester Anita entspricht."

    Rashmilas (1986-1991) Rückkehr, Verarbeitung und das Leben danach

    Darstellung Boulanger (B, S. 182f)
    "Ermutigt stelle ich Rashmila jetzt ein paar Fragen über ihr »voriges« Leben als Göttin, Ihre Stimme ist nicht sehr selbstsicher, sie klingt wie die eines kleinen Mädchens. Sie spricht über die morgendliche Puja, über die Gläubigen, die sie in der Stille des Kumari House aufsuchten, um sie zu verehren, über die gerneinsamen Spiele mit den Kindern der Wächter. Als Nachfolgerin von Anita konnte sie bereits fernsehen, was sie von Zeit zu Zeit auch tat. Die Wächterin kümmerte sich um sie, kleidete sie an und begleitete sie überallhin. Aber vom wirklichen Leben, das sich draußen abspielte, vom Lärm der Rikschas, der gedämpft zu ihr hinüber drang, vom Geschrei der Menschen und deren Liebesgeschichten hatte sie nie etwas gehört. Bis sie brutal hineingestoßen wurde, als man der Göttin das hochgesteckte Haar gelöst, ihr den heiligen Schmuck abgenommen und die Gewänder und alles Übrige an eine andere weitergegeben hatte, an ein Kleinkind von zwei Jahren, das man unmittelbar zuvor als die neue Inkarnation Talejus ausgemacht hatte. Das war 1991, und der Palast hatte dem Volk von Kathmandu offiziell verkündet, dass seine Göttin zwölf Jahre alt und aus ihr eine Frau geworden sei. Vier Tage lang hatte sie im Haus ihrer Eltern, wohin man sie zurückgebracht hatte, die Huldigungen der Gläubigen entgegengenommen - eine sehr kurze Übergangszeit, in der sie nicht mehr wirklich Taleju und auch noch kein gewöhnliches Mädchen war. Am letzten Tag dann kam es bei einer Privatzeremonie zur Machtübergabe zu einer Begegnung zwischen den beiden Kumaris. [<182]
        Es war vorbei. Auf sie wartete ein neues Zuhause, Eltern, an die sie sich kaum erinnerte: Sie war erst vier Jahre alt gewesen, als sie auserwählt worden war.
        Die Beschreibung ihrer Rückkehr nach Hause erinnert in jeder Hinsicht an das, was Anita mir berichtet hat. »Alles war neu, ich wusste überhaupt nicht, was mich erwartet