Frühe Bindung
Ahnert, Lieselotte (2004, Hrsg.). Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung. München: Ernst Reinhardt Verlag.

Verlags-Info.

* Geleitwort * Inhaltsverzeichnis: K1, K2, K3, K4, K5, K6, K7, K8, K9, K10, K11, K12, K13, K14, K15, K16, K17, SR * Besonderer Hinweis: Bindung bei behinderten Kindern * Zusammenfassungen: Z1, Z2, Z3, Z4, Z5, Z6, Z7, Z8, Z9, Z10, Z11, Z12, Z13, Z14, Z15, Z16, Z17 * Bewertung * Querverweise *

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Aus dem "Geleitwort: Als John Bowlby, der Pionier der Bindungsforschung, 1951 in seinem Bericht an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstmals auf den Zusammenhang zwischen lang dauernder Entbehrung mütterlicher Fürsorge und schwerwiegenden und weitreichenden seelischen Schädigungen hinwies, ahnte er wohl kaum, welchen Stein er damit ins Rollen gebracht hatte. Heute - mehr als ein halbes Jahrhundert später - wissen wir, dass es um nichts weniger ging als um eine neue Sicht auf die Bedeutung menschlicher Beziehungen.
    Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Der menschliche Säugling kommt mit einem angeborenen Bedürfnis nach sozialem Kontakt und emotionalem Austausch zur Welt. Beständige und liebevolle Beziehungen zu nahe stehenden Personen - in der Regel den leiblichen Eltern - gehören neben Nahrung, gesundheitlicher Fürsorge und Schutz vor Gewalt und Ausbeutung zu den Grundbedürfnissen (Basic Needs) jedes Kindes. Von diesen Grundbedürfnissen leiten sich die Grundrechte von Kindern ab. In der 1989 von den Vereinten Nationen verabschiedeten und beinahe weltweit ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention verpflichten sich die Vertragsstaaten sicherzustellen, 'dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn, [. . .] dass diese Trennung zum Wohl des Kindes notwendig ist' (Art. 9 Abs. 1). Hier wird deutlich, dass die Erkenntnisse der Bindungsforschung ihren Niederschlag inzwischen auch in international anerkannten Kinderschutzrechten gefunden haben. Damit Kinder allerdings zu ihrem Recht kommen können, müssen Eltern und die mit Kindern arbeitenden Fachkräfte über die Bindungsbedürfnisse von Kindern umfassend und verlässlich informiert sein.
    In der Lebenswirklichkeit moderner Gesellschaften kommen die Bindungsbedürfnisse der Kinder häufig zu kurz. Unabhängigkeit, Mobilität und Flexibilität gelten als die Zauberwörter unserer Zeit. Die Angst, etwas zu verpassen und das Bedürfnis, immer mehr möglichst gleichzeitig zu erfahren und zu erledigen, sind zu modernen Begleitern des Alltags zahlreicher Eltern geworden. Dies aber steht im Widerspruch zu den Bedürfnissen von Kindern nach sicherer Orientierung und Kontinuität. ..." 


Inhaltsverzeichnis

Geleitwort
    Von Jörg Maywald  15 [Link]
Vorwort
    Von Lieselotte Ahnert  17 [Link]

Teil I Einführung in theoretische und methodologische Orientierungen

Kapitel 1 [A]
Theoretische und historische Perspektiven der Bindungsforschung
Von Klaus E. Grossmann  21
1  Bindung, Entwicklung und Kultur  21
2  Die Analyse der Psyche: Sehnsucht nach der Erklärung des eigenen Lebens  27
3  Die Bindungstheorie  28
4  Interaktionen zwischen Kind und Bindungspersonen, die zu sicheren
    und unsicheren Bindungen führen  30
5  Die unterschiedlichen Rollen von Müttern und Vätern als Bindungspersonen  37
6  Bindungsforschung - gestern und heute  38

Kapitel 2 [A]
Psychoanalytische Aspekte der Bindungstheorie
Von Martin Dornes [Link]
Einleitung  42
1    Bindungstheorie und Psychoanalyse I: Grundthemen der Debatte  42
1.1    Triebverlust versus Sicherheit  45
1.2    Innenwelt versus Umwelt  46
1.3    Die (Teil-)Autonomie der Phantasie und die Individualität der Entwicklung  48
1.4    Phantasie und Realität  50
1.5    Sexualität und andere Motivationssysteme  51
2    Bindungstheorie und Psychoanalyse II: Seelische Dimensionen interaktiver Feinfühligkeit  53
2.1    Feinfühligkeit und Affekt-Containment  54
2.2    Feinfühligkeit und (unbewusste) Phantasie  56
3    Die Bedeutung der Kindheit und die Bedeutung von Einzelfallstudien für ihre Erforschung  60

Kapitel 3 [A]
Bindung und Bonding: Konzepte früher Bindungsentwicklung
Von Lieselotte Ahnert  63 [Link]
Einleitung  63
1    Bonding: Die biologische Basis der Mutter-Kind-Beziehung  63
1.1    Hormonelle Mechanismen mütterlicher Fürsorge  64
1.2    Neuronale Schaltkreise als Grundlage der Mutter-Kind-Beziehung  65
1.3    Mütterliche Fürsorge und die Frühentwicklung neuronaler Schaltkreise  66
2    Bindung: Die klassische Bindungstheorie und ihre wesentlichsten Aussagen  67
2.1    Das Bindungsverhalten des Kleinkindes  67
2.2    Die Klassifikation einer Bindungsbeziehung  69
2.3    Die Bindungsbeziehung und ihre Funktionsweise  70
2.3.1 Das innere Arbeitsmodell  71
2.3.2 Verfügbarkeit und Sensitivität der Bindungsperson  72
2.3.3  Kontextuelle Einflüsse  73
2.3.4  Identität und Selbstwertgefühl des Kindes  74
3   Widersprüche in der klassischen Bindungstheorie und ihre Grenzen  75
3.1    Die multiple Determiniertheit der Mutter-Kind-Bindung  77
3.2    Mutter-Kind-Beziehungen als variable Adaptationen  79
4   Zusammenfassung  80

Kapitel 4 [A]
Individuelle Unterschiede in der Bindung und Möglichkeiten ihrer Erhebung bei Kindern
Von Gabriele Gloger-Tippelt  82 [Link]
Einleitung  82
1   Theoretischer und forschungsmethodischer Hintergrund der Verfahren  82
2   Methoden zur Beobachtung von Bindungsverhalten  86
2.1    Fremde Situation für Kleinkinder  86
2.2    Beobachtungsmethoden für Kindergarten- und Vorschulalter  92
2.2.1    »Attachment Organization in Preschool Children« von Cassidy und Marvin  92
2.2.2    »The Preschool Assessment of Attachment« von Crittenden  95
2.2.3   Das »Main-Cassidy-System«  96
2.3    Der »Attachment Q-Sort«  97
3   Methoden zur Erfassung von Bindungsrepräsentationen  100
3.1    Geschichtenergänzungsverfahren im Puppenspiel  100
3.2    Erhebungsverfahren mit Trennungsbildern  104
4  Ausblick  108

Kapitel 5 [A]
Kultur und Bindung
Von Heidi Keller  110   [Link]
Einleitung  110
1  Definition und Konzeption von Bindung in kulturpsychologischer Perspektive  111
2  Die Normativitätsannahme der Sensitivität  113
3  Die Normativität der Kompetenzhypothese  117
4  Sozialisationsziele, Ethnotheorien und Eltern-Kind-Interaktion  118
5  Zusammenfassung  123

Teil II Die Entwicklung primärer Bindungsbeziehungen

Kapitel 6 [A]
Beziehungsentwicklung im Rahmen der Mutter Kind Dyade bei nicht menschlichen Primaten
Von Dietmar Todt  127 [Link]
Einleitung  127
1    Zur normativen Bedeutung der Primatenforschung: Der Rhesusaffe als Modell  128
1.1    Charakteristika der ersten Lebenswochen  128
1.2    Die Mutter als Schutzspenderin  130
1.3    Interaktionen in der Peer-Gruppe  132
2    Mechanismen der frühen Sozialentwicklung und deren Beitrag zur Bindungsentwicklung  133
2.1    Allgemeines Ausdrucksverhalten der Jungtiere  134
2.2    Individuelle Variation im Ausdrucksverhalten der Jungtiere: Das Temperament  137
2.3    Verhaltensbesonderheiten der Primatenmütter  139
2.4    Das Prägungslernen  141
2.5    Neurobiologische Grundlagen von Prägung und Bindung  142
3    Resümee und Ausblick  144

Kapitel 7 [A]
Frühe Eltern-Kind-Interaktion
Von Arnold Lohaus, Juliane Ball und Ilka Lißmann  147  [Link 1,2,3,]
Einleitung  147
1  Das intuitive Elternprogramm  148
2  Die Differenzierung eines Bindungs- und Fürsorgesystems  151
3  Das Sensitivitätskonstrukt und weitere Parameter frühen Elternverhaltens  153
4  Die Differenzierung eines Sicherheits- und Wärmesystems  157
5  Das Komponentenmodell des Elternverhaltens  158
6  Ausblick  160

Kapitel 8 [A]
Die sprachliche Formatierung von Beziehungserfahrungen
Von Gisela Klann-Delius  162 [Link]
Einleitung  162
1  Sprache, Kommunikation und Beziehung  162
2  Vorsprachliche Kommunikationsprozesse und die Herausbildung sowie Repräsentation von Beziehungserfahrungen  165
3  Der Erwerb von Grundqualifikationen zur sprachlichen Kommunikation in der frühen Eltern-Kind-Interaktion  167
4  Der sprachliche Dialog und seine Anfänge  170
5  Veränderlichkeit sprachlicher Formatierungen von Beziehungserfahrungen  174

Kapitel 9 [A]
Der Einfluss des Temperaments auf das Bindungsverhalten
Von Marcel R. Zentner  175 [Link]
Einleitung  175
1  Grundlagen derzeitiger Kinder Temperamentsforschung  176
1.1    Definition des Temperaments  176
1.2    Temperamentseigenschaften und Messmethoden  177
1.3    Temperament-Umwelt-Interaktion  181
2    Einflüsse des Temperaments auf das Bindungsverhalten  182
2.1    Direkte Effekte des Temperaments auf die Bindungssicherheit  182
2.2    Interaktionistische Effekte des Temperaments auf das Bindungsverhalten  187
2.3    Standardisiert erfasste Temperamentsmerkmale versus Wahrnehmungen
         des Kind-Temperaments als Prädiktoren der Bindung  190
3   Die Eltern-Kind-Beziehung im Spiegel der Passung von
     Kind-Temperament und Elternverhalten  191
3.1    Passung zwischen Kind-Temperament und elterlichen Wertvorstellungen  192
3.2    Passung zwischen Kind-Temperament und elterlichem Erziehungsverhalten  193
4   Abschließende Bemerkungen und weiterführende Anregungen  196

Kapitel 10 [A]
Neugier, Exploration und Bindungsentwicklung
Von Axel Schölmerich und Anke Lengning  198 [Link 1,2,]
Einleitung  198
1  Neugier und Explorationsverhalten  198
1.1    Spezifisches und diversives Explorationsverhalten  199
1.2    Formen des Explorationsverhaltens  200
1.3    Entwicklung des Explorationsverhaltens  201
1.4    Entwicklungskonsequenzen individueller Unterschiede der Exploration  202
2    Konzepte der Bindungstheorie: Die "Bindungs-Explorations-Balance"
      und die »sichere Basis"  203
3   Zusammenhang zwischen Bindung und Neugier  205
3.1    Die aktualgenetische Perspektive  205
3.2    Die ontogenetische Perspektive: Die Rolle der Bindungssicherheit für die Entwicklung der Neugier  207
4    Neuere und erweiterte Modelle des Zusammenhangs zwischen Neugier und Bindung  207
4.1    Die erweiterte Bindungstheorie  207
4.2    Temperamentstheorien  208
4.3    Kulturunterschiede in der Beziehung zwischen Bindung und Exploration  209
5  Zusammenfassung  209

Teil III  Bindungserfahrungen in erweiterten Beziehungsnetzen

Kapitel 11 [A]
Betreuungsvielfalt und Strategien der Beziehungsregulation bei nicht menschlichen Primaten
Von Dietmar Todt  213  [Link]
Einleitung  213
1   Zur Formenvielfalt der frühen Sozialentwicklung bei Primaten  215
1.1    Exklusive Betreuung durch die Mutter  216
1.2    Ein Modell besonderer Art: Schimpansen und Zwergschimpansen  218
1.3    Mitbetreuung durch weibliche Gruppenmitglieder  221
1.4    Mitbetreuung durch männliche Gruppenmitglieder  224
2    Evolutionsbiologische Aspekte der Betreuungspraktiken  231
2.1    Verhaltensstrategien der Mütter und Väter  233
2.2    Strategien der Nachkommen  235
2.3    Interessenkonflikte  237
3   Resümee und Ausblick  238

Kapitel  12 [A]
Vater-Kind-Bindung und die Rollen von Vätern in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder
Von Heinz Kindler und Karin Grossmann  240  [Link 1,2,]
Einleitung  240
1 Väterliches Investment in der Betrachtungsweise unterschiedlicher Disziplinen  240
1.1.    Die soziobiologische Betrachtungsweise  240
1.2    Die ökologische, kulturelle, ökonomische Betrachtungsweise  242
1.3    Die primär auf den Effekten einer Vaterabwesenheit basierte Sichtweise  243
1.4    Die entwicklungspsychologische Sichtweise  244
2    Frühe Vater-Kind-Interaktion und die Entwicklung der frühen Vater-Kind-Beziehung  245
2.1    Die intuitive Kompetenz des Vaters zur Interaktion mit seinem Säugling  246
2.2    Qualitative Merkmale väterlichen im Vergleich zu mütterlichen Interaktionsverhaltens  246
2.3    Die Vater-Kind-Bindung als ein spezieller Bereich der Vater-Kind-Beziehung  247
2.4    Die Spielbeziehung als zentraler Bereich der Vater-Kind-Beziehung  249
2.5    Weitere einflussreiche Rollen des Vaters  250
3   Die Seite des Vaters: Bedingungen für väterliche Fürsorglichkeit  251
3.1    Persönliche Merkmale des Vaters  251
3.2    Merkmale des Kindes  252
3.3    Soziokulturelle Einflüsse  252
3.4    Forschungsbedarf  253
3.5    Wunsch und Wirklichkeit  254
4    Ausblick  254

Kapitel 13 [A]
Bindungsbeziehungen außerhalb der Familie: Tagesbetreuung und Erzieherinnen-Kind-Bindung
Von Lieselotte Ahnert  256 [Link]
Einleitung  256
1   Anthropologische Orientierungen: Kollektive Unterstützung in der Nachwuchsbetreuung  257
2   Erzieherinnen-Kind-Beziehungen in dysfunktionalen Betreuungsarrangements  258
3   Erzieherinnen-Kind-Beziehungen in Tagesbetreuung  263
4   Operationalisierung von Erzieherinnen-Kind-Bindungen durch standardisierte Verfahren  263
4.1    Trennungs- und Wiedervereinigungssequenzen mit Erzieherinnen und Müttern  264
4.2    Die Fremde Situation für Erzieherinnen  264
4.3    Der "Attachment Q-Sort" für Erzieherinnen  266
5    Vergleiche von Erzieherinnen-Kind- und Eltern-Kind-Bindungen  267
6    Herausbildung der Erzieherinnen-Kind-Bindung und die Faktoren ihrer Entstehung  268
6.1    Das Betreuungsverhalten der Erzieherinnen  268
6.2    Kindzentriertes und gruppenorientiertes Erzieherverhalten  269
6.3    Der Einfluss der Kindergruppe  271
6.4    Der Einfluss von Gruppengröße, Zeit und Erfahrung  273
7   Entwicklungskonsequenzen von Erzieherinnen-Kind-Bindung  275
8   Zusammenfassung und Ausblick  276

Teil IV   Ursachen und Folgen devianter Bindungsentwicklungen

Kapitel 14 [A]
Neurobiologie des Bindungsverhaltens: Befunde aus der tierexperimentellen Forschung
Von Katharina Braun und Corina Helmeke  281 [Link 1,2,]
Einleitung  281
1  Das neurobiologische Substrat frühkindlicher Bindung  282
2  Der Einfluss früher Bindung auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns  287
2.1    Hirnstrukturelle Veränderungen  287
2.2    Neurochemische Veränderungen  291
2.3    Endokrine Veränderungen  293
3   Der Einfluss von endokrinen, strukturellen und neurochemischen
     Veränderungen im limbischen System auf die Verhaltensentwicklung  294
4   Schlussfolgerungen: Präventive und therapeutische Ansätze  296

Kapitel 15 [A]
Die Desorganisation der frühen Bindung und ihre Konsequenzen
Von Marina Zulauf-Logoz  297 [Link]
Einleitung  297
1   Entdeckung des desorganisiert/desorientierten Bindungsmusters  297
1.1    Auffinden von Indikatoren für Bindungsdesorganisation in der frühen Kindheit  298
1.2    Bewertung der Ausprägung der Bindungsdesorganisation auf der D-Skala  299
1.3    Auftretenswahrscheinlichkeit desorganisierter Bindung  301
2    Ursachen von Bindungsdesorganisation  303
2.1    Unverarbeitete Traumata der Mutter  303
2.2    Depression der Mutter  303
2.3    Mütterliches Interaktionsverhalten  304
2.4    Kindliche Vulnerabilität und belastende Früherfahrungen  307
3    Stabilität der desorganisierten Bindung  308
3.1    Ist die desorganisierte Bindung ein passageres Phänomen?  308
3.2    Desorganisierte Bindungsrepräsentation bei älteren Kindern  309
4    Entwicklungskonsequenzen der desorganisierten Bindung  310
5    Bedeutung der Erforschung desorganisierter Bindung - Welches gesicherte Wissen
      steht uns über das Phänomen der Bindungsdesorganisation heute zur Verfügung?  311

Kapitel 16 [A]
Kindliche Behinderung und Bindungsentwicklung
Von Hellgard Rauh  313  [Link]
Einleitung  313
1    Behinderung und Beeinträchtigung der psychologischen Entwicklung  313
1.1    Erziehungskompetenzen von Eltern behinderter Kinder  314
1.2    Empfänglichkeit von Kindern für Lern- und Entwicklungsanregungen  315
2    Einige Behinderungsarten und ihre Beziehung zu Bindungsmerkmalen  316
2.1    Blinde und extrem sehschwache Kinder  317
2.2    Taube und schwerhörige Kinder  318
2.3    Motorisch behinderte Kinder  318
2.4    Kinder mit autistischen Störungen  320
2.5    Zusammenfassung zur Auswirkung von Behinderungen auf das Bindungsverhalten behinderter Kinder  321
3   Mutter-Kind-Beziehung bei Kindern mit Trisomie 21  321
3.1    Verhaltensmerkmale, Variabilität und Tempo der Entwicklung  321
3.2    Bindungsmerkmale in der Fremden Situation  322
3.3    Mütterliche Sensitivität und Bindungsqualität bei Trisomie 21  324
3.4    Zusammenhangsmuster mit kognitiver Entwicklung und Verhaltensverläufen  328
4    Behinderung, Bindung und Frühförderung  330

Kapitel 17 [A]
Bindungsbeziehungen in der Frühintervention
Von Gerhard J. Suess und Wolfgang Hantel-Quitmann  332 [Link 1,2,]
Einleitung  332
1  Die Bedeutung von Frühintervention  332
2  Unterschiedliche Ebenen und Bereiche der Intervention  334
3    Methoden der Intervention  338
3.1    Förderung der Eltern-Kind-Interaktion und der Einsatz von Videotechnik  338
3.2    Verwendung des "Adult Attachment Interviews« (AAI)  341
3.3    Die therapeutische Beziehung und das Konzept der sicheren Basis  342
4    Kindeswohl bei Kindern aus Risikofamilien am Beispiel der Kinder aus Suchtfamilien  343
4.1    Die Folgen der elterlichen Sucht für die kindlichen Entwicklungen  344
4.2    Die strukturellen und emotionalen Folgen der Sucht  345
4.3    Die Regeln der Sucht und die systemische Abwehr  346
4.4    Resilienz: Normale Menschlichkeit jenseits der Magie  347
5    Praktische Konsequenzen: STEEP (Steps Toward Effective and Enjoyable Parenting)  348
6    Zusammenfassung  350

Literatur  352
Autorenverzeichnis   410
Sachregister   412
 


Zusammenfassungen
Nicht jedes Kapitel enthält eine explizit so benannte Zusammenfassung. Es kommt hierbei aber weniger auf die Benennung an als auf den Sachverhalt. Doch lesen Sie selbst:

[A]
1 Theoretische und historische Perspektiven der Bindungsforschung
Aus dem Schluß von Kapitel 1, S. 38-41

"6 Bindungsforschung - gestern und heute

John Bowlbys Nachdenken über eine wissenschaftliche Fundierung psychoanalytischer Fragen zu frühen Einflüssen auf die Psyche des Menschen begann in den 40er Jahren. Er führte eine Untersuchung an 44 jugendlichen Dieben durch und stellte fest, dass die meisten von ihnen bereits in jungen Jahren ihre Mütter verloren hatten. Bowlby wurde dafür von seinen Kollegen "John Bowlby und die 44 Diebe" genannt. Die in diesen Untersuchungen zusammengetragenen Belege waren gravierend, aber sie waren retrospektiv ausgerichtet und berücksichtigten nicht die Umstände, unter denen die Kinder seit dem Tod ihrer Mütter lebten - meist in Heimen, und nicht in anderen Familien. Entwicklung sieht im Rückblick immer anders, scheinbar folgerichtiger aus als in der Vorhersage in Unkenntnis der zukünftigen Lebensereignisse. In seiner wissenschaftlichen Orientierung prüfte Bowlby zusammen mit Ainsworth auch dies mit nachprüfbaren Fakten. Sie erforschten gemeinsam die seelische Gesundheit von Kindern, die z. T. bereits als Kleinkinder im Sanatorium gewesen waren, und verglichen sie mit einer passenden Kontrollgruppe. Diese prospektiven Ergebnisse zeigten keine so gravierenden Unterschiede. Sie führten allerdings zu der wichtigen Erkenntnis, dass retrospektive Daten für bestimmte Entwicklungsverläufe keine ausreichende Basis für verallgemeinerbare Erkenntnisse darstellen (Ainsworth/Bowlby 1954; Bowlby et al. 1956).
    Die Grundlagen der Bindungstheorie wurden in den 50er Jahren gelegt, als Mary Ainsworth zum Forschungsteam von John Bowlby stieß und anschließend erste Felduntersuchungen in Uganda begann (Ainsworth 1967). Die folgenden 30 Jahre Bindungsforschung waren im Wesentlichen gekennzeichnet durch genaues Beobachten von Bindungssignalen und mütterlicher Feinfühligkeit, den Verhaltensstrategien sicher und unsicher gebundener Kinder in der Fremden Situation und den weiteren Folgen für die Entwicklung. Die wichtigsten Schriften von Ainsworth und Bowlby aus diesen Jahren wurden kürzlich in Deutsch veröffentlicht (K. Grossmann/Grossmann 2003). In den 70er Jahren begannen - im Vertrauen auf die Tragfähigkeit der Bindungstheorie - einige außerordentlich engagierte Untersuchungen, die Bedeutung lebenslanger Bindungen im Leben von Kindern z. T. bis über das 20. Lebensjahr hinaus zu untersuchen. Die wenigen Forscherinnen und Forscher, die ein solches lebenslanges Wagnis auf sich genommen haben, waren im Sommer 2003 zu einer Konferenz in Regensburg über "Attachment from Infancy and Childhood to Adulthood" zusammengekommen, um ihre Ergebnisse zusammenzufassen und mit anderen Bindungsforschern zu diskutieren (K. E. Grossmann et al. im Druck).
    Das Bild, das nach nunmehr 50 Jahren Bindungsforschung entstanden ist, ist ebenso vielschichtig und differenziert wie überzeugend klar und deutlich. Unsere eigenen Untersuchungen - auf die wir uns in diesem Kapitel beschränkt haben -  zeigen, dass psychische Einschränkungen bis zum 22. Lebensjahr statistisch signifikant mit ungünstigen Bindungserfahrungen zusammenhängen, wenn auch nicht mit einzelnen Methoden, wie z. B. der Fremden Situation (K. E. Grossmann et al. 2002; K. Grossmann/Grossmann 2004). Im internationalen Vergleich halten sich Untersuchungen etwa die Waage, die Zusammenhänge mit der Fremden Situation finden und solche, bei denen dies nicht zutrifft.
    Alan Sroufe schloss seinen Regensburger Bericht mit zwei Fallbeispielen aus seiner Untersuchung an einer Risiko-Stichprobe in Minnesota (Sroufe et al. in Vorb.). Einer soll hier kurz wiedergegeben werden.
 
    Tony war mit 12 und 18 Monaten sicher an seine Mutter gebunden und erhielt viel Unterstützung während seiner Vorschulzeit. Er wurde bei Schuleintritt von den Lehrern sehr positiv beurteilt. In den folgenden 20 Jahren erging es ihm aber sehr schlecht. Die Eltern trennten sich im bitteren Streit, sein Vater stieß ihn zurück, die Mutter überforderte ihn an Stelle eines erwachsenen Partners. Mit 13 Jahren wendete Tony sich auf sehr konfliktreiche Weise von seiner Mutter ab. Die Mutter kam bei einem Unfall ums Leben und der Vater zog mit Tonys beiden Geschwistern in ein anderes Land. Tony zog zu Tante und Onkel die zu alt waren, um mit einem 13-Jährigen fertig zu werden. Er hatte Probleme in der Schule keine Freunde. Mit 17,5 Jahren wurden Verhaltensstörungen diagnostiziert. Er organisierte Diebstähle mit anderen Jungen.
   Tony war später depressiv und isoliert. Seine frühere sichere Bindung hat ihn nicht vor den nachfolgenden psychischen Überforderungen bewahren können. Später jedoch, als Tony bereits Vater war, wurde er zusammen mit seiner zweijährigen Tochter von neuen Forschern beobachtet, die nichts über seine Vorgeschichte wussten Alle Beobachtungen ließen einen sehr unterstützenden Vater erkennen, geduldig, warm verfügbar, Rahmen und Grenzen setzend und dabei seine Tochter ermutigend. Seine Beziehung zu seiner Frau war gleichermaßen positiv engagiert, verständnis- und liebevoll. Seine Repräsentation von Bindung war jedoch vermeidend, seine Repräsentation von Partnerschaft allerdings an der Grenze zu innerer Repräsentation psychischer Sicherheit. Er verfügte aufgrund seiner frühen Bindungserfahrungen über Ressourcen, die unter ungünstigen Lebensbedingungen verschüttet waren, die ihm jedoch später trotzdem unter günstigeren Bedingungen für eine aktive adaptive Lebensgestaltung zur Verfügung standen.

Diese Geschichte ist weit mehr als nur ein Fallbeispiel. Sie reflektiert den Tenor der heutigen Erkenntnisse nach einem halben Jahrhundert Bindungsforschung. Es geht längst nicht mehr um simple Kontinuitäten früher Bindungserfahrungen - die sind, rein statistisch in zahlreichen Untersuchungen, wenn auch nicht in allen, durchaus gegeben - sondern es geht um die Art, um die Qualität des Umgangs mit möglichen psychologischen Widrigkeiten in engen Beziehungen. Ist man bereit, sich in die Lage Nahestehender zu versetzen und auch in ihrem Interesse zu handeln? Kann man selbst um Hilfe bitten im Vertrauen darauf, dass man es wert ist, Hilfe zu erhalten? Kann man selbst helfen, im Vertrauen darauf, dass Hilfe bei anderen willkommen ist, so wie bei Tonys Tochter und bei seiner Frau? Ist man in der Lage, bei Gefühlen von Versagung, Ärger, Wut, Enttäuschung und Verzweiflung nicht in Aggression, Apathie, Selbstmitleid, Angst, Depression und Isolation zu versinken, sondern stattdessen die Klärung der eigenen Gefühle und Absichten zu betreiben, um eine tragfähige Lösung zu erreichen? Wann sind die Umstände dafür günstig, wie bei Tony als Vater, und wann nicht, wie bei Tony nach dem Verlust seiner ganzen Familie?
    Die empirischen Belege mehren sich dafür, dass psychische Sicherheit vor allem durch eine mütterliche Feinfühligkeit und die Anerkennung des Kindes als ein fühlendes, denkendes und schützenswertes Wesen entsteht, [<40] sowie durch die Fähigkeit, sich in die Lage des Kindes zu versetzen und »mind-minded« zu sein (Meins 1997a, b; 1999). Auch wird sie durch väterliche Unterstützung und durch die allmähliche sprachliche Verinnerlichung von Zusammenhängen zwischen Gefühlen der Innenwelt und ihren entsprechenden Ereignissen in der Außenwelt herausgebildet. Dies ist eine grundlegende vorteilhafte psychische Ressource für individuelle konstruktive Anpassung an unvorhergesehene Widrigkeiten. Für ein ungetrübtes Verständnis für den Partner und für die eigenen Kinder sind sie unerlässlich. Psychologische Sicherheit, Verlässlichkeit und Vertrauen in Bindungspersonen in der Kindheit ist kostbar und unersetzlich. Sie lässt sich später nicht einfach, sondern nur mühsam vielleicht und mit großen Anstrengungen nachholen. Die Bindungsforschung macht dies auf der Grundlage der offenen Bindungstheorie verständlich und nachprüfbar, entdeckt die Bedingungen für sichere und unsichere Bindungsentwicklung und weist die langfristigen Folgen unter günstigen und ungünstigen Lebensbedingungen nach.
    Bindungsunsicherheit ist ein Muster zum Erkennen von psychischen Einschränkungen und Unzulänglichkeiten, die - aufgrund der mangelnden Erfüllung kindlicher Bindungsbedürfnisse - ein Leben über die üblichen Herausforderungen hinaus belasten können. Bindungssicherheit dagegen basiert auf der Qualität menschlichen Miteinanders und der Unterstützungssysteme, die das genetische Potenzial eines jeden Kindes zu manifester, psychologisch sicherer Anpassung und zu psychischer Gesundheit durch konstruktive internale Kohärenz führen kann. Bowlbys große Kunst bestand in seiner Fähigkeit, diejenigen psychoanalytischen Erkenntnisse, die er für grundlegend hielt, in eine Sprache zu kleiden und bindungstheoretisch zu konzipieren, die ihre wissenschaftliche Überprüfung möglich gemacht hat und das Haltbare vom Unhaltbaren trennen konnte (K. Grossmann 2001; s. Dornes, Kap. 2 in diesem Band)."

[A]
2 Psychoanalytische Aspekte der Bindungstheorie
Aus dem Schluß von Kapitel 2, S. 60-62

"3 Die Bedeutung der Kindheit und die Bedeutung von Einzelfallstudien für ihre Erforschung

Die Psychoanalyse ist diejenige Theorie des 20. Jahrhunderts, die am nachdrücklichsten die Bedeutung der Kindheit für die seelische Gesundheit oder Krankheit von Erwachsenen vertreten hat. Dieses Interesse teilt sie mit der Bindungstheorie, die Bowlbys klinisch gewonnener Überzeugung entsprang, dass die frühe und andauernde Trennung von Mutter und Kind einen dauerhaft negativen Einfluss auf die kindliche Persönlichkeitsentwicklung hat. Ein Echo dieser Überzeugung findet sich in der heute intensiv diskutierten Frage nach den Langzeitwirkungen früher Bindungserfahrungen. Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Bindungsqualität der Mutter (und des Vaters) und der des Kindes gibt. Sicher gebundene Eltern haben häufiger sicher gebundene Kinder und unsicher-vermeidend gebundene Eltern haben häufiger entsprechend unsicher-vermeidend gebundene Kinder. Insofern kann man von einer intergenerationellen Transmission von Bindungsqualitäten sprechen, auch wenn es kein 1:1-Verhältnis von elterlicher und kindlicher Bindungsqualität gibt (Überblick bei Dornes 2000).
    Was die Langzeitwirkungen früher Bindungserfahrungen innerhalb einer Biografie angeht, so sind die Befunde uneinheitlich. Eine Reihe von  prospektiven Studien fand einen Zusammenhang zwischen Bindungstyp mit einem Jahr und Bindungsorganisation im Alter von 16 Jahren, andere fanden keinen (Überblick bei Kißgen 2004). Konsens besteht dahingehend, dass auftretende Veränderungen der Bindungsorganisation während des Lebenslaufs die Folge regelhafter Veränderungen in der Eltern-Kind-Interaktion sind, die durch vielfältige Ereignisse ausgelöst werden können (Scheidung, Arbeitslosigkeit, psychotherapeutische Interventionen usw.). Die Entwicklung der Persönlichkeit unterliegt im Laufe der Zeit einer Vielfalt von Einflüssen, die im Ergebnis zu einer Mischung von Kontinuität und Diskontinuität führen.
    Zum selben Ergebnis kommen auch psychoanalytische prospektive Langzeitstudien. Eine davon wird seit mittlerweile 30 Jahren durchgeführt (Massie 2002). Sie weist nach, wie spätere Einflüsse frühere überlagern, ohne sie vollständig zu erodieren. Manches bleibt stabil, z. B. die Art der bevorzugten Abwehrmechanismen; anderes nicht, z. B. der Grad der psychosozialen Anpassung auf verschiedenen Altersstufen, der stärker von äußeren Umständen abzuhängen scheint. Die Autoren resümieren, dass die Parameter, die das Funktionieren auf einer Verhaltensebene erheben, instabiler sind und stärker fluktuieren als diejenigen, die das intrapsychische Funktionieren erheben (Massie/Szajnberg 2002, 44). Insgesamt zeigt sich auch hier, dass Erfahrungen in der (frühen) Kindheit keinen deterministischen Einfluss haben, sondern einen probabilistischen. Das heißt, sie erhöhen oder [<60] senken die Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben gesund zu bleiben oder zu erkranken - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
    Klinisch-kasuistische Einzelfallstudien können die Diskussionen über die intergenerationelle Kontinuität und Diskontinuität von Bindung noch um einen inhaltlichen Aspekt bereichern. Bindung ist nämlich nur eine Dimension der Persönlichkeitsentwicklung. Sie sagt - wie Abwehr oder Coping - zwar einiges über die Stile von Beziehungsgestaltung und Problembewältigung aus, aber wenig über die konkreten seelischen Inhalte und Konflikte, mit denen sich Menschen im Laufe ihres Lebens herumschlagen. Cramer (1995) hat sich nicht mit der intergenerationellen Weitergabe von Bindungsmustern, sondern mit der von Familienthemen befasst und ist wie auch Massie et al. (1988) der Frage nach der Transmission solcher Themen nachgegangen. Sie haben gezeigt, wie sich Themen und Konflikte in konkrete Verhaltensweisen übersetzen und die kindliche Entwicklung nachhaltig beeinflussen. Solche Konstellationen zu identifizieren ist etwas anderes, als Bindungstypen zu erheben, und oft zeigen sich die relevanten Themen erst in detaillierten klinischen Interviews.
    Die Bedeutung von Einzelfallstudien ist jedoch nicht auf klinische Fälle beschränkt. Massie et al. (1996) haben in einer instruktiven Fallvignette dargestellt, wie ein sicher gebundenes Kind die ungelösten Konflikte seiner Eltern "schultert« und wie dies seine weitere Persönlichkeitsentwicklung, insbesondere seinen Umgang mit Affekten, Beziehungen und sein Phantasieleben beeinflusst. Sicher gebunden heißt also nicht konfliktfrei (s. a. Fonagy 1996). Slade und Cohen (2002) beschreiben in einer anderen Einzelfallstudie, wie das Thema des »Kampfes« zwischen Mutter und Tochter weitergegeben wird. Weil die Mutter sich dieses Themas und der Kämpfe mit ihrer eigenen Mutter bewusst ist, erfolgt die Weitergabe jedoch »flexibel«. Sie beeinflusst die Tochter, ohne sie zu fesseln oder krank zu machen. Einzelfallstudien, wie die erwähnten, können einen nachhaltigen Eindruck von der Komplexität der menschlichen Entwicklung verschaffen. Obwohl sie nicht oder nur begrenzt geeignet sind, ätiologische Hypothesen über die Entstehung von Erkrankungen zu überprüfen, können sie eine wichtige Quelle der Hypothesengenerierung sein.

    "Auch, wenn sie nicht im traditionellen Sinne als Empiriker gelten, haben die großen Pioniere der Kinderpsychoanalyse wie John Bowlby, Anna Freud, Melanie Klein, Ernst und Marianne Kris, Erik Erikson und Donald Winnicott durch ihre detaillierten Beobachtungen von Kindern in natürlichen Umgebungen maßgeblich zur Entstehung der Entwicklungspsychopathologie beigetragen. Die Werke dieser Visionäre waren von größter Bedeutung für unser Verständnis normaler psychologischer Entwicklungsstufen.
    Bindungstheorien und RepräsentationsmodeIle vom SeIbst und vom Anderen, die Identität, der konstruktive Gebrauch der Imagination sowie die Rolle, die Abwehrmechanismen bei der Angstbewältigung spielen - all das ergab sich aus Beobachtungen der Analytiker und trug schließlich zu der Erforschung normaler und atypischer psychischer Entwicklung bei [...] (Cicchetti 1999, 12f)
Selbst, wenn manche Befunde der Psychoanalyse nicht ohne weiteres oder ohne Substanzverlust im herkömmlichen Sinne »empirisierbar« sind, bleibt wahr: »Es wäre [...] eine zu enge Sicht der Welt, wenn wir nur noch das glauben sollten, was in psychologischen Untersuchungen bestätigt wurde.» (Keller 1997, 258)."

[A]
3  Bindung und Bonding: Konzepte früher Bindungsentwicklung
Aus dem Schluß von Kapitel  3, S. 80-81

"4  Zusammenfassung
In einer Mehr-Ebenen-Betrachtung hat das vorliegende Kapitel den Versuch unternommen, das Bindungskonzept so zu fassen, wie es vor allem die primären Beziehungen des Kindes in der frühen Kindheit bestimmt. Als Ausgangspunkt wurde der traditionelle Bindungsbegriff gewählt, der durch aktuelle Themen und Problemstellungen erweitert wurde. Dabei bezieht er Forschungstrends ein, die unter dem Konzept von Bonding biologische Erklärungsmodelle benutzen. Die Beschäftigung mit diesen vielfältigen Beschreibungsebenen und Erklärungsmodellen zeigt, dass das evolutionsbiologisch äußerst wichtige System der Mutter-Kind-Bindung hochkomplex ist, auf prädisponierte Verhaltenstendenzen zurückgreifen kann, durch biologische Mechanismen gestützt ist und durch vielfältige Lernerfahrungen erworben und angepasst wird.
    Es steht dabei außer Zweifel, dass die biologisch normative Geburt eines gesunden und (im Sinne des Temperamentkonzeptes) pflegeleichten Kindes unter der sensitiven Betreuung einer stillenden Mutter - die zudem auf die soziale Unterstützung ihrer Familie bauen kann - eine sichere Mutter­ [<80] Kind-Bindung höchstwahrscheinlich macht. Das vorliegende Kapitel aber fragt danach, welche dieser Bedingungen wichtiger als andere sind, um die Frühe Bindung zu konstituieren, die auch für ihre Stabilisierung viel länger braucht als ursprünglich angenommen. Viele einzelne Mechanismen wirken auf Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen Früher Bindung ein. Dabei wird offenkundig, dass das Bindungssystem auf diese Weise mehrfach abgesichert und determiniert sein muss und sich dynamisch an die Lebenswirklichkeit von Mutter und Kind fortwährend anpasst. Um diese Anpassungsprozesse noch besser verstehen zu können, muss aber das Optimalitätstheorem der klassischen Bindungstheorie aufgegeben werden."

[A]
4  Individuelle Unterschiede in der Bindung und Möglichkeiten ihrer Erhebung bei Kindern
Aus dem Schluß von Kapitel  4, Resümee und Ausblick, S. 108-109

"Resümee: Zur Erfassung von Bindungsrepräsentationen ab dem Kindergartenalter liegen zwei Methoden mit jeweils verschiedenen Varianten vor. Die Geschichtenergänzungsverfahren erwiesen sich für die Altersgruppe der Drei-, Fünf- bis Siebenjährigen als eine reliable und valide Methode. Es sind allerdings weitere Validitätsprüfungen erforderlich. Auch der Trennungsbildtest SAT hat sich als ein angemessenes Erhebungsverfahren für Bindungsrepräsentationen bewährt. Die Beschreibung von Bildern erfordert mehr verbale Fähigkeiten als die Puppenspielmethoden. Daher ist der SAT vermutlich geeigneter für etwas ältere Kinder, eingesetzt wurde er in den genannten Studien von viereinhalb bis zu zwölf Jahren. Allerdings erschweren bei beiden Methoden die verschiedenen Auswertungsmethoden eine Vergleichbarkeit der Befunde. Die Auswertungen zum SAT sind schwer zugänglich und Trainings weniger verfügbarer als bei den Geschichtenergänzungsverfahren.

4 Ausblick
Der Überblick hat mehrere viel versprechende Erhebungsformen für die Bindung in der frühen und mittleren Kindheit gezeigt. Sie setzen auf verschiedenen Ebenen des kindlichen mentalen Bindungsmodells an und beruhen auf Zugängen über direkte Beobachtung unter standardisierten Bedingungen (Fremde Situation), indirekten Beobachtungsberichten von Experten nach Hausbesuchen (Q-Sort) und halbprojektiven Verfahren wie Geschichtenergänzungen und Trennungsbildern. Die für die mittlere Kindheit entwickelten Interviews konnten hier nicht dargestellt werden. Zahlreiche Studien erbrachten besonders für das Kleinkindalter sehr zufriedenstellende psychometrische Gütekriterien. Weniger Untersuchungen liegen für das Kindergarten- und Vorschulalter vor. Hier ist zum einen das Bindungsverhaltenssystem nicht so einfach zu aktivieren. Zum zweiten müssen die Erhebungsverfahren auf die sich entwickelnden, unterschiedlichen kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten der Kinder abgestimmt werden. Allerdings gibt es für Drei- bis Sechsjährige eine größere Vielfalt an Verfahren, da die Verhaltens- und die Repräsentationsebene zur Verfügung stehen.
    Waters warf die Frage nach der »Güte der Bindungsmaße« auf und kam zu dem Schluss »There is a ,gold standard', but it isn't as simple as that«. Als Qualitätsstandard besonders für die Fremde Situation gilt die Beobachtung von Mutter-Kind-Interaktionen in der häuslichen Umwelt, die die Laborerfassung der Bindungssicherheit theorieentsprechend validieren. Das Gleiche sollte für Maße auf der Repräsentationsebene gelten; auch sie müssen bezogen werden auf die beobachtete Interaktion zwischen Kind und [<108]  Bindungsperson. Dass dies nicht so einfach ist, wie Waters sagt, zeigen die nicht immer befriedigenden empirischen Zusammenhänge. Insbesondere die Maße zur Bindungsrepräsentation und die Verhaltensebene bei älteren Kindern könnten verschiedene Aspekte des Konstruktes der Bindungssicherheit abdecken. Waters paraphrasiert in diesem Sinne Einstein: »Not everything that can be measured is important. Not everything that is important is (easily) measured.«"

[A]
5  Kultur und Bindung
Aus dem Schluß von Kapitel 5, S. 123-124

"5 Zusammenfassung
In den vorangehenden Abschnitten haben wir die Rolle kultureller Einflüsse für die Entwicklung von Bindungen im Kleinkindalter untersucht. Dabei haben wir konstatiert, dass die Bindungsforschung primär an dem Aufweis der Universalität zentraler bindungstheoretischer Annahmen interessiert ist. Kulturelle Einflüsse werden für die Verteilung der drei Bindungsstrategien angenommen. Vor dem Hintergrund kulturpsychologischer Konzeptionen und Methoden haben wir vorgeschlagen, dass es für das Verständnis der zentralen Annahmen der Bindungstheorie wesentlich ist, kulturelle Werte und Normen in die Forschung zu integrieren. Wir haben anhand von Beispielen aufgewiesen, dass in verschiedenen kulturellen Kontexten unterschiedliche Definitionen von Bindungen vorhanden sind sowie unterschiedliche Vorstellungen über deren Genese und deren Konse-[<123]quenzen bestehen. Insbesondere haben wir auf unterschiedliche Menschenbilder fokussiert, die mit independenten und interdependenten Sozialisationszielen assoziiert sind. Die kulturspezifische Konzeptionalisierung von Bindung ist relevant für die praktische Anwendung. Am Beispiel von  Trainingsmodellen der Sozialisation haben wir aufgewiesen, dass das, was in einer Kultur als normativ und richtig gilt, in einer anderen als intrusiv und falsch bewertet wird. Kulturvergleichende Untersuchungen zu bindungstheoretischen Kernannahmen sind von daher dringend erforderlich.
    Anmerkung: Die Vorbereitung dieses Beitrages wurde durch ein Forschungsstipendium des »Netherlands Institute for Advanced Study«, Wassenaar, NL, unterstützt. Die Beispiele parentaler Ethnotheorien, die in diesem Kapitel zitiert werden, entstammen einer Untersuchung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird."

[A]
6  Beziehungsentwicklung im Rahmen der Mutter Kind Dyade bei nicht menschlichen Primaten
Aus dem Schluß von Kapitel 6, S. 144-146

"3  Resümee und Ausblick
Ein soziales Beziehungsgefüge ist stets das Resultat von Leistungen oder Fehlleistungen, mit denen sämtliche Gruppenmitglieder zu ihm beitragen. In diesem Kapitel wurde ein zentraler Teil dieses Gefüges behandelt: die Beziehung zwischen Primatenmutter und Jungtier. Bei der Sozialentwicklung des neugeborenen Rhesusaffen spielt seine Mutter eine Schlüsselrolle. In den ersten Lebenswochen betreut ausschließlich diese ihren Nachwuchs. Es gibt Hinweise darauf, dass dabei eine starke Bindungsbeziehung aufgebaut wird, die dem Jungtier hilft, seine übrige Umwelt erfolgreich zu explorieren. Der enge Mutter-Kind-Kontakt wird bis etwa zur Entwöhnung (ca. dritter Lebensmonat) durch wechselseitige Verhaltensmuster aufrechterhalten, dann aber von der Mutter aktiv unterbrochen. Danach bilden die Jungen über Spielkontakte neue Sozialbeziehungen untereinander aus. Zwischen Mutter und Tochter bleiben besonders nahe Beziehungen zeitlebens erhalten; zwischen Mutter und Sohn enden sie dagegen mit dessen Geschlechtsreife. [<144]
    Das Jungtier kann seine Mutter und ihr Betreuungsverhalten über eine Vielzahl optischer und akustischer Signalmuster beeinflussen. Seine Lautäußerungen sind sowohl im Nahkontakt (z. B. durch Babbeln) als auch auf Distanz (z. B. über Schreien) wirksam. Neben seinem Signalverhalten sind auch das Temperament des Neugeborenen sowie die Bedingungen seiner Betreuung von dramatischem Einfluss auf seine soziale Entwicklung. Für Rhesusaffen sind zwei extreme Temperamentsformen dokumentiert, die - z. B. als hyper-impulsives oder hyper-reaktives Temperament - das Sozialverhalten bis ins Erwachsenenalter bestimmen und sogar erblich sein sollen. Sie sind mit Bindungsvariationen korreliert, die in ähnlicher Form auch für den Humanbereich dokumentiert wurden (Bindungstypen »vermeidend« und »ambivalent« sowie »desorganisiert«; s. Ahnert, Kap. 3 in diesem Band).
    Die typisch mütterlichen Verhaltensmuster weiblicher Primaten erscheinen, verglichen mit den Ausdrucksmustern ihrer Jungtiere, in der Anzahl eher begrenzt und in der Ausführung sogar stereotyp. Für die Entstehung der Bindung an das Jungtier sind dessen erste Lebenstage und vor allem dessen Ausdrucksmuster und Interaktionsangebote entscheidend. Der Vollzug der Bindung zeigt sich insbesondere bei längeren Trennungen vom Kind oder bei dessen Tod.
    Der wichtigste Mechanismus des Aufbaus von Bindungsbeziehungen scheint auch bei den Primaten über das Prägungslernen zu laufen. Einige der dieser besonderen Lernform zugrunde liegenden physiologischen und neurobiologischen Prozesse sind inzwischen bekannt. So wurde nachgewiesen, dass bei der Prägung der Mütter - neben Prolactin und körpereigenen Opiaten - vor allem das Neuropeptid Oxytocin eine Schlüsselrolle spielt. Auf solcher Basis kann man nun den Ergebnissen der weiteren Forschung gespannt entgegensehen.
    Die Untersuchungen zur Sozialentwicklung der Rhesusaffen haben für die Aufhellung der Bindungsbeziehungen von Primaten Modellcharakter gewonnen. Die Gründe hierfür liegen außer in den hier beschriebenen Verhaltensleistungen der Spezies auch in einigen wichtigen methodischen Details. Wie geschildert, wurden die Grundsteine der Rhesusaffenforschung durch Untersuchungen gelegt, die eine isolierte Aufzucht von jungen oder sogar neugeborenen Rhesusaffen einschlossen. Solche Studien sind heute aus Gründen der Forschungsethik gar nicht mehr vertretbar. Im Hinblick auf die Schlüsselbedeutung der Mutterrolle aber haben sie - das sollte anerkannt bleiben - die überzeugendsten Evidenzen geliefert.
    Man hat die Tragweite von Versuchsergebnissen, die an sozial isoliert und in merkmalsarmen Räumen aufwachsenden Rhesusaffen erzielt wurde, bisweilen allerdings wissenschaftlich in Zweifel gezogen. Das Argument war, dass die Tiere nicht nur spezifische Leistungsausfälle, sondern oft auch sehr komplexe und dauerhafte Störungen zeigten. Manche davon führten [<145] sogar zu Problemen bei der eigenen Reproduktion. Die frühe Kritik war vielleicht nicht unberechtigt, wurde aber durch die weitere Forschung, die schließlich auch viele Freilandstudien einschloss, überholt. Inzwischen sind viele der Faktoren aufgeklärt, die solche Störungen induzieren (Suomi 1997). Somit bleibt heute lediglich der ethische Vorbehalt.
    Zurückblickend drängt sich die Frage auf, welchen Verlauf die Bindungsforschung wohl genommen und wie vor allem Bowlby seine Theorie formuliert hätte, wenn die genannten Versuche nicht - oder zumindest nicht an Rhesusaffen - durchgeführt worden wären (s. erläuternd dazu Kap. 11 in diesem Band).
    Um die Hintergründe dieser Frage besser verstehen zu können, sollte man allerdings die große artliche Vielfalt der frühen Sozialentwicklung bei Primaten kennen und berücksichtigen. Auf deren wichtigste Eigenschaften wird in Kapitel 11 ergänzend eingegangen."

[A]
7  Frühe Eltern Kind Interaktion
Azs dem Schluß von Kapitel 7, Ausblick, S. 160-161

"6  Ausblick
In den ersten Lebensmonaten entwickelt das Kind zunächst auf einer sensomotorischen Ebene eine Vertrautheit mit den Interaktionsmustern einer Bezugsperson und daran anschließend eine Präferenz für diese Interaktionsmuster (Waters et al. 1990). Dadurch wird zunächst auf der Verhaltensebene eine Ausrichtung des Säuglings auf bestimmte Bezugspersonen erzeugt. Das individuelle Elternverhalten und seine Prägung durch kulturelle Werte spielt dabei eine bedeutende Rolle. Dies wird jedoch gleichzeitig auch umgekehrt zunehmend durch individuelle Eigenarten des Kindes mo­[<160]difiziert, so dass gegenseitige Anpassungsleistungen beständig erforderlich werden. Im Laufe der Entwicklung kommt es zu Verhaltensstabilisierungen bei allen an der Interaktion Beteiligten, die jedoch gleichzeitig das Potenzial für neue Anpassungsleistungen enthalten. Die Verhaltensstabilisierungen erlauben eine gewisse Vorhersagbarkeit des Verhaltens der Interaktionspartner, während die dennoch vorhandene Verhaltensflexibilität eine Anpassung an neue veränderte Bedingungen erlaubt.
    Besonders zu bedenken ist dabei, dass alle Interaktionspartner (und nicht nur das Kind) einem Entwicklungsprozess unterliegen. Somit erfordern nicht nur situationale, sondern auch personale Veränderungen Neuanpassungen. Dies wird unmittelbar evident, wenn man beispielsweise die Reaktionskontingenz betrachtet, die in mehreren der dargestellten Konzepte zur frühen Eltern-Kind-Interaktion als bedeutsame Komponente aufgeführt ist. Da sich die Gedächtnisleistungen mit dem Alter verbessern, kommt es nicht mehr darauf an, dass Eltern prompt auf ein Kindverhalten reagieren. Das Kind kann auch Zusammenhänge über längere Zeiträume hinweg herstellen. Die Bedeutung einzelner Parameter der frühen Eltern­Kind-Interaktion kann sich dementsprechend im Laufe der Entwicklung verändern. Einzelne Parameter verlieren an Relevanz, während andere Parameter zunehmend an Bedeutung gewinnen (Edwards/Liu 2002).
    Insgesamt ist zu konstatieren, dass die dargestellten Konstrukte zur frühen Eltern-Kind-Interaktion unterschiedliche Perspektiven entwickeln und unterschiedliche Schwerpunktsetzungen aufweisen. Dass eine Integration der verschiedenen Schwerpunktsetzungen zu einem einheitlichen Konzept jedoch noch aussteht. Dabei sollte eine strikt entwicklungspsychologische Perspektive im Vordergrund stehen, die die funktionale Bedeutung von Parametern der Eltern-Kind-Interaktion in verschiedenen Phasen der Eltern-Kind-Beziehung betrachtet. Weiterhin sind wichtige Aufschlüsse über vernachlässigte Parameter der Eltern-Kind-Interaktion aus kulturvergleichenden Studien zu erhalten. Diese können dazu beitragen, »blinde Flecken« zu vermeiden, die sich eventuell aus der Fokussierung auf einzelne Kulturkreise ergeben."

[A]
8  Die sprachliche Formatierung von Beziehungserfahrungen
Aus dem Schluß von Kapitel 8,  S. 174

"5  Veränderlichkeit sprachlicher Formatierungen von Beziehungserfahrungen
Die frühe Kindheit stellt zwar nicht für immer die Weichen für das spätere Leben und die späteren Beziehungen. In ihr werden aber Routinen etabliert und neuronal repräsentiert, die nicht ohne besondere Anstrengungen wie in einer Therapie oder durch Glücksfälle wie der Begegnung mit verständnisvollen Menschen verändert werden können (Köhler 1992). Dies geht nur, weil sie im Prinzip sprachlich repräsentiert und im Dialog modifiziert werden können. Wenn nun die sprachliche Formatierung früher Beziehungserfahrungen keine wesentlichen Veränderungen ihrer Qualität mit sich bringt, so kann dies insofern auch als ein Vorteil betrachtet werden, als diese sonst schwer zugänglichen prozeduralen Repräsentanzen dank ihrer symbolischen Redeskription in der kindlichen Entwicklung im Prinzip sprachlich-symbolischer Bearbeitung zugänglich sind. Allerdings wird sprachlicher Kommunikation entsprechend den frühen Erfahrungen im beginnenden sprachlichen Dialog mit einem unterschiedlichen Grad an Zutrauen begegnet werden. Denn wer Sprache nicht als vertrauenswürdiges Medium erfahren hat, wird sich ihm gegenüber vorsichtig verhalten oder sich überintensiv darum bemühen. Insofern wird Sprache erst in einer vertrauensvollen, geschützten Beziehung Medium der Neuverhandlung alter Arbeitsmodelle sein können. Hiervon zeugen die als »talking cure« (Freud) geführten Therapien."

[A]
9  Der Einfluss des Temperaments auf das Bindungsverhalten
Aus dem Schluß von Kapitel  9,  S. 196-197

"4  Abschließende Bemerkungen und weiterführende Anregungen
Vor 20 Jahren herrschte noch die Auffassung vor, dass die Qualität der Bindung zwischen Eltern und Kind im Wesentlichen (wenn nicht sogar ausschließlich) auf die Qualität des mütterlichen Betreuungsverhaltens zurückzuführen ist. Heute setzt sich dagegen in der Bindungsforschung allmählich die Auffassung durch, dass das Betreuungsverhalten der Eltern auf komplexe Weise mit früh festzustellenden Eigenschaften des Kindes interagiert. Unter diesen Eigenschaften spielt das Temperament des Säuglings und Kleinkindes eine wichtige Rolle. Wie wir sahen, sind es erst die Interaktionen zwischen frühkindlichem Temperament und dem elterlichen Betreuungsverhalten, welche ein einigermaßen vollständiges Bild der Ursachen für Unterschiede in der Sicherheit des Bindungsverhaltens abgeben. Damit wird das Temperament zu einem integralen Bestandteil moderner Ansätze in der Bindungsforschung.
    Die hier vorgelegte Übersicht und Analyse der Beziehungen zwischen Temperament und Bindung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Mehrere Aspekte konnten nicht berücksichtigt werden, worauf hier explizit hingewiesen werden soll. So existiert eine recht reichhaltige, wenn auch nicht sehr kohärente Befundlage hinsichtlich der Frage, ob das Temperament Bindungstypen der Unsicherheit (A, C) vorhersagen kann. Ich habe diese Frage hier nicht aufgrund z. T. widersprüchlicher Resultate ausgeklammert, sondern weil neuere taxometrische Analysen das herkömmliche typologische Klassifikationsschema (A, B, C) in Frage stellen und nahe legen, dass Bindungssicherheit am besten als Kontinuum zu konzipieren sei (Fraley/Spieker 2003). Ferner habe ich mich in dieser Übersicht auf Arbeiten konzentriert, in welchen das Temperament im ersten Lebensjahr erfasst wurde. Dies geschah aus der Überlegung heraus, dass bei im zweiten oder dritten Lebensjahr erfassten Temperamentsmerkmalen es nicht mehr sicher ist, dass diese von den Bindungserfahrungen des Kindes unabhängig sind. Unberücksichtigt blieben schließlich auch Arbeiten, die nahe legen, dass manchmal die Bindungssicherheit Einflüsse des Temperaments auf psychische Auffälligkeiten verstärken bzw. abschwächen kann. Dies trat deswegen in den Hintergrund, da es hier in erster Linie um Einflüsse des Temperaments auf das Bindungsverhalten ging und nicht umgekehrt.
    Ein abschließender Vorbehalt muss in Form einer Kritik an den bisherigen Studien und entsprechender Desiderata an künftige Forschungen formuliert [<196] werden. Auch wenn in den letzten Jahren Fortschritte erzielt wurden, die es erlauben, einige Muster zu erkennen und mögliche Prozesse zu schildern, sind weitere Forschungen in diesem Gebiet dringend nötig, um die folgenden drei immer noch unzureichend verstandenen Fragen zu klären:

(1)  Inwieweit sind Messungen von Temperament und Bindung wirklich unabhängig?
(2)  Was ist die Richtung der Effekte zwischen elterlichem Betreuungsverhalten und Kind-Temperament?
(3)  Inwieweit hängen Korrelationen zwischen Bindung, Kind-Temperament und elterlichem Betreuungsverhalten durch
       genetische Faktoren zusammen?

Bisherige Untersuchungen lassen aufgrund methodischer Unzulänglichkeiten meist keine schlüssigen Antworten auf diese Fragen zu. Es gibt aber durchaus Mittel zu ihrer Überprüfung. Die Untersuchung von Seifer und Mitarbeitern zeigt, dass man in Bezug auf Frage 1 recht weit gehen kann; es ist bedauerlich, dass nur wenige Autoren ihrem Beispiel gefolgt sind. Besonders zu wünschen übrig lässt die Lage in Bezug auf Fragen 2 und 3. In keiner Untersuchung fand ich eine umfassende Anwendung so genannter Kreuzpfadanalysen, die wichtige Hinweise auf die Frage der Richtung der Einflüsse von zwei oder mehreren Variablen im Längsschnittdesign geben können (Asendorpf 2004, 92ff). Vergleichbare Aufschlüsse geben hier auch Interventionsstudien. Leider bleibt die Interventionsstudie von van den Boom ( 1994) eine Ausnahme.
    Eine Möglichkeit, die dritte Frage zu klären, liegt in der Durchführung von Studien mit Adoptivkindern, da Zusammenhänge zwischen Eltern­ und Kindverhalten in solchen Studien nicht genetisch vermittelt sein können. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung zeigt auf exemplarische Weise, wie Temperaments- und Bindungseinflüsse auf die soziale Entwicklung im Rahmen einer Adoptionsstudie untersucht werden können. Sie zeigt meines Wissens zum ersten Mal, dass Effekte des Temperaments und der Bindung auch dann nachzuweisen sind, wenn genetische Einflüsse über das Adoptionsdesign kontrolliert werden (Stams et al. 2002). Idealerweise wären diese Anregungen zu verknüpfen. Das heißt, eine Untersuchung beginnt dann wirklich aufschlussreich zu werden, wenn Kreuzpfadanalysen oder Interventionsstudien mit Adoptivkindern durchgeführt werden. Wobei das Temperament und die Bindungssicherheit auf möglichst voneinander unabhängige und differenzierte Art zu erfassen wären. Auch wenn ein solcher Forschungsplan aufwändig und in dieser Form vielleicht auch gar nicht zu realisieren ist, kann er als Richtlinie die Forschung immerhin vorteilhaft anregen. Nach einer französischen Redewendung: »Il faut viser haut pour mieux réussir le coup.«"

[A]
10 Neugier, Exploration und Bindungsentwicklung
Aus dem Schluß von Kapitel 10, S. 209-210

"5  Zusammenfassung
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die langfristigen Konsequenzen von Interaktions- und Bindungsqualität für die weitere Entwicklung von Neugier und Explorationsverhalten noch nicht ausreichend untersucht wurden. Es gibt zwar in einigen Untersuchungen Zusammenhänge, wobei jedoch keine direkte Kausalität der frühen Bindung auf die spätere Qualität der Exploration nachgewiesen wurde. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder wenden sich eher sozialen und unsicher-vermeidend gebundene Kinder eher objektbezogenen Stimuli zu. Bisher ist jedoch noch nicht geklärt, ob dies Strategien sind, um mit bindungsthematischen Erfahrungen umzugehen. Genauso wäre es nämlich möglich, dass die eine Gruppe der Kinder von Geburt an höhere Anreize in sozialen und die andere Gruppe höhere Anreize in objektbezogenen Situationen sieht. Möglicherweise werden die Bindungsqualität als auch die Explorationsqualität gemeinsam durch weitere Variablen beeinflusst (Schölmerich 1998). Wentworth und Vitriol beurteilen den Zusammenhang allerdings etwas enger:

»Die Literatur über Bindungssicherheit [...] legt nahe, dass Individuen mit einer sicheren Bindung eher neue Situationen explorieren als solche, deren Bindung weniger sicher ist. Daher sind Faktoren, die Bindungssicherheit fördern, auch geeignet, angemessenes Explorationsverhalten und Interesse an Neuem zu unterstützen. Zur Förderung optimalen Explora-[<209]tionsverhaltens muss die Interaktion auf die Besonderheiten des Temperaments des Individuums Rücksicht nehmen.« (Wentworth/Witryol 2003, 290; Übersetzung durch die Autoren)
Auch dieses Zitat betont die Bedeutung der Untersuchung gemeinsamer Ursachen für Entwicklungsprozesse im Bereich der sozialen Entwicklung (Bindung) und objektbezogenen Entwicklung (Exploration). Nach unserer Einschätzung ist es nicht aussichtsreich, die Varianz in der Entwicklung von Neugier, Explorationsverhalten oder auch der Bindungsgenese alleine auf soziale Interaktionsphänomene oder ausschließlich auf  Temperamentsunterschiede zurückzuführen. Eine entwicklungspsychologische Betrachtung wird immer unterschiedliche Anteile beider Quellen in verschiedenen Entwicklungsbereichen und Altersstufen vorfinden. Die weitere Untersuchung von neugiermotiviertem Verhalten sollte insbesondere die Unterscheidung der Exploration sozialer Situationen u. a. Gegenstände beachten, um deutlichere Zusammenhänge mit anderen Entwicklungsprozessen herauszuarbeiten."

[A]
11 Betreuungsvielfalt und Strategien der Beziehungsregulation bei nicht-menschlichen Primaten
Aus dem Schluß von Kapitel 11, S. 238-239

"3  Resümee und Ausblick
Die Sozialentwicklung der Primatenjungen verläuft eingebettet in ein System differenzierter Betreuungsformen, in der die Mutter-Kind-Dyade generell eine zentrale Stellung einnimmt. Bei vielen Primatenarten wird die Mutter allerdings von weiblichen und/oder männlichen Mitbetreuern unterstützt. Bei einigen Neuweltaffen werden die Jungen sogar ausschließlich vom Vater betreut, der sie der Mutter nur zum Stillen überlässt. Während der Mutter-Kind-Beziehung geprägte Bindungen zugrunde liegen, gehen die Mitbetreuungsformen offenbar auf die große Attraktivität zurück, die das Primatenjunge für die meisten Gruppenmitglieder hat. Solche Attraktivität kann unter bestimmten Ausnahmebedingungen zu Problemen bei der Rückgabe eines Jungtiers an seine Mutter führen. Abgesehen davon sind dauerhafte Störungen in der Primatenentwicklung nicht bekannt, die mit dem jeweiligen Betreuungssystem zusammenhängen.
    Die Varianten der Jungtierbetreuung werden soziobiologisch mit der Evolution von Verhaltensstrategien erklärt, die langfristig möglichst viele erfolgreiche Nachkommen garantieren (Fitness-Maximierung). Bei den Männchen sind solche Strategien in erster Linie auf eine erfolgreiche Konkurrenz um weibliche Partner und erst in zweiter Linie auf die Jungenfürsorge gerichtet. Weibliche Tiere setzen dagegen eher Strategien ein, die sie bei der Jungtierbetreuung entlasten oder die gewährleisten, dass ihre Nachkommen genetisch möglichst gut ausgestattet sind. Ihr eigenes Investment in jeden einzelnen Nachkommen kann dabei bestimmte Kosten-Nutzen­Relationen widerspiegeln.
    Bedingt durch Unterschiede zwischen den typisch weiblichen und typisch männlichen Strategien, kann es zu Interessenkonflikten kommen. Interessenkonflikte treten darüber hinaus auch zwischen Eltern und Nachwuchs auf (Parent-Offspring-Conflict). Sie werden besonders deutlich im Zuge der Entwöhnung der Jungtiere. Hier steht das Interesse der Eltern an weiterem Nachwuchs dem Interesse des Jungtieres an einer Fortsetzung [<238] der Betreuung entgegen. Solches Interesse ist vor allem für körperlich kleine Arten belegt, deren Jungtiere oft eine Beute von Raubfeinden werden. Diese Arten investieren deshalb in die Anzahl ihrer Nachkommen, indem sie die Abstände zwischen den Geburten und zugleich die Betreuungszeiten für ein einzelnes Junges stärker verkürzen als Arten mit geringer Gefährdung. Bei den großen Menschenaffen werden die Jungtiere dagegen oft über mehrere Jahre betreut. Dadurch können diese viele und gerade für sie wichtige soziale Erfahrungen im Umgang mit Artgenossen sammeln.
    Die frühe Sozialentwicklung der Menschenaffen (insbesondere der Schimpansen) weist zahlreiche bemerkenswerte Eigenarten auf, und zwar nicht nur wegen ihres komplexen Sozialverhaltens. Sondern vor allem, weil bei ihnen die Individualität - man könnte fast sagen: die Persönlichkeit - jedes einzelnen Tieres so maßgeblich ins Gewicht fällt. Es ist zu erwarten, dass dieser Aspekt bei der künftigen Forschung zur Verhaltensbiologie der Primaten verstärkt in den Vordergrund rücken wird. Nachdem die Untersuchung der Strukturen und Strategien ihrer Sozialsysteme heute beachtliche Fortschritte erzielt hat, wird eine Aufklärung der Variable »Individualität« zunehmend dringlicher. Dabei geht es nun beispielsweise um ein vertieftes Verstehen von kognitiven Leistungen oder um weitere Einblicke in das Temperament und die Emotionalität der Primaten.
    Um bei diesen Fragen weiterzukommen, sind gründliche Analysen einzelner Individuen unerlässlich. Erstens, weil Systemanalysen betrieben werden müssen, über die klar wird, wie welche Systemeigenschaften des untersuchten Tieres miteinander zusammenhängen. Und zweitens, weil die Tiere wertvoll sind, und invasive Untersuchungen an Primaten heute allenfalls nur in besonderen Ausnahmefällen vertretbar sind. Daraus folgt, dass die Studien so differenziert angelegt sein müssen, dass bereits ihre verhaltensbiologischen Resultate eine Brücke zu den Ergebnissen neurobiologischer und genetischer Forschungen schlagen, die an anderen Säugetieren durchgeführt werden. Denn eines ist klar: Auch in der Primatenforschung wird sich einer der vorrangigsten Forschungsschwerpunkte künftig auf die Neurowissenschaften und die Genetik beziehen."

[A]
12 Vater Kind Bindung und die Rollen von Vätern in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder
Aus dem Schluß von Kapitel 12, S. 254-255

"4  Ausblick
Die Forschung über frühe Vater-Kind-Beziehungen steht vor einer Reihe theoretischer, inhaltlicher und methodischer Herausforderungen. Zur Erhöhung ihrer Aussagekraft ist ein stärker theoriegeleitetes Vorgehen, eine Erweiterung der Forschungsthemen und eine Verbesserung der Datenqualität durch Multi-Informaten- und Multi-Methoden-Studien erforderlich Wünschenswert wäre auch ein verstärkter Einsatz genetisch informativer Designs, die es erlauben, Effekte aufgrund gemeinsamer genetischer Merkmale von Effekten der Vater-Kind-Interaktion zu trennen. Zukunftsweisend sind auch Studien, die den dominierenden variablenorientierten Ansatz durch personenorientierte Herangehensweisen ergänzen. Jain und Mitarbeiter (1996) beschrieben z.B. vier Vatertypen und konnten damit zeigen, wie unterschiedlich deren Persönlichkeit und Lebenssituation war. Werden statt einzelner Variablen Vatertypen betrachtet, könnte dies zu einer höheren ökologischen Validität, größerer Lebensnähe und Praxisrelevanz der Ergebnisse führen. Weiterhin ist es notwendig, die kulturelle Vielfalt in unserer Gesellschaft zu berücksichtigen und verstärkt Väter aus Familien mit Migrationshintergrund einzubeziehen.
    Ermutigend sind auch Ansätze, nicht nur dyadische Prozesse, sondern [<254] Prozesse des gesamten Familiensystems abzubilden. Ob ein solcher Systemansatz allerdings die Bedeutung der dyadischen Ebene in den Hintergrund drängen wird, wie verschiedentlich vermutet wurde (v. Klitzing 2002), ist kaum anzunehmen. In vergleichenden Untersuchungen waren sowohl dyadische und als auch Systemaspekte für kindliche Entwicklungsverläufe gleichermaßen bedeutsam (Johnson et al. 1999; Feinberg/Hetherington 2001).
    Forschungsergebnisse zur frühen Vater-Kind-Beziehung und ihrer Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes haben eine unverkennbare gesellschaftspolitische Bedeutung. Sie werden inzwischen in ihren Kernaussagen von der Politik und den Medien rezipiert. Die Forscher müssen sich allerdings darüber bewusst sein, dass in den Medien und der Politik andere Regeln für die Klarheit von Botschaften gelten als in der Wissenschaft, was Missverständnisse begünstigt. So werden z.B. relative Unterschiede zwischen Vätern und Müttern leicht zu kategorialen Unterschieden gemacht.
       Bedeutsame Unterschiede zwischen Vätern werden mit der Bedeutung von Vätern verwechselt, und Medien neigen auch dazu, den kontextuellen Zusammenhang einzelner Ergebnisse zu ignorieren und sie unangemessen zu generalisieren.
     Ungeachtet dessen scheint die Botschaft von der Bedeutung der frühen Vater-Kind-Beziehung für die Entwicklung aller Familienmitglieder in der Gesellschaft angekommen zu sein. Nun ist es wichtig zu betonen, dass die  Bedeutung des Vaters mehr von der Qualität seines Engagements und seiner Interaktionen mit dem Kind als von der Quantität des Zusammenseins  mit dem Kind abhängt. So ist es nach den Forschungsergebnissen sehr wohl  möglich, dass indirekte negative Effekte (etwa aufgrund einer unsicheren Bindungsrepräsentation oder anhaltender Konflikte der Eltern nach einer Scheidung; Goodman et al. 1998) positive direkte Effekte des Vater-Kind­Kontaktes mindern oder sogar übersteigen können."

[A]
13 Bindungsbeziehungen außerhalb der Familie: Tagesbetreuung und Erzieherinnen Kind Bindung
Aus dem Schluß von Kapitel 13, S. 276-277

"8  Zusammenfassung und Ausblick
Der Aufbau von Bindungsbeziehungen außerhalb des vertrauten familiären Netzes stellt eine besondere Entwicklungsaufgabe für Kleinkinder dar. In der Regel gelingt es ihnen jedoch, signifikante Beziehungen zu ihren Erzieherinnen aufzubauen. Sie lassen sich von ihnen führen und anregen, wenden sich ihnen auch in misslichen und belastenden Situationen zu, um sich trösten zu lassen und Sicherheit zu gewinnen. So gesehen scheinen auch Erzieherinnen protektive Funktion zu erfüllen. In diesem Beitrag wurde jedoch gezeigt, dass die Erzieherinnen-Kind-Beziehung eines Kindes kein Abbild der jeweiligen Mutter-Kind-Beziehung sein kann. Sie konstituiert ein eigenständiges Interaktionssystem, das im Gruppenkontext funktioniert. Die Forschung hat sich bei der Beschreibung von Erzieherinnen-Kind-Beziehungen auf bindungsähnliche Charakteristika und die Bindungssicherheit des Kindes zur Erzieherin konzentriert. Es bleibt nun weiteren Untersuchungen vorbehalten, andere Facetten in den Erzieherinnen-Kind-Beziehungen zu untersuchen. Unklarheiten beziehen sich derzeit vor allem auf die unsicheren Bindungsmuster des Kindes zu einer Erzieherin und ihrer Abgrenzung zu Beziehungen ohne Bindungsfunktion, die wichtige Themenschwerpunkte in der Debatte um Qualität und Funktion der Erziehungsarbeit darstellen.
    Die Bindungssicherheit des Kindes zur Erzieherin aber wird getragen von Ermutigungen, Unterstützungen sowie Hilfeleistungen der Erzieherin in vielfältigen Situationen des KiTa-Alltags, die die kindliche Trennungsbelastung dabei nur randständig tangieren. Vergleiche mit zwei Verfahren zur Bewertung der Bindungssicherheit des Kindes zu Mutter und Erzieherin (Fremde Situation und AQS) legen nahe, dass Trennungsbelastungen tatsächlich weniger typisch für den normalen KiTa-Alltag sind und weniger in das Erzieherverhalten eingehen, vorausgesetzt, dass sich das Kind an die außerfamiliäre Betreuung adaptiert hat. Sichere Erzieherinnen-Kind-Beziehungen entstehen in außerfamiliärer Tagesbetreuung dort, wo die Gruppenatmosphäre durch ein empathisches Erzieherinnenverhalten bestimmt wird. Dieses ist - im Kontrast zu einem kindzentrierten sensitiven Elternverhalten - gruppenbezogen ausgerichtet und bedient die wichtigsten sozialen Bedürfnisse eines Kindes unter der Einbeziehung der Anforderungen der Gruppe zum richtigen Zeitpunkt. Dabei [<276] wirken sich geschlechtstypisierende Einflüsse aus der Kindergruppe asymmetrisch auf die Erzieherinnen-Kind-Beziehung aus, die sichere Erzieherinnen-Mädchen-Bindungen häufiger als Erzieherinnen-Jungen-Beziehungen entstehen lassen. Hierzu ist wesentlich mehr Forschung angezeigt sowie nach präventiven Ansätzen in der Frühpädagogik gefragt, die diesen Asymmetrien entgegenwirken."

[A]
14 Neurobiologie des Bindungsverhaltens: Befunde aus der tierexperimentellen Forschung
Aus dem Schluß von Kapitel 14,  S. 296

"4  Schlussfolgerungen: Präventive und therapeutische Ansätze
Lassen sich solche hirnfunktionellen Defizite und die daraus resultierenden Verhaltensstörungen verhindern bzw. revidieren? Es gibt in der Tat tierexperimentelle Befunde, die z. B. zeigen, dass eine kurzzeitige Trennung von der Mutter positive Effekte auf das sich entwickelnde Individuum haben kann, wenn das Pflegeverhalten der Mutter positiv beeinflusst wurde. Bei Nagern reduziert beispielsweise eine tägliche kurzzeitige Trennung in den ersten Lebenswochen endokrine Funktionen und Verhaltensreaktionen auf Stress im adulten Alter. Die Auswirkungen von lang anhaltendem Mutterentzug - wie reduzierte Wachstumshormonlevel, erhöhte Spiegel katabolischer adrenaler Glucocorticoide, reduzierte BDNF-Expression und eine erhöhte ACTH- und Corticosteron-Antwort auf Stress - können durch Streicheln der separierten Jungtiere mit weichen Haarpinseln verhindert werden, welches eine Imitation der taktilen Stimulation durch die Mutter darstellt (Schanberg/Field 1987; van Oers et al. 1998).
    Unklar ist jedoch noch, ob die Normalisierung der Verhaltensweisen auch mit einer »Korrektur« der  »dejustierten« limbischen Regionen einhergeht. Es gibt inzwischen erste ermutigende Hinweise darauf, dass z. B. die Behandlung mit Antidepressiva zu einer erhöhten Neurogenese und erhöhter Zellproliferation im Hippocampus führt. Dadurch kann sie möglicherweise eine stressinduzierte dendritische Atrophie hippocampaler Neuronen ausgleichen (McEwen 1999).
    Die bisher erarbeiteten Befunde aus dem tierexperimentellen und klinischen Bereich sind vielversprechend und zukunftsweisend. Vor allen Dingen zeigen sie, dass die Zukunft dieses Forschungsgebietes in einer interdisziplinären methodischen und thematischen Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen der Neurobiologie, Psychologie und Psychiatrie liegen sollte. Damit die tierexperimentellen Ergebnisse sinnvoll und umgehend in eine klinische Forschung integriert werden, die bisherige Therapieansätze verbessern hilft."

[A]
15 Die Desorganisation der frühen Bindung und ihre Konsequenzen
Aus dem Schluß von Kapitel 15,  Abschnitt 4 und 5, S. 310-312

"4  Entwicklungskonsequenzen der desorganisierten Bindung
Einige Untersuchungen konnten zeigen, dass desorganisiert gebundene Kinder nach der Fremden Situation höhere Speichel-Cortisol-Konzentrationen haben als Kinder mit einer organisierten Bindungsstrategie. Diese anhaltende Stressreaktion belegt auf physiologischer Ebene die Annahme, dass sich D-Kinder durch die Rückkehr der Mutter nicht beruhigen können (Spangler/Grossmann 1993; Heertsgaard et al. 1995; Zulauf-Logoz 1997).
    Klinische Relevanz hat der inzwischen mehrfach replizierte Befund, dass desorganisiert gebundene Kinder ein höheres Risiko für unangepasstes, aggressives Verhalten im Schulalter haben. Lyons-Ruth und Mitarbeiter (1996) ließen beispielsweise für 62 Kinder durch ihre Lehrperson eine Symptomcheckliste ausfüllen: 12 von 17 als aggressiv eingestufte Kinder hatten bei einer früheren Untersuchung ein desorganisiertes Bindungsmuster gezeigt. Einen Zusammenhang zwischen desorganisiertem Bindungsverhalten in der Fremden Situation und dissoziativen Symptomen im Jugendalter konnte die Längsschnittuntersuchung von Carlson (1998) zeigen. Tagträumen, Ins-Leere-Starren, bizarres Verhalten, Unfallneigung und Selbstverletzungen kamen häufiger bei den früher als desorganisiert gebunden klassifizierten Jugendlichen vor.
    Die Anwendung des »Adult Attachment Interviews« an psychiatrischen Patienten zeigte, dass generell unsichere Bindungsmuster vorherrschen und dass bezogen auf spezifische Patientengruppen die Borderline-Persönlichkeitsstörung, Ess-Störungen und Suizidalität mit einem erhöhten Anteil desorganisierter Bindungsmuster einhergingen (Steele/Steele 2001). Gestörtes Essverhalten und suizidale Tendenzen sind aber auch häufig bei Borderline-Patienten zu finden, ebenso wie dissoziative Symptome. Ein hohes Maß an emotionaler Erregbarkeit und Impulsivität sowie instabile und gleichzeitig intensive Beziehungen sind Merkmale dieser Persönlichkeitsstörung. Man könnte vermuten, dass eine grundlegende Störung in der Fähigkeit zur Emotionsregulation - so wie sie bei einer desorganisierten Bindung besteht - eine spezifische Vulnerabilität für die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung darstellt.

5  Bedeutung der Erforschung desorganisierter Bindung - Welches gesicherte Wissen steht uns über das
    Phänomen der Bindungsdesorganisation heute zur Verfügung?
Desorganisiertes Bindungsverhalten, das mit Stress- und Angstreaktionen im frühen Kindesalter verbunden ist, geht zu einem späteren Zeitpunkt zu kontrollierendem Verhalten gegenüber der Bindungsfigur, aggressivem Verhalten gegenüber Gleichaltrigen und/oder dissoziativen Symptomen im Jugendalter über. Die desorganisierte Bindung ist diejenige Form suboptimaler Bindungsqualität, die einen entwicklungspsychopathologischen Risikofaktor darstellt. Der Prozess, welcher zum Auftreten dieses Risikofaktors führt, bedarf noch weiterer Forschungsarbeit.
    Längsschnittuntersuchungen kommt eine sehr wichtige Rolle bei der Aufklärung des Prozesses der Tradierung von Bindungsmustern zu. Van IJzendoorn (1995) spricht von einer Übertragungslücke (»transmission gap«), die sich derzeit vor allem darauf bezieht, dass Zusammenhänge zwi-[<311]schen mütterlicher und kindlicher Bindungsrepräsentation zu verschiedenen Alterszeitpunkten einerseits belegt werden konnten, andererseits jedoch keine Kontinuität zwischen der Bindungsrepräsentation von Kindern und denselben Personen als Jugendliche oder Erwachsene bzw. als Eltern besteht. Unverarbeitete Traumata spielen eine bedeutsame Rolle bei der Entstehung einer desorganisierten Bindungsrepräsentation. Aus diesem Grund könnten traumatische Erlebnisse während der gesamten Lebensspanne dafür verantwortlich sein, dass in einer Generation eine organisierte, in der nächsten Generation aber eine desorganisierte Bindungsrepräsentation vorgefunden wird. Ebenso könnte die Integration sicherer Bindungserfahrungen durch enge Bezugspersonen außerhalb der Eltern wie Freunde oder Liebespartner zur Verarbeitung eines in der Kindheit von den Eltern übernommenen, desorganisierten Bindungsmodells führen, so dass in der ersten Generation eine desorganisierte, in der nächsten Generation eine organisierte Bindungsrepräsentation zu finden ist.
    Um die spezifischen Auswirkungen desorganisierter Bindung zu erfassen, ist der Einsatz von Symptomchecklisten möglicherweise nicht ausreichend. Ergiebiger könnten hier psychologische Instrumente sein, die auf die Analyse kognitiver und sozialer Prozesse in der Interaktion mit wichtigen Beziehungspersonen ausgerichtet sind. Hier liegen auch die Ansatzpunkte für die Entwicklung geeigneter psychologischer Interventionen."

[A]
Besonderer Hinweis: 16 Kindliche Behinderung und Bindungsentwicklung
Kapitel 16, S. 313

Aus der "Einleitung
Wie gestaltet sich die Bindungsentwicklung bei Kindern mit Behinderungen? Können ihre Eltern das für die Bindungsentwicklung ihrer Kinder notwendige Ausmaß an Feinfühligkeit aufbringen? Verfügen die Kinder über die notwendigen Fähigkeiten, um eine facettenreiche Bindung aufzubauen? Ist ihre Bindung, wenn sie denn entsteht, von ähnlicher Qualität wie bei sicher gebundenen nicht behinderten Kindern; oder entwickelt sich eine Sonderform, vielleicht eine Form, die eine spätere emotionale Autonomie beider Partner vermindert? Wie oft hat man doch gehört, dass Eltern ihre behinderten Kinder zu lange abhängig halten! Oder stellt gerade das Konzept der Bindung einen Königsweg zur Frühförderung dar? Ist vielleicht Hilfe beim Aufbau einer sicheren Bindungsbeziehung die beste Form der Frühförderung?
... ... ..."

Aus Kapitel 16, S. 321
"2.5  Zusammenfassung zur Auswirkung von Behinderungen auf das Bindungsverhalten behinderter Kinder
Insgesamt weisen diese Befunde zur Bindung bei behinderten Kindern darauf hin, dass Beeinträchtigungen der Motorik und des Sehens das bindungsrelevante Verhaltensrepertoire anscheinend deutlicher einschränken als Beeinträchtigungen des Hörens oder der Verarbeitung sozial bedeutsamer Stimuli. Berücksichtigt man aber diese Verhaltenseinschränkungen, dann lassen sich - so zeigen die bisherigen Befunde - selbst bei körperlich schwerbehinderten Kindern dieselben Verteilungen der Bindungsmuster finden wie bei nicht behinderten Kindern. Die Mütter können sich auf die Probleme dieser Kinder offenbar weitgehend einstellen. Sind dagegen bei den Kindern das Erkennen und das Interpretieren sozialer Information sowie ihre soziale Kommunikation beeinträchtigt oder verändert (wie insbesondere bei autistischen Kindern), dann lassen sich die Kinder  trotz relativ intakter primärer körperlicher Funktionen entweder nicht eindeutig den klassischen Bindungsstilen zuordnen, oder es findet sich ein erhöhter Anteil hochunsicherer, desorganisierter Bindungsmuster. Aber, und das ist wichtig, auch diese Kinder entwickeln eine sozial emotionale Bindung. Diese scheint allerdings in ihrer Qualität verändert zu sein."
... ... ...
Zum Abschluß, S. 330/331, faßt die Autorin zusammen:

"4  Behinderung, Bindung und Frühförderung
Studien aus den 70er Jahren berichteten zumeist über unzulängliches Verhalten von Eltern behinderter Kinder. Man hoffte, durch Optimierung des elterlichen Lehrverhaltens das Entwicklungstempo der Kinder an dasjenige nicht behinderter Kinder annähern zu können. In jüngeren Publikationen wird dagegen das elterliche Verhalten immer häufiger als eine sinnvolle, intuitive Anpassung an die individuellen Besonderheiten des jeweiligen behinderten Kindes dargestellt. Dabei berücksichtigen die Eltern und die sie beobachtenden Forscher sowohl den jeweiligen kognitiven und motorischen Entwicklungsstand des Kindes als auch die Einschränkungen in seinem Verhaltensrepertoire und in seiner Informationsverarbeitung. Verhaltensbesonderheiten und Verhaltensauffälligkeiten behinderter Kinder werden nicht mehr allein auf elterliche Einwirkungen zurückgeführt; sondern syndromspezifische Schwierigkeiten der Kinder werden nun eher als besondere Herausforderung für die Eltern angesehen, die die Eltern zu meis-[>331]tern haben und oft auch erstaunlich gut meistern (Shonkoff et al. 1992; Hauser-Cram et al. 2001). In einer auf dieser Konzeption aufbauenden Frühförderung werden die Eltern daher als im Prinzip kompetente Partner ihrer Kinder angesehen - deren erschwerte Aufgabe man dadurch erleichtern kann, dass man ihnen die ansonsten schwer verständlichen Reaktionen ihrer Kinder erklärt.
    Dieser Wandel der Sichtweisen kann viele Ursachen haben. Vielleicht haben sich mit der verbesserten Akzeptanz von behinderten Kindern und ihren Familien in der Gesellschaft die Eltern in ihrem Verhalten zu ihren Kindern tatsächlich verändert. Zur Uberprüfung müsste man Film- und Videoaufnahmen aus älteren Untersuchungen mit solchen aus neueren Untersuchungen vergleichen. Vielleicht hat aber auch die wissenschaftliche und die klinische Diskussion um Bindungsqualität und intuitives Elternverhalten zu dem Klimawechsel und zur größeren Achtung vor den elterlichen Leistungen beigetragen. Längsschnittstudien erlauben zwar nur eingeschränkt Feststellungen über mögliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen mütterlicher Sensitivität und Bindungsqualität des Kindes - oder umgekehrt. Interventionsstudien mit anderen Risikokindern, z. B. hochirritablen Säuglingen und ihren Müttern (van den Boom 1995; M. Papousek 1999), Kindern extrem junger Mütter aus schwierigem sozialem Milieu (Ziegenhain et al. 1999) lassen aber hoffen, dass Sensitivität gelernt oder »geweckt« werden kann, und zwar u. a. durch gemeinsames einfühlsames Beobachten und Interpretieren des kindlichen Verhaltens. Eine auf diese Weise geförderte Sensitivität der Mütter trug zur Verminderung der Verhaltensprobleme der Kinder bei.
    Die Beachtung der Bindungsqualität behinderter Kinder erlaubt es weiterhin, die Frühförderungsziele nicht allzu einseitig auf die Verbesserung motorischer und kognitiver Kompetenzen der Kinder zu setzen. Auch die emotionale Situation der Kinder sowie das sich etablierende Bild von sich selbst und von der sozialen Umwelt können und sollten als wesentliche Merkmale der Lebensqualität einbezogen werden. Insofern könnte die Bindungsqualität des Kindes einen Hinweis auch auf die Qualität geben, in der das Kind und seine Eltern in seine unmittelbare soziale Umwelt eingebunden sind was dann seinerseits eine tragfähige Grundlage für eine langfristig positive Förderung darstellt."

[A]
17 Bindungsbeziehungen in der Frühintervention
Aus dem Schluß von Kapitel 17,  S. 350-351

"6 Zusammenfassung
Im vorliegenden Kapitel wurde die Frühintervention von Kindern in den Anwendungsbezug der klassischen Bindungstheorie gestellt und diskutiert, wie verschiedene Grundkonzepte dieser Theorie - etwa Konzepte von sicherer Basis und Feinfühligkeit sowie Konzepte über Funktion und Ausgestaltung von sicheren Bindungsbeziehungen - im Prozess der Intervention sowohl als methodische Zugänge wie auch als erklärte therapeutische Zielstellungen für Kind und Eltern Verwendung finden können. Es wurde argumentiert, dass der Charakter der Bindungstheorie (als eine offene Theorie) der strukturellen Ausarbeitung einer »Bindungstherapie« entgegensteht und demgegenüber Möglichkeiten der Integration und Fusion von bindungstheoretischen Grundsätzen in und mit anderen Inter­[<350]ventionsansätzen als weitaus sinnvoller erachtet werden. Es wird argumentiert, dass sich die aktuelle Frühintervention bereits ohnehin in indirekter Weise dieser bindungstheoretischen Grundsätze erfolgreich bedient. Das Kapitel weist dennoch die effiziente Wirksamkeit eines konsequenten Einsatzes bindungstheoretischer Konzepte anhand eines Interventionsmodel von STEEP bei Suchtfamilien und ihren Kindern überzeugend nach."



SR - Sachregister [A]
Ein ausführliches Sachregister (7 Seiten) erleichtert die praktische Arbeit mit dem Buch und soll daher erwähnt werden.


Bewertung [A]
Ein sehr informatives Buch zum Thema "Frühe Bindung", wie der Titel kurz und bündig kennzeichnet. Es enthält auch viele Extras, Tabellen, Bilder und Übersichten, z.B. "Übersicht über die wichtigen Temperamentsmerkmale im Kindesalter" und "Temperamentsinventare für das Säuglings- und Kleinkindalter" (9.1, 9.2) oder die Forschung zu den individuellen Unterschieden (Kap. 4). Auch Feinfühligkeit (z.B. die Ainsworth-Kriterien S. 32), Neugier und Exploration (Kap. 10) werden behandelt u.v.a.m. Besonders hervorheben möchte ich, daß die Bindung der behinderten Kinder ein eigenes Kapitel erhalten hat. Inhaltsverzeichnis, Gliederung und die Zusammenfassungen sprechen für sich. Es wird fast alles geboten, was in der Bindungsforschung thematisiert wird, es fehlt nur ein Kapitel über das Phänomen der pathologischen Bindungen und Bindungsparadoxa. Anregung: Interessant wäre eine historische Studie, wie die Bindung zu früheren Zeiten rekonstruiert werden kann. 



Anmerkungen und Endnoten
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Grossmann/Grossmann 2003 (Bindung und menschliche Entwicklung) und 2004 (Bindungen - Das Gefüge psychischer Sicherheit)  Diese  Bücher werden hier demnächst ebenfalls präsentiert. Siehe auch.
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Il faut viser haut pour mieux réussir le coup.  Man muß die Meßlatte hoch planen, um ein besseres Ergebnis zu erzielen (frei übersetzt von IRS )
Bewertung. Bewertungen sind immer subjektiv, daher bin ich in meinen Buchpräsentationen (Überblick) bemüht, möglichst viel durch die AutorInnen selbst sagen zu lassen. Die Kombination Inhaltsverzeichnis und Zusammenfassungen sollte jede kundige aber auch jede interessierte LeserIn in die Lage versetzen selbst festzustellen, ob sie dieses oder jenes genauer wissen will.  Ich stehe in keiner Geschäftsbeziehung mit dem Ernst Reinhardt-Verlag. Ich verlange und erhalte für Buchpräsentationen auch kein Honorar, wohl aber öfter  - wie auch hier - ein kostenfreies Rezensionsexemplar. Für die IP-GIPT entsteht durch diese Buchpräsentationen ein inhaltlicher Zugewinn und für die PräsentatorIn ist es auch ein Fortbildungsgewinn.
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Änderungen Kleinere Änderungen werden nicht extra ausgewiesen; wird gelegentlich überarbeitet und ergänzt.
tt.mm.jj


Querverweise
Standort: Frühe Bindung. Entstehung und Entwicklung.
Buch-Präsentationen, Literaturhinweise und Literaturlisten in der IP-GIPT.
John Bowlby und die Bindungstheorie, Glossar * John Bowlby - Arzt, Psychoanalytiker, Bindungsforscher * Überblick Bindung in der IP-GIPT * Über Bindung, Beziehung und das Messen in der Psychologie.
Kindeswohl-Kriterien und hierin Auswirkungen und Ausgleich von Trennungen: Die YARROW-Richtlinien.
Überblick Entwicklungspsychologie.