Menschenbild, Anthropologie, Wertproblem und Metaphysik
in der Allgemeinen und Integrativen Psychologie und
Psychotherapie
nach
Sponsel, Rudolf (1995), S.108-122 Bemerkung:
Literaturverweise noch unvollständig
Fragen
und Probleme des Menschenbildes
Mit Rogers und der humanistischen Psychologie ist in der Psychotherapie
ein Wettbewerb aufgekommen nach dem Motto: Wer hat das bessere, fortschrittlichere,
humanere, positivere Menschenbild? Da jeder Mensch, ob er nun davon weiß
oder nicht, mit bestimmten Annahmen lebt und ein persönliches Weltbild
und Wertvorstellungen "besitzt", wird seine Einstellung und als PsychotherapeutIn
die Arbeit mit Menschen davon beeinflußt. Aber »wie«
und »was« und »mit welcher Bedeutung für die Psychotherapie«
müssen wir fragen? Als PsychotherapeutIn, so die Botschaft, sollte
man um diese Einflüsse wissen und sie sich bewußt machen. Das
ist der Sinn der Forderung, daß jede PsychotherapeutIn eine vertiefte
Selbstreflexion und Selbsterfahrung vorweisen sollte. Aber »wie«
und »wie weit« geht das (Fn1)? Petzold,
von Haus aus Theologe und gelernter Philosoph, versucht eine zusätzliche
verschärfte Variante einzuführen, indem er fordert, jede Psychotherapieform
müsse auch ihre philosophischen und anthropologischen Voraussetzungen
offenlegen, ja Petzold (1993) geht sogar so weit, eine Kosmologie
(!) zu thematisieren.
Was ist nun von dieser Diskussion und Entwicklung zu halten?
Ich sehe verschiedene Hintergründe, die diese Diskussion verständlich
machen und rechtfertigen, daher zunächst einige historische und psychotherapiekritische
"Hinführungen".
Das Bild vom Menschen bei Freud und in der klassischen Psychoanalyse als einem von unbewußten Lust- und Todestrieben gebeutelten Wesen, das fast nichts von sich weiß und mit Hilfe einer Psychoanalyse möglichst viel ES in möglichst viel ICH umwandeln, d. h. Einsicht gewinnen soll. Modelltheoretisch scheint hier eine Art mechanistische Triebphysik (Modell Jahrhundertwende 1900) PatIn gestanden zu haben. Freud (1927) selbst scheint die Analyse auch nicht als Psychotherapie mißverstanden zu haben, wenn er etwa selber sagt: "In Wirklichkeit ist die Psychoanalyse eine Forschungsmethode, ein parteiloses Instrument, wie etwa die Infinitesimalrechnung." (Fn2) Liest man dann noch z. B. bei Ferenczi (Tagebucheintragung 27.7.1932): "Man empfängt den Patienten freundlich, sucht die Übertragung in Sicherheit zu bringen, und während der Patient sich abquält, raucht man ruhig in seinem Fauteuil seine Zigarre, macht in gelangweiltem Tone konventionelle und phrasenhaft wirkende Bemerkungen, gelegentlich schläft man ein. Im besseren Fall macht man kolossale Anstrengungen, um die gähnende Langeweile zu überwinden, ja, man strengt sich an, freundlich und mitleidvoll zu sein."(Fn3), so stellt sich natürlich die Frage: Kann man mit solch einer Einstellung, mit solch einem Menschenbild anderen wirklich helfen? Was Wunder, daß Ferenczi in einer Art Reaktionsbildung (Fn4), ins Gegenteil umschlug und den PatientInnen sogar das direkt geben wollte in der "Analyse", was sie in der Kindheit entbehrten (Fn5): Zuwendung und Zärtlichkeit.
Die schon kritisierten Menschenexperimente - Aufbau einer konditionierten Angstreaktion - an dem 11 Monate jungen kleinen Albert durch J. B. Watson und seine spätere Frau R. Rayner (veröffentlicht 1920) sagen eigentlich alles über Mentalität und Menschenbild dieses Rabenvaters der Verhaltenstherapie. So nimmt es denn nicht Wunder, daß das Image skrupellosen Manipulierens und der Geruch seelenloser technizistischer Machbarkeit immer noch am ehesten mit Verhaltenstherapie in Verbindung gebracht wird - wir denken, seit langem zu Unrecht.
Die naturwissenschaftlich-technische Revolution hat auch weite Teile der Medizin sehr beeinflußt. Im allgemeinen bezeichnet man die naturwissenschaftliche Orientierung als Schul- und Apparatemedizin. Nach dieser Auffassung wird der Mensch nur als Objekt der heilfachkundigen Autorität gesehen und der Verlust der mitmenschlichen Dimension beklagt: PatientInnen werden von "seelenlosen MedizinerInnen" behandelt, statt von menschlichen ÄrztInnen, die die PatientInnen als ganze Menschen ansehen und ihnen auch so begegnen. Dem stellt die Alternativmedizin, die Naturheilkunde, PsychosomatikerInnen, PsychotherapeutInnen und ganz besonders die humanistische Psychotherapiebewegung ein neues Verständnis, eine neue Begegnungsform gegenüber: Achtung, Respekt, Einfühlung, emotionale Wärme, Echtheit, Wertschätzung und Partnerschaftlichkeit aber auch die Forderung nach Selbstverantwortung und aktives Engagement am Genesungsprozeß. Dieses Spannungsfeld zwischen traditioneller Schulmedizin und humanistischer Psychotherapiebewegung, die weit in die Ärzteschaft hineinwirkt, ist typisch und kennzeichnend für die Menschenbilddebatte in der letzten Zeit. Der generellen Entwertung naturwissenschaftlicher Orientierung können wir nicht folgen. Es gibt nicht wenige Menschen, denen ausschließlich durch die Errungenschaften der modernen - naturwissenschaftlich-orientierten - Schulmedizin geholfen wurde und geholfen werden kann. Dies zu übersehen hieße auch wiederum nur, das Kind mit dem Badewasser auszuschütten - diesmal halt von der anderen Seite her.
Betrachten wir uns die Fehlleistungen der Humanistischen Psychotherapie (Fn6), so erscheint die von ihr inszenierte Menschenbilddebatte wenig überzeugend. Ich denke, wir haben nun genügend DogmatikerInnen, PäpstInnen, gute und noch bessere Menschen kennengelernt. Die Zeit ist überfällig, die Psychotherapie auf den Boden der Tatsachen und der Wissenschaft zurückzuholen.
Erkenntnistheoretisch-Ontologische Grundposition der GIPT: Konstruktiver Realismus
(1) Es gibt eine reale Außenwelt. (2) Diese Außenwelt erschließt der Mensch mit Hilfe seiner Sinne, seiner mentalen Kategorien und kognitiven Schemata. (3) Die mentalen Kategorien werden durch die Wissenschaft, Kultur, Sitte und Brauchtum, gesellschaftliche Organisation und Struktur, durch die Sprache und besonders durch die Kommunikationsgebräuche geprägt. (4) Die objektive Außenwelt ist eine Konstruktion der Wissenschaft; sie wird erschlossen. (5) Die einzige und ewig wahre Wissenschaft gibt es nicht (Fn7) (Bekenntnis zum erkenntnistheoretischen Konstruktivismus, wie er für PsychologInnen und PsychotherapeutInnen naheliegend ist). (6) Die Wissenschaft ist kulturbedingt und unterliegt Zeitgeistströmungen, Moden und Machtkämpfen (Fn8) und in der empirischen Sozialforschung, psychologischen Testtheorie und Statistik gibt es zahlreiche Erscheinungen, die sich in nichts von magischen Ritualen und zahlenmystischem Gebaren unterscheiden (Fn9). Die Gründe sind einfach: (a) Mathematik und Statistik sind für psychologische, psychotherapeutische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen nicht entwickelt worden, sondern für naturwissenschaftlich-technische Fragestellungen (Fn10). (b) Da man mit Zahlen, Mathematik und Statistik fälschlicherweise die Idee der Wissenschaftlichkeit verbindet, greift man ganz pragmatisch auf das zurück, was man hat und vorfindet. Und die moderne EDV setzt nun endgültig jede DünnbrettbohrerIn in die Lage, etwas rechnen und eine Signifikanz - am besten mit der Option "ALL" - ausgeben zu lassen: streng "empirisch-exakt" natürlich. (c) Da doch einige WissenschaftlerInnen und ForscherInnen nicht eben vor Kreativität und Mut platzen, sondern in erster Linie danach trachten, sich einen Ruf zu erwerben, zu behalten und zu verbessern, fügen sie sich ein in die Normen ihrer Wissenschaftsgemeinde. (d) Wenn diese Normen nun schlecht sind, dann kann es Generationen dauern, bis eine Veränderung möglich wird - nicht weil dann etwa Einsicht einkehrt, sondern einige mächtige alte LehrstuhlinhaberInnen emeritieren (Fn11).
Anthropologische
Vorannahmen:
Der Mensch, sein Leben, die existenziellen und
die metaphysischen Grundthemen in der GIPT
(1) Das Menschenleben ist begrenzt durch Anfang (Zeugung, Schwangerschaft und Geburt) und Ende (Tod). (2) Zum Wesen des menschlichen Lebens gehören Bewegung, Fühlen, Wollen, Denken, Bewußtheit (Fn12). (3) Die Sinngebung des Lebens ist grundsätzlich eine schöpferische Kulturleistung, die der Mensch aber gewöhnlich in seiner Sozialisation übernimmt, moderiert durch seine Familie und deren soziale Situation. (4) Zum Leben gehört in der Regel auch Kontakt oder Erfahrung mit Krisen, Krankheit, Leid, Unheil, Ungerechtigkeit, Versagen, Schuld, Niederlagen, Angst, Trauer und Verzweiflung. (5) Und zum Leben gehört in der Regel Kontakt und Erfahrung mit Meisterung von Herausforderungen, Genesung, Wohlbefinden, Glück, Gerechtigkeit, Leistung, Freiheit, Sieg, Freude, Lust, Hoffnung und Zuversicht.
Metaphysische
Bedürfnisse der Menschen
Es gibt Menschen, die intensive metaphysische Bedürfnisse
haben. Sie suchen nach Antworten, woher sie kommen, wohin sie gehen, was
das Leben für einen Sinn haben soll, wofür sich zu leben und
zu sterben lohnt, ob es einen Gott und ein Weiterleben nach dem Tod und
ein Schicksal gibt. Diese Fragen sind vollkommen legitim und berechtigt.
Daher ist es auch legitim, wenn seelisch geistige Störungen mit solchen
Sinnfragen zusammenhängen, diesen Menschen dabei zu helfen,
entsprechende Anworten zu finden. Manche wollen sich aber nicht nur dabei
helfen lassen, Antworten zu finden, sie wollen direkt eine philosophische
Orientierung haben, sie suchen einen geistigen Lehrer, einen Guru in des
Wortes ursprünglicher und positiver Bedeutung. Eine völlig falsch
verstandene wissenschaftliche Psychotherapie ziert und entzieht sich hier
- und überläßt dieses wichtige Feld damit den Sekten und
SektiererInnen, den QuacksalberInnen und ideologischen AusbeuterInnen,
den charismatischen VerführerInnen des grauen Marktes. Die großen
Kirchen erfüllen ihre gesellschaftliche Aufgabe, die metaphysischen
Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sehr schlecht. Der sog. Psychoboom
z. B. der Encounter und Bhagwanbewegung und das moderne Sektenunwesen sind
Ausdruck dieser Situation. Zwar hat Viktor Frankl unermüdlich von
der Sinnkrise des modernen Menschen geredet in 27 Büchern, die in
20 Sprachen übersetzt wurden und in zahllosen Vorträgen. Aber
ein konkretes Therapieprogramm für dieses Problem hat er nie auf die
Beine gestellt (Fn13). Die wissenschaftliche Psychotherapie
muß sich den metaphysischen Therapieproblemen stellen und darf sie
nicht länger den SektiererInnen und AusbeuterInnen überlassen.
Astrologische Psychotherapieberatung (Fn14), Tarot
(Fn15) oder andere metaphysische Medien erscheinen
durchaus legitim, wenn sie verantwortungsbewußt und richtig angewendet
werden. (Querverweis: Kunstfehler)
Die Regeln und Prinzipien metaphysischer Beratung in der GIPT
(1) Metaphysische Beratung soll metaphysische Bedürfnisse befriedigen, also Lebenssinn und Lebensziele anbieten, und nicht Angst, Unsicherheit oder gar Verzweiflung auslösen, am Leben erhalten oder gar fördern. (2) Die metaphysische Deutung oder Beratung soll beruhigen, (3) versöhnen mit dem Schicksal, (4) Hoffnung vermitteln, (5) aber auch auf Handlungsspielräume und Eigenverantwortung hinweisen. Eine besondere Verantwortung ergibt sich im Umgang mit negativen Themen und Ereignissen: (6) Es ist unverantwortlich und unethisch, Krankheiten, Unheil, Tod, Unglück, ganz allgemein Destruktives und Negatives, das die Menschen beunruhigt und ihnen zu schaffen macht, vorherzusagen oder festzulegen. (7) Auf Negatives darf nur als eine Möglichkeit oder mögliche Gefahr, die nicht einzutreten braucht und der man begegnen kann, hingewiesen werden. (8) Metaphysische Beratung darf nur von solchen PsychotherapeutInnnen durchgeführt werden, die das philosophisch und innerlich anerkennen und glaubwürdig vertreten können.
Kindheit. Günstig für das Lebenswohl, d. h. im Einklang mit der Realität und den grundlegenden Rechts- und Sozialnormen für sich selbst und die Seinen verantwortlich sorgen zu können, sind gute Bedingungen in der Kindheit (auf die wir im Kapitel 2.2.4 Entwicklungspsychologie und Lebenszyklus und 4.3 noch eingehen, Sponsel 1995).
Negative Kindheits-, Familien- und Hintergrundbedingungen müssen aber nicht zwangsläufig zu seelischen Problemen und Störungen im späteren Leben führen (Ablehnung eines negativen Kindheitsdeterminismus und Labeling in der GIPT). Dogmen, z. B., daß jede Neurose in der Kindheit wurzelt, haben in einer wissenschaftlichen Psychotherapie natürlich nichts zu suchen. Die GIPTin und die GIPT- Forschung macht es sich schwer, weil die Sachfragen eben ihrer Natur nach schwierig und kompliziert sind und jede einfache Lösung wahrscheinlich falsch ist. In der GIPT muß viel Dissonanz ertragen werden.
Wichtige mögliche
Lebenswerte
Will man wissen, was die Menschen bewegt, muß man ihre
Mythen und Dichtungen, ihre Lieder, ihre Sehnsüchte und Wünsche
betrachten. Eine einfache und gute Quelle ist die Trivialliteratur (was
wöchentlich milliardenfach nachgefragt wird, muß reale Bedeutung
haben). Hieraus können wir folgende Motive, Werte und bedeutungsvolle
Ereignisse und Erfahrungen ableiten: Abenteuer, Abstammung, Abwechslung,
Anerkennung, Besitz, Bildung, Durchsetzung, Eifersucht, Einfluß,
Erlebnishunger, Erfahrungen, Fähigkeiten, Familie, Freude, Frieden,
Geburt, Geld, Geltung, Heldentum, Herkunft, Kampf, Kompetenz, Krankheit,
Krieg, Liebe, Macht, Mißgunst, Mut, Neid, Niederlage, Rache, Sieg,
Tod, Treue, Verrat. Das sind einige wichtige Themen der Mythen, Lieder,
Dichtung und der Trivialliteratur. Und genau das sind auch die Themen des
Alltags, wenn sie auch meist nicht so erhaben klingen wie oben.
Sterben & Tod. Der Mensch hat ein Recht auf sanftes und selbstbestimmtes Sterben und einen ebensolchen Tod. Der Wunsch, ein nicht mehr als lebenswert empfundenes Leben zu beenden bzw. nicht weiter künstlich zu verlängern, sofern er frei verfügt ist, sollte respektiert werden. (Querverweis:Die Kunst des Alterns und des Sterbens)
Selbsttötung, Freitod (Sokratischer Tod) und Selbstmord (Impulsiver Verzweiflungs- oder krankhafter Tod). Wir unterscheiden Freitod (Sokratischer Tod) und Selbstmord. Mit Selbstmord bezeichnen wir die Selbsttötung als Ergebnis einer impulsiven Verzweiflungshandlung oder aus einer Krankheit (Depression, Neurose, Psychose) heraus. Davon grenzen wir die Selbsttötung als philosophische Bilanzierungshandlung durch den Terminus Freitod (Sokratischer Tod) ab. Der Freitod (Sokratische Tod) ist die bewußte und sorgfältig entwickelte und auseinandergesetzte Entscheidung für den Tod, etwa aus Erwägungen heraus, daß dem Leben keine angemessene Lebensqualität mehr abgewonnen werden kann (z. B. alt, krank, gebrechlich, einsam). Die nachvollziehbare Entscheidung eines Menschen zum Freitod (Sokratischen Tod) ist zu respektieren. Es sind die gesellschaftlichen, politischen und heilkundlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß ein Sokratischer Tod in einem menschlichen Rahmen in Freiheit und Würde erfolgen kann (z. B. im Kreise gewünschter Nächster) (Fn16). Die Psychopathologisierung und Psychiatrisierung des Freitodes (Sokratischen Todes) ist nach unserer Auffassung weder wissenschaftlich noch moralisch zu rechtfertigen. Die GIPT stellt sich daher diesem Problem, verleugnet oder mißachtet es nicht und nimmt einen klaren Standpunkt ein.
Das Wertproblem
in der Wissenschaft
Querverweis: Psychologie
der Werte in: Das Heilmittel J Werten
und J Werten_primär
In Wissenschaft und Forschung spielt das Wertproblem insofern
hinein, als (1) die Auswahl des Forschungsgegenstandes eine Wertentscheidung
bedeutet und (2) die Grundmodelle, Definitionen und Kennzeichnungen von
den Zielen und Zwecken, die ForscherInnen und WissenschaftlerInnen verfolgen
- und damit von Werten - , beeinflußt werden. (3) Der "autistisch-undisziplinierte"
(Bleuler 1919) Zustand der Heilkunde, der Psychologie, Psychotherapie und
Sozialwissenschaft hat auch etwas damit zu tun, daß die Relevanz
für eine Sprach- und Methodennormierung nicht gesehen wird (Ausnahme:
Konstruktive
Wissenschaftstheorie Bewegung Lorenzens, sog. "Erlanger Schule"). So
herrscht eine heillose, babylonische Sprachverwirrung und ein großer
Teil der Forschungsenergie geht durch immerwährende prägalileisch-scholastische
Kommunikationsbewältigungen verloren. So gesehen ist die Wissenschaft
nicht eben effektiv organisiert und man fragt sich, wie lange sich SteuerzahlerInnen
das noch gefallen lassen. (4) Die grundlegenden Wahrheitswerte empirischer
Erkenntnis heißen wie in der Logik "wahr" und "falsch" (Fn17).
Zentral ist das Wertproblem daher bei der Bewertung (Evaluation) wissenschaftlicher
Ergebnisse. Wie schwierig und aufregend das sein kann, zeigt die Diskussion
um die Ergebnisse der Meta-Analyse von Grawe et al. (1994) (Fn18).
Aufgrund der chaotischen Verhältnisse in den Sozialwissenschaften
und in der Medizin gibt es eine unübersehbare Flut (Fn19)
widersprüchlicher wissenschaftlicher Ergebnisse, die sich in nicht
mehr übersehbaren Veröffentlichungen alljährlich niederschlagen.
In der Psychologie wird derzeit eine Enzyklopädie herausgegeben, die
mindestens 88 Bände haben wird, aber es ist konzeptionell weder ein
Band dabei, der die Basisterminologie intersubjektiv operational normiert
noch einer, der die Gesetze und gesetzesartigen Aussagen, die bislang gefunden
wurden knapp und präzise übersichtlich darstellt.
Das Menschenbild in der
GIPT
Moralisches Basispostulat Menschenbild: Alle Menschen sind gut
und schlecht, und das sehr differenziert, die einen ein bißchen mehr,
die anderen ein bißchen weniger, was auch eine Frage der Perspektive
und der Maßstäbe ist. Jeder ist im Grundsatz zum Guten wie zum
Schlechten befähigt und das ist oft kein konstantes Charaktermerkmal,
sondern abhängig von der jeweiligen Situation und wie wir sie einschätzen,
von unseren jeweiligen Zielen und Zwecken, unseren Fähigkeiten und
Möglichkeiten (Fn20).
Der Anspruch der GIPT als einer offenen, freien, pluralistischen und der Gesamtgesellschaft verpflichteten wissenschaftlichen psychologischen Psychotherapie verlangt Zurückhaltung im Menschenbild. Hier ist kein Platz für allzu persönliche Ideologien und Philosophien. Die durchschnittliche GIPTin begegnet PatientInnen ideologisch und weltanschaulich neutral. Generell halten wir persönlich die von der Psychodynamischen Psychotherapie entwickelte Abstinenzregel auf der Basis wohlwollender Neutralität für etwas zu wenig, und die warmherzige, bedingungslose Wertschätzung - noch dazu als menschliche Grundhaltung - von Rogers für etwas zu viel. Da in der IAEP und SEPI (Fn21) die verschiedensten PsychotherapeutInnen, auch mit den unterschiedlichsten schulischen Hintergründen (Fn22) oder Schwerpunkten willkommen und aktiv sind, wenn sie nur mehr als eine schulische Orientierung haben, kann es in der GIPT k e i n differenziert verbindliches Menschenbild geben, sondern es gilt das Toleranzprinzip.
Grundsätzlich gelten (1) die am 10.12.1948 verabschiedeten 30 Artikel der Allgemeinen Menschenrechte, (2) die menschenbildrelevanten Artikel der jeweiligen Landesverfassung und (3) die berufsethischen Grundsätze der psychologisch-psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbände als Rahmen und Grundlage für die tolerierbaren Menschenbilder.
Damit ist klar, daß in der GIPT das Toleranzprinzip für unterschiedlich differenzierte Menschenbilder gelten muß. Es ist Platz für Rogers-GesprächspsychotherapeutInnen und es ist Platz für PsychoanalytikerInnen. Es ist Platz für TheistInnen und AtheistInnen wie auch für Konservative oder SozialistInnen. Nachdem jede PsychotherapeutIn ihre eigene Persönlichkeit und Geschichte hat, muß auch jede ihre Praxis im Einklang mit ihrer Persönlichkeit gestalten und ausfüllen. Die GIPTin ist frei.
PsychotherapeutInnen haben nicht das Recht, PatientInnen für die eigene Ideologie und Philosophie zu indoktrinieren und zu mißbrauchen, und hören sie sich auch noch so wunderbar an. Möglicherweise kommen die PatientInnen nicht, um sich zu entwickeln, zu wachsen und ihre kreativen Fähigkeiten zu entdecken, möglicherweise kommen sie "nur", weil sie ihre quälenden und lästigen Symptome verlieren wollen, was unbedingt zu respektieren ist. PsychotherapeutInnen mit sehr differenzierten und ausgestalteten Menschenbildern in der Berufspraxis halten wir im allgemeinen heilkundlich für problematisch und manche sogar für ideologisch gefährlich (Ausnahme (Fn23)). (Querverweis: Kunstfehler)
Schwierige Probleme ergeben sich im Um- und Arbeitsfeld der Psychiatrie, wenn es um die Frage der Einweisung in eine geschlossene Abteilung geht. Ganz allgemein ist hier die Frage nach der Legitimität der Gewalt berührt. Wir denken und haben hier reale Erfahrung, daß es leider Situationen gibt, wo Menschen (meist vorübergehend) zwangseingewiesen werden müssen. Und die es real tun und bewältigen müssen, die Tätigen in der Psychiatrie, dürfen deshalb nicht ins humanistische Abseits gestellt werden. Ebenso richtig ist aber auch, daß dort, wo Menschen über Menschen viel Macht haben, eine besondere Supervision, ein besonderer Schutz vonnöten ist.
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