Die Deutschen und ihre Macken
Materialien zu Geschichte und Zeitgeist
des deutschen Nationalcharakters
Präsentiert von Rudolf Sponsel, Erlangen
Einführung
in das Problemfeld Nationalcharaktere
Bibliothek
der Deutschen Werte (satirisch)
Historisches
| Wissenschaftlich betrachtet
ist es sehr fraglich, ob es so etwas wie einen Nationalcharakter gibt.
Dies herauszufinden wäre die Aufgabe einer anthropologischen Persönlichkeits-
Psychologie, die notwendigerweise Vergleiche mit anderen Nationen und Völkern
einbeziehen müßte. Klare Definitionsregeln und Operationalisierungen,
wie ein "Nationalcharakter" zu konstruieren und empirisch zu beweisen
ist, liegen bislang kaum vor [Überblick
und Hinweise hier]. Wahrscheinlich verteilen sich die Charakter- und
Persönlichkeitstypen über die meisten Völker und Kulturen
hinweg.
Gute Charaktertypisierungen findet man in der deutschen Wehrmachtspsychologie. Die deutsche Gründlichkeit findet man hier etwa in dem Charaktertypus des sog. "Grundtoffels". Neuer, gängiger und etwas abweichend wird in der Persönlichkeitstypologie der Begriff des zwanghaften Menschen - deftiger: Zwangscharakters - verwendet. Diese Persönlichkeitstypen gibt es aber überall auf der Welt, unter autoritär orientierten Erziehungsumgebungen dürfte dieser Typus aber gehäuft vorkommen. |
Bibliothek der Deutschen Werte
Möglicherweise sind Satire,
Kabarett, Witz und Überzeichnung gute Möglichkeiten für
Hypothesen zu Nationalcharakteren.
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![]() Beispiel: Die deutsche Gründlichkeit.
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Leseprobe aus Die deutsche Gründlichkeit
Müller zu Helmut Kohl Dissertation
Quelle: Chronik der Deutschen
(3.A. 1995), S. 46
Und hieraus Adolph Freiherr von Knigge mal ganz anders:
Personen, die in solchem Ämtern und Würden stehen, welche
man in freien Staaten für unbedeutend, unnütz oder gar für
verächtlich und schädlich hält, Hofschranzen und andre besoldete,
pensionierte und bepfründete Müßiggänger, können
den Gedanken nicht ertragen, daß ein System Anhänger finden
mögte, das ihre ganze Existenz vernichtet, indem es nur dem Fleiße
und dem wahren Verdienste Achtung, Vorrechte und Vorteile einräumt.
Solche Fürsten und Edelleute, die sich bewußt sind, daß
sie gar nichts mehr sein würden, wenn sie aufhören sollten, Fürsten
und Edelleute zu sein;
Auch manche bessere, verdienstvollere Männer unter diesen, die aber von Jugend auf mit den Vorurteilen ihres Standes aufgewachsen und gewöhnt sind, Dinge, deren Wert jetzt in [176] Frankreich gänzlich verrufen ist, wo nicht wie Schätze voll inneren, echten Gehalts, wenigsten wie eine, durch den Stempel der Konvention gewürdigte, nützliche Ware zu betrachten;
Geadelte Bürger und alle solche Personen; die es sich haben Mühe
und Geld kosten lassen, in eine Klasse hinaufzurücken, mit Ständen
in Verbindung zu kommen, die sie außerdem vielleicht verachten würden;
Hohe und niedre Geistliche aller Bekenntnisse, die so gern Religion
und Gottes-Verehrung, Theologie, Dogmatik, Kirchen-System und Christuslehre
mit einander verwechseln, ihr Amt zu einem besondern Stande im Staate erheben
und ihre Sache zur Sache Gottes machen;
Solche Menschen, die überhaupt gegen jede Neuerung eingenommen
sind und es gern beim Alten lassen;
Schmeichler; feile, kriechende Schriftssteller, und alle solche Insekten,
die unbemerkt herumkriechen und sich fürchten müßten, zertreten
zu werden, wenn sie sich nicht in das Unterfutter der Großen dieser
Erde einnisteten; an Leib und Seele arme Schlucker, die sich von den Brosamen
nähren, welche von der Herren Tische fallen;
Gutmütige, furchtsame, mitleidige, gefühlvolle und sanguinische Menschen, welche durch die Schilderung der vernübten Gewalttätigkeiten erschüttert und empört werden;
Untertanen guter Fürsten, besonders in dem nördlichen Teile von Teutschland, die, unter milden Regierungen, bei dem Genusse ihres Eigentums und ihrer Freiheit, gar keinen Begriff vom Despotendrucke haben und - o! der glücklichen Unwissenheit! - das Bedürfnis einer andern Verfassung nicht kennen;
Alle diese stimmen mehr oder weniger lebhaft die allgemeine Meinung gegen die französische Revolution. Man kann ihnen, was die nachteiligen Eindrücke betrim, welche sie bewirken, noch diejenigen zugesellen, die, aus unvernünftigem Eifer, ohne Kenntnis der Sache, aus unbändigem Freiheitssinne, aus [177] ungerechter Unzufriedenheit mit den Regierungen , welche nicht so hohe Begriffe, wie sie selbst, von ihren Verdiensten haben, sich unberufen zu ungeschickten Verteidigern aufwerfen."
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Germaine de Staël-Holstein, Tochter des Schweizer Bankiers und ersten bürgerlichen Finanzministers unter Ludwig XVI., Jacques Necker, wurde 1766 in Paris geboren und lebte bis 1817. |
Der Insel-Verlag:
"De l'Allemagne, »die bedeutendste Kulturgeschichte
der Goethe-Zeit« (R. Minder), 1813 im Londoner Exil erschienen, nachdem
Napoleon die französische Auflage von 1810 hatte einstampfen lassen,
ist neben Tacitus' De Germania und Heines ebenfalls De l'Allemagne
überschrifteter Artikelserie das international bekannteste Buch über
Deutschland. Außer einer Fülle scharfsinniger Beobachtungen,
die die Verfasserin während ihrer beiden ausgedehnten Deutschlandreisen
(1803/04 und 1807/08) machen konnte, entfaltet sie hier das durch die Norm
der französischen Salonkultur gefilterte Resultat ihrer Gespräche
mit Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, A. Müller, F. v. Gentz wie
auch ihrer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit den Gebrüdern Schlegel,
B. Constant, W. v. Humboldt, Sismondi, Ch. de Villers und vielen anderen.
Gelobt und bewundert, aber auch geschmäht und kritisiert,
beförderte diese wagemutige Schrift, ein Grundtext der deutsch-französischen
Beziehungen, die Ausprägung der Romantik in Frankreich und markierte
den Eintritt der deutschen Literatur ins europäische Bewußtsein.
Den spezifischen Charakter dieses historischen Dokuments
erhellt auf vorzügliche Weise die vollständige deutsche Erstübersetzung
aus dem Jahre 1814, welche hier in einer neu durchgesehenen Fassung dem
deutschen Leser erstmals wieder zugänglich gemacht wird."
Ein wichtiges historisches Buch über die Deutschen und ihre Eigenarten (von Marcel Reich-Ranitzki manipulativ sophistisch mißbraucht).
Was "ein" Deutscher "ist",
wird - falls es überhaupt möglich ist, dies nationalcharakterlich
zu fassen - wesentlich durch die Geschichte "der" Deutschen beeinflußt.
Aber auch hier bedarf es natürlich des Vergleichs,
um nicht etwas für "deutsch" zu halten, das ebensogut auf andere Völker
und Nationen zutrifft. Einen hilfreichen Überblick geben die Chronik
Bände, etwa der Vergleich Chronik der Deutschen mit Chronik
der Menschheit.
Hier 3.A. Ausgabe 1995, mit: Sachregister Personenregister Bildquellenverzeichnis Vorwort Hans-Dietrich Genscher |
Ur- und Frühgeschichte 800 v. Chr-101 v. Chr.
Rom und Germanien 100v.Chr.181 n.Chr. Das Reich der Merowinger 482-749 Das Reich der Karolinger 750-918 Das Kaisertum der Ottonen 919-1024 Die Salier und der Investiturstreit 1024-1137 Das Stauferimperium 1138-1250 Interregnum und Wahlkönigtum 1251-1355 Das Spätmittelalter 1356-1516 Reformation und Gegenreformation 1517-1617l Der Dreißigjährige Krieg 618-1648 Die deutschen Fürstenstaaten 1649-1714 Das Zeitalter der Aufklärung und des Absolutismus 1715-1788 Deutschland und die Französische Revolution 1789-1815 Wiener Kongreß und Restauration 1816-1829 Vormärz und Deutsche Revolution 1830-1849 Industrialisierung und soziale Folgen 1850-1869 Das Zeitalter Bismarcks 1870-1890 Das Zeitalter des Imperialismus 1891-1913 Der Erste Weltkrieg 1914-1918 Die Weimarer Republik 1919-1932 Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg 1933-1945 Der kalte Krieg und die Teilung Deutschlands 1946-1965 Alter Konflikt und Neue Ostpolitik 1966-1988 Ende des kalten Krieges und Wiedervereinigung ab 1989 |
Eine außerordentlich wertvolle Anthologie 18. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts der Bundeszentrale für Politische Bildung. Hieraus die Begriffsbestimmungen (S. 128):"
Nation
Der Begriff Nation bezeichnet eine soziale Großgruppe, die bestimmt
wird durch gemeinsame Abstammung, Wohngebiet, Sprache, Religion, Rechts-
und Staatsordnung, Kultur, Welt- und Gesellschaftsvorstellungen, Geschichte
sowie durch die Intensität der Kommunikation. Entscheidend dabei ist,
daß die Angehörigen einer Nation vom Andersund Besonderssein
im Vergleich zu allen anderen Nationen überzeugt sind, da nicht immer
alle oben genannten Merkmale vorhanden sind. Unterschieden wird u.a. zwischen
Staats-, Kultur- und Willensnation. Versuche, Nation anhand objektiver,
allgemeingültiger Merkmale zu definieren, bleiben bis heute umstritten.
Begriffsgeschichtlich standen bis ins 18. Jahrhundert hinein regionale
und soziale Bezeichnungen der Nation gleichberechtigt neben anderen Definitionen.
So bezeichnete lateinisch "natio" in der Antike und weit ins Mittelalter
hinein die Abstammung oder den Herkunftsort einer Person. Im 19. und 20.
Jahrhundert wird Nation, ausgehend von Europa, zu einem Zentralbegriff
politischer Integration.
Nationalismus
Nationalismus ist eine Ideologie, die - beruhend auf einem bestimmten
Nationalbewußtsein - den Gedanken der Nation und des Nationalstaats
militant nach innen und außen vertritt. Soziale Großgruppen
werden zu einer inneren Einheit verbunden, um sie gegen eine als anders
empfundene Umwelt abzugrenzen. Dies geschieht durch überzogene nationale
Identifikation, aber auch durch Assimilation oder gewalttätige Gleichschaltung.
Der Nationalismus ist an keine bestimmte Staats- oder Gesellschaftsform
gebunden. Oft vereint sich im Nationalismus das Bewußtsein eines
Anders- oder Besondersseins mit einem starken Sendungsbewußtsein.
Dies kann zur Abwertung oder Geringschätzung anderer Völker oder
nationaler Minderheiten im eigenen Staatsgebiet führen.
Nationalstaat
Im Nationalstaat besteht eine weitgehende Identität von Nation
und Staatsvolk. Im Gegensatz zum Nationalitäten- oder Vielvölkerstaat
sind die Staatsangehörigen im Nationalstaat alle oder die überwiegende
Mehrheit
Angehörige ein und derselben Nation. Das Zusammengehörigkeitsbewußtsein
der Nation und der politische Wille derselben zu einem eigenen und selbständigen
Staat ist die politische Grundlage eines Nationalstaats.
Patriotismus
Patriotismus ist die Liebe zum Vaterland, zur Heimat und bedeutet Verehrung
und gefühlsmäßige Hingabe an Traditionen, Werte und historisch-kulturelle
Leistungen des eigenen Volkes bzw. der eigenen Nation. Außerlich
zeigt sich Patriotismus z. B. in der Wertschätzung von Symbolen (Hymnen,
Flaggen) oder Institutionen (Verfassung, Parlament), aber auch in der Bereitschaft,
sich für das eigene Volk einzusetzen. Er orientiert sich primär
am Staatswesen und unterscheidet sich vom Nationalismus, der sich stärker
auf die Interessen eines Volkes oder einer Nation bezieht. Die Ubergänge
sind allerdings fließend.
Rassismus
Rassismus ist ein Begriff aus der politischen und sozialen Sprache
des 20. Jahrhunderts. Er wird aber auch, was nicht unumstritten ist, zur
Bezeichnung bestimmter Erscheinungen in der Vergangenheit herangezogen.
Rassismus kennzeichnet im engeren Sinne die im 19. Jahrhundert ausformulierten
Ideologien der Rassenunterschiede, die bis in die Gegenwart in jeweils
unterschiedlichen Bezügen (u. a. Kolonialismus, Nationalsozialismus,
Antisemitismus, Apartheid, neue Rechte) die Basis der dort gerechtfertigten
oder praktizierten Diskriminierung von Menschen bildet.
Staatenbund
Als Staatenbund bezeichnet man einen losen völkerrechtlichen Zusammenschluß
von Staaten zu gemeinsamen politischen Zwecken (Beispiel: der Deutsche
Bund 1815 -1866). Die Souveränität liegt nicht beim Gesamtstaat,
sondern bei den Gliedstaaten. So bleiben die Gliedstaaten im Staatenbund
zum Beispiel Völkerrechtssubjekte, unterhalten eigene diplomatische
Vertretungen und können selbst Staatsverträge abschließen.
Gegenteil des Staatenbundes ist der Bundesstaat.
Zusammengestellt nach: Dieter Nohlen (Hrsg.): Worterbuch Staat und
Politik, Bonn 1995.
Brockhaus Enzyklopädie, 19. und 20. Auflage, Mannheim 1991/
1998"
Die Nachkriegs-Deutschen
(Perspektive
1958)
|
Hieraus (S. 10):"Der Einzelne: Das
Individuum läuft weg. Politik ist eine Angelegenheit der Berufspolitiker.
Europa eine Angelegenheit der Berufseuropäer, Innenpolitik eine Sache
der Funktionäre, Außenpolitik eine der Diplomaten und die Steuer,
jener echte Zweikampf des Staates gegen den Bürger, ist eine Sache,
in der man nur mit Kenntnis der Geheimregeln weiterkommt oder auch nicht.
Deshalb ist das Individuum, das sich entzieht, heute eine so moderne Sache.
Es ist auf der Flucht. Das »Ohnemich« des Einzelnen gegenüber
dem Staat oder anderen höheren Formen der Existenz hatte sich in fast
antiker Weise wie eine Seuche ausgebreitet und predigte einmal Gleichmut,
dann die Neutralität gegenüber den Verschlingungen der Weltmächte.
Auch dem Mittelalter ist dieser Rückzug des Herzens vor der Welt nicht
fremd. Wir wollen hier die moderne Abart bestimmen. Wer ist dieser moderne
»Mensch, der sich entzieht« ?
Ohwohl sich hier zunächst unser deutsches Erlebnis abzeichnet, geht dieser Vorgang weit über unsere Grenzen hinaus. Das Individuum, das sich entzieht, ist ein Bestandteil aller Massengesellschaften. Es reicht nicht in die Bezirke der Macht. Es spürt, es kann nicht heran und herein. Der Hebelarm fehlt. Das Element der Demokratie, heißt es — aber es heißt nur so —, sei der gemeine Mann, der mit dem Stimmschein in der Hand seinen Willen überträgt und die Welt danach ordnet. Es ist nach der philosophischen Übereinkunft von zwei Jahrhunderten eine harmonische, wenn auch nicht konflikttreie Welt, in der der Viille der Meisten zum Besten wirkt. Dieser Glaube wird durch die Veränderungen der Gegenwart angegriffen. Wir nennen die Punkte. ..." |
Inhaltsverzeichnis "Deutschland Heute" (Perspektive 1958)
IM KÄFIG DES KOMFORTS
ZWISCHEN ELBE UND ODER
DER MENSCH VON DER STANGE
DAS BILDUNGSGEFECHT
NACHHUT DER AVANTGARDE
Über
die Ängstlichkeit der Deutschen vor dem Neuen
Helmut Schmidt (Bundeskanzler 1974-1982)
"Eine der wichtigsten Aufgaben für Politik und Wissenschaft und Unternehmen und für alle ist, daß wir uns mit ganz langem Atem darum bemühen, die Deutschen aufzuklären, damit die psychotischen deutschen Ängste vor technischer Innovation überwunden werden. Die Deutschen sind heute die Europameister der Angst. Alles, was neu ist, begegnet bei uns Ängsten, und die Ängste werden ausgebeutet von irgendwelchen Politikern oder Verbänden oder Bürgerinitiativen. Zuerst waren sie gegen Kernkraft, dann waren sie dagegen, daß weiterhin Kohle und Öl verbrannt wird, denn das schafft Abgase in die Luft, was ja auch stimmt. Dann sind sie aber nun neuerdings auch gegen Windspargel (Windkraft [93] Generatoren), denn die verschandeln ja die Landschaft. Alles Neue macht Angst, deshalb muß man dagegen sein. So denken viele. Aber in Wahrheit muß die Nation begreifen, und dazu müssen wir alle beitragen: Ohne Innovationen verurteilen wir uns selbst zu Verlust weiterer Arbeitsplätze und zu Verlust weiterer Teile unseres allgemeinen Lebensstandards." Quelle (S. 93-94)
Helmut Schmidt zu den Fehlern bei der Wiedervereinigung
Zur Ära Kohl und dem absoluten Niedergang deutscher Politik informiert
Mit Kohls Dissertation beschäftigt sich auch Hans-Christian Müller in "Die deutsche Gründlichkeit" (S. 71ff):
Man beginnt zu verstehen, warum die Hollywooddemokratie weniger als alle anderen reformierbar sind: Römisches Brot und Spiele sind hier stahlbetonperfektioniert. Die Demokratie muß daher mit der Kontrolle der Medien beginnen.