Marcel Reich-Ranicki
Im Grenzland zwischen Kulturgiftzwergriesen
und Bildungskotzbrocken
Psychographische Notizen zum Sodom und Gomorrha
des doitschen Kulturbetriebes
von Rudolf Sponsel, Erlangen
Erstausgabe 9.6.2002, Letztes Update 22.6.2
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Herkunft und
Lebensweg. Marcel Reich-Ranicki (* 1920, Wloclawek an der Weichsel)
entstammt einer jüdischen Familie, sein Vater war polnischer Jude,
seine Mutter preußisch- jüdischer Herkunft. Er selbst schildert
keine innere Beziehung zur jüdischen Religion. Er kommt als 9jähriger
- 1928 - nach Berlin und geht dort zur Schule. Früh schon, bereits
als Schüler, wurde seine nie endende Leidenschaft und Liebe hauptsächlich
zur Literatur und hier besonders zur deutschen (was ihm im Warschauer Ghetto
wahrscheinlich neben der Gunst des Schicksals sogar das Leben retten half),
wie auch zum Theater, zur Musik und Kunst entfacht. Als früher und
anhaltender Lebenstraum entwickelte er den Wunsch, später eine Arbeit
zu finden, die mit Literatur zu tun hat.
Seinen Vater schildert er als schwach
und wenig erfolgreich, seine Mutter als starke und bestimmende Persönlichkeit,
stolz auf das Kulturland, aus dem sie stammt. Seine Schwester Gerda wurde
13 Jahre, sein Bruder Alexander 9 Jahre früher geboren als er. Aus
Sicht der Psychologie der Familien- und Geschwisterkonstellationen ist
er daher praktisch als Einzelkind anzusehen.
Er war von 1960 bis 1973 ständiger
Literaturkritiker der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" und leitete von
1973 bis 1988 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Redaktion
für Literatur und literarisches Leben. In den Jahren 1968/69 lehrte
er an amerikanischen Universitäten, von 1971 bis 1975 war er ständiger
Gastprofessor für Neue Deutsche Literatur an den Universitäten
von Stockholm und Uppsala, seit 1974 ist er Honorarprofessor an der Universität
Tübingen, in den Jahren 1991/1992 bekleidete er die Heinrich-Heine-Gastprofessur
an der Universität Düsseldorf. Seit 1988 leitete er das Literarische
Quartett im Zweiten Deutschen Fernsehen. Reich-Ranicki erhielt zahlreiche
Auszeichnungen, u.a. die Ehrendoktorwürde der Universitäten Uppsala,
Augsburg, Bamberg und Düsseldorf, den Ricarda-Huch-Preis (1981), den
Thomas-Mann-Preis (1987), den Bayerischen Fernsehpreis (1991), den Ludwig-Börne-Preis
(1995) und den Goethepreis (2002). Viele Ehrungen gab es zu seinem 80.
Geburtstag. Als vorläufig letzter und zweifelhafter Höhepunkt
um seine Person, Persönlichkeit und Wirken kann die von Martin Walser
im Tod eines Kritikers verfaßte beißende und geißelnde
Persiflage um Reich-Ranicki und den doitschen Kulturbetrieb gelten,
die die Feuilletongemüter seit dem Paukenschlag der FAZ erhitzte und
Reich-Ranicki sogar bewegte, die Veröffentlichung im renommierten
und antisemitismus völlig unverdächtigen Suhrkamp-Verlag
verhindern zu wollen.
Das Spiel mit der Identität. "... Er, Günter Grass aus Danzig, wollte nämlich von mir wissen: 'Was sind Sie nun denn eigentlich - ein Pole, ein Deutscher oder wie?' Die Worte 'oder wie' deuteten wohl noch auf eine dritte Möglichkeit hin. Ich antwortete rasch: 'Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude.' Grass schien überrascht, doch war er offensichtlich zufrieden, ja beinahe entzückt: 'Kein Wort mehr, Sie könnten dieses schöne Bonmot nur verderben.' Auch ich fand meine spontane Äußerung ganz hübsch, aber eben nur hübsch. Denn diese arithmetische Formel war so effektvoll wie unaufrichtig: Hier stimmte kein einziges Wort. Nie war ich ein halber Pole, nie ein halber Deutscher - und ich hatte keinen Zweifel, daß ich es nie werden würde. Ich war auch nie in meinem Leben ein ganzer Jude, ich bin es auch heute nicht." [0]
Marcel, der Ornithologe. Wenn einer keine Berufsausbildung für sich finden konnte und nicht weiß, wovon er leben soll, dann gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, auch ohne Berufsausbildung sein Geld zu verdienen, nämlich z.B. als Gastwirt, Privatdetektiv, Taxifahrer, Söldner, Politiker, Geheimagent, Guru, Kleinunternehmer oder Gelegenheitsarbeiter.
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Schwer haben es meist KünstlerInnen und SchriftstellerInnen. Sehr viel leichter hat es da ein Berufs- Literatur- Kritiker, wenn es auch nur selten gelingt und ungewöhnlich ist, noch dazu als Freischaffender, der, wie merkwürdig, eigentlich gar nichts schaffen muß, denn er beurteilt Schaffende; also eigentlich einer, der über den Schaffenden steht. Und wenn die Selbsterwählung genügend stark ausgebildet ist, resultieren dann solche wahnhaft anmutenden Sätze wie: "Daß die meisten Schriftsteller von der Literatur nicht mehr verstehen als die Vögel von der Ornithologie." [1] Und damit die Trottel Schriftsteller und Literaten das auch begreifen, bedarf es sozusagen eines Über- Literaten, eines Hypervogels und wahren |
Geheimagent und Politiker. Marcel Reich-Ranickis Berufsbiographie kann aus der Beispielsammlung oben (Berufe ohne Ausbildung) mit zwei bedeutungsvollen Titeln aufwarten: Geheimagent und Politiker. Damit ist das Potential für einen ekelhaften Menschen und doitschen Kulturartisten mit Zuckerbrot und Peitsche gut vorbereitet. Zunächst erlernte er nach dem Krieg die Berufs- Grundlagen der geheimdienstlichen Niedertracht, Verrat und Täuschung, das Bespitzeln als Geheimagent für den polnischen Geheimdienst: er "berichtete" über Exilpolen in Berlin und London [3]. Dort brachte er es - auch dank einer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Polens, wenn auch ohne tiefere Überzeugung - sogar bis zum Konsul mit großem amerikanischen Wagen als bemerkenswertem Attribut der frühen Größe schon. [4]. Es erhebt sich die psychologisch interessante Frage: wie konnte jemand geheimdienstlich tätig werden, der zugleich von sich meint, Loyalität und Ehrlichkeit gehörten zu seinen prägenden Idealen: "Vielleicht hatte das mit meiner Berliner Jugend zu tun, mit dem preußischen Gymnasium: Dort hatte man mir beigebracht, daß man unter allen Umständen loyal zu sein habe und daß niemand verächtlicher sei als der Verräter." [5] Wie konnte er dann professioneller Verräter, Agent der Niedertracht und ein Spitzel werden? Und warum zum Teufel fällt ihm dieser Widerspruch und Bruch in seinem proklamierten Wertessystem noch nicht einmal auf?
Marcel, der Eroberer. Mit viel Geschick, ein Meister der Assimilation und Adaptation, sozusagen ein lebendiges Wunderwerk Piagets, mit einem ebenso feinen Gespür für Opportunität wie Begabung an narzißtischer Selbstinszenierung, eroberte sich Geheimagent Reich, der sich - verständlich - mit Zusatz Ranicki den zwar vieldeutigen, aber auch grausam schwarzsymbolischen Namen Reich zu erleichtern suchte [6], den Heiligen Stuhl für doitsche Literaturkritik. Das war nicht schwer für einen, der sich auch als Opfer des Holocaust im Warschauer Ghetto entsprechend darzustellen wußte. Damit war er schon einmal fast unangreifbar. Alle in seiner Familie seien umgekommen, heißt es in verschiedenen Texten zu seiner Biographie [7]. Woher das nur alle Welt weiß und immer wieder erfährt? Und wie kommt es nur, mag sich manch eine fragen, daß der Bezug zum Holocaust von einigen nicht nur als Waffe, sondern wie eine Trophäe funktionalisiert wird? Ist Holocaustopfer im doitschen Kulturbetrieb auch ein Marketingfaktor?
Das Klischee vom Einzigüberlebenden. Hat er wirklich als einziger seiner Familie das Warschauer Ghetto überlebt, wie uns auch Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, in seinem Diffamierungsartikel vom 29.5.2 zu Walsers geißelnder Persiflage auf Reich-Ranicki und das Sodom und Gomorrha des doitschen Kulturbetriebes, dramatisch verkündet?: "Auf dem Hintergrund der Tatsache, daß Marcel Reich-Ranicki der einzige Überlebende seiner Familie ist, halte ich den Satz, der das Getötetwerden oder Überleben zu einer Charaktereigenschaft macht, für ungeheuerlich." Er ist aber nicht der einzig Überlebende, wie klar aus seiner Biographie hervorgeht [8]. Er ist der einzig Überlebende der vier Menschen seiner Kernfamilie, die in das Warschauer Ghetto kamen. Man mag einwenden, ist denn das so wichtig, wie viele ermordet wurden? Nun als Psychologe, Psychotherapeut, aber noch mehr als forensischer Aussagepsychologe, liest man manchmal ebenso genau und höchst aufmerksam wie man zuhört oder beobachtet. Warum muß das Klischee: der einzige seiner Familie, der das Warschauer Ghetto überlebt hat von Frank Schirrmacher bedient werden? Ist das nicht eine Generalisierung, eine Entdifferenzierung und eine Merkmalskonstanz und damit eine holocaust-industrielle Praktik? Was bedeutet es für die anderen Überlebenden der Familie? Werden die damit nicht für tot erklärt? Ist deren Überleben gar nicht mehr erwähnenswert? Besonders das der Schwester Gerda Böhm?
Was fehlt Reich-Ranicki
?
Seine gesamte Biographie ist von einer einzigartigen und faszinierenden
Oberflächlichkeit,
was angesichts der tragischen und dramatischen Ereignisse in seinem Leben
vor allem im Warschauer Ghetto verblüfft. Selbst die extremsten Szenen
seines Lebens, von denen es ja unbestritten einige gab, werden mit Distanz
und Kürze abgehandelt (Abschied von den Eltern, Fast-Verlust
Tosias
auf dem 'Umschlagplatz', Freitod Czerniakóws), so daß sich
der Psychologe fragt: was geht in diesem Menschen vor? Was bedeutet das?
Hier
fehlt die Seele, die Tiefe, das Gefühl. Das kann man doch
nicht so schreiben und schon gar nicht, wenn einer was vom Schreiben verstehen
sollte, wovon er ja mehr als überzeugt ist, wenn er auch das bon mot
liebt, er habe nie richtig doitsch gelernt und könne gar nicht
schreiben [9].
Hier ist er nur eitel, narzißtisch verspielt und verlogen. Sieht
man ihn in seinen Fernsehauftritten, wirkt er öfter sehr emotional
und temperamentvoll. Psychologisch ist dieser Sachverhalt sehr interessant,
denn wir fragen uns: wie kann man einerseits so emotional und temperamentvoll
wirken, wenn andererseits stimmen sollte, da fehle Seele, Tiefe und Gefühl?
Die Schlußfolgerung ist ebenso zwingend wie einfach: die impulsive
und histrionsische [10] Seite der Emotionalität
ist sehr gut, ja im Übermaß entwickelt, während Tiefe und
Dauer demgegenüber vergleichsweise unterentwickelt sind.
Im wissenschaftlichen fehlt
ihm jede Systematik, Logik und letztlich auch Berufsethik. Kritik
ist ja nichts anderes als angewandte
Wertlehre. Statt sich auf eine solche - eigene oder fremde - zu berufen,
urteilt und vor allem verurteilt er intuitiv aus dem Bauch heraus und bedient
sich hierbei völlig willkürlich der Literaturkritikgeschichte
[11]. Doch
dafür braucht es keine Professoren- und keine Doktortitel h.c. mult.,
dafür sollte man sie gerade nicht bekommen. Schon ein oberflächlicher
Blick in seine Literaturliste verrät, daß der Mann weder literarisch
noch wissenschaftlich (Wertlehre der Kritik; Ästhetik) etwas geleistet
hat - er ist halt nur ein Kritiker. Aber er hat sehr, sehr viel
gelesen, und er hat ein extrem ausgebildetes literarisches Selbstwertgefühl
und nicht die geringsten Hemmungen mit intuitiven Werturteilen, die sich
ihm assoziativ aufdrängen, die er wahllos und willkürlich montiert,
wie es ihm seine augenblickliche und launische Befindlichkeit oder Interessenlage
gerade gebietet. Darin ist er sicher Meister wie auch in primitiven, rhetorisch-
sophistischen Figuren [12].
Die ungehemmte Lust und Freude am Verriß und die Aufblähung
der eigenen Funktion zeigt womöglich auch einen teilweise erheblichen
Charaktermangel.
Erst Übersetzer im Judenrat des
Warschauer Ghettos, Geheimagent, dann Politiker, rein in die KPD, rausgeworfen,
später, als es opportun schien, wieder beworben, bis er zu seinem
Traumberuf freischaffender Literaturkritiker fand, zeigen einen Anpassungs-
und
Überlebenskünstler, dem das Schicksal günstig gestimmt
war, was ihn in seiner Biographie zu der Frage veranlaßt:
Warum
ich ? [13]
Reich-Ranicki im Internet: