Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie
    IP-GIPT DAS=06.09.2000 Internet-Erstausgabe, letzte Änderung 30.5.4
    Sekretariat: Diplom-PsychologInnen Irmgard Rathsmann-Sponsel und Dr. phil. Rudolf Sponsel
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     Willkommen in unserer Abteilung Wissenschaftsgeschichte, hier zum Thema:

    Der naturwissenschaftliche Zeitgeist im
    19. Jahrhundert

    Das Problem der Operationalisierung des Zeitgeistes

    Die Überschrift ist gewagt, unterstellt sie doch etwas nicht direkt Beobachtbares: einen naturwissenschaftlichen Zeitgeist und das noch für ein ganzes Jahrhundert? Warum sollte es einen Zeitgeist für ein ganzes Jahrhundert geben? Ja gibt es überhaupt so etwas wie einen Zeitgeist, einen naturwissenschaftlichen Zeitgeist im 19. Jhd.? Der Begriff scheint eine deutsche Erfindung zu sein, denn:

       
         
        In Webster's New Encyclopedic Dictionary (1992) lesen wir: "zeit-geist \...\ n: the general intellectual, moral, and cultural state of an era [German, from zeit "time" + geist "spirit"]."
        Damit ist das begriffliche Problem verschoben auf state und era.
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        Was ist nun der allgemeine intellektuelle, moralische und kulturelle Zustand einer Ära? Was macht nun eine Ära zu einer Ära, etwa die Ära McCarthy, die Ära Adenauer, die Ära Kohl, die Ära des kalten Krieges, die Ära der Globalisierung oder des Ozonlochs, das Internet-Zeitalter (die vernetzte Informationsgesellschaft)? Was macht das Atomzeitalter zum Atomzeitalter und das Computerzeitalter zum Computerzeitalter? Was versteht man unter einer Epoche? Sind das "nur" fette Überschriften einer Zeit- oder Geschichtscharakteristik?

        In der Erörterung solcher Fragen sind einerseits weniger Psychologen als vielmehr Historiker und Soziologen die kompetenteren Adressaten. Andererseits ist es aber eine legitime psychologische Frage, wie sich denn ein Zeitgeist, falls es ihn denn gibt, auf das einzelne Individuum auswirkt, wie man den Zeitgeist in der individuellen Persönlichkeit erkennen kann?.

        Betrachtet man sich die Besetzung der Lehrstühle in der klinischen Psychologie in Deutschland, so stellt man im Jahre 2000 fest, daß diese weitgehend in verhaltenstherapeutischer Hand sind. Die psychosomatischen Lehrstühle in der Medizin sind hingegen fast durchweg von PsychoanalytikerInnen besetzt. Darf man nun die These aufstellen: der therapeutische Zeitgeist bei den Psychologen ist verhaltenstherapeutisch und der therapeutische Zeitgeist bei den MedizinerInnen ist hingegen psychoanalytisch? Und was hieße das für den therapeutischen Zeitgeist allgemein?

    Fehlerquellen bei der Erfassung der Diagnose des  Zeitgeistes        siehe auch

    Subjektkritik.  Ein besonderes methodisches und psychologisches Problem ist das der Zurückversetzung. Was in einer Zeit wirklich auf den einzelnen wirkte, stellt sich wahrscheinlich aus heutiger Sicht ganz anders dar.  Hier liegt eine nicht unerhebliche Fehlerquelle. Wir neigen heute dazu, z. B. im Rückblick in den Wissenschaften nurmehr die Entwicklungen für (heute) bedeutungsvoll zu halten, die sich als wahr oder nützlich erwiesen und durchgesetzt haben. Doch neue Entwicklungen sind meist mit Auseinandersetzungen und  Kämpfen gegen überkommene Vorstellungen oder  mit anderen konkurrierenden Ideen verbunden. Manches, das zu früheren Zeiten wie eine Bombe eingeschlagen haben mag , wie z. B. die Harnstoffsynthese von Wöhler 1828, die eine Brücke vom Unbelebtem zum Belebtem schlug, hatte damals Vitalisten, Theologen und Philosophen im Kern erschüttert. Heute dürften die meisten an dieser wissenschaftlichen Leistung gleichgültig oder verständnislos vorübergehen. Anderes mag uns heute großartig erscheinen, das zu seiner Zeit übergangen und nicht weiter beachtet wurde. Die psychologische Barriere besteht objektiv, weil ich ja mein Wissen, meine Bildung, meine Prägung, meine Einbettung in meine Zeit, Gesellschaft und Kultur nicht einfach hinwegdenken kann. Ich bin, ob ich will oder nicht, das "Kind" meiner Zeit, meiner Gesellschaft und Kultur, meiner Sozialisation.

    Quellenkritik. Rückblicke fußen immer auf fremden Quellen und Zeugnissen. Doch wie zuverlässig sind diese Quellen? Diese Frage muß immer gestellt werden. Jeder Mensch, der ein Ereignis, ein Geschehen, eine Handlung oder ein Werk und Produkt beschreibt, beschreibt es aus seiner subjektiven Wahrnehmungs-, Interessen- und Bewertungslage heraus. Insofern gehen in die allermeisten Quellen mitunter bedeutsame Fehler, Verzerrungen, Legenden- und Mythenbildungen, einseitige und Tendenz-Darstellungen ein, die gar nicht einmal absichtlich zu sein brauchen. Es empfiehlt sich also, grundsätzlich quellenkritisch vorzugehen und sofern möglich mehrere Quellen einzubeziehen und auch und alternative Hypothesen ins Auge zu fassen.

    Das Zeitgeist-Bild in der GIPT - eine erste graphische Näherung
     (In Arbeit)
     

    Ideen, wie man den Zeitgeist erfassen kann

        Weltausstellungen. Eine interessante Idee verdanke ich der Arbeit des Wissenschaftshistorikers  Christoph Meinel aus seiner Arbeit "August Wilhelm Hofmann - 'Regierender Oberchemiker'" (1992, S. 42) zur ersten Weltausstellung in London 1851: "In den Weltausstellungen inszenierte das Jahrhundert sich selbst, da prunkten kommerzielle Interessen im Schimmer von Glas, Stahl und Licht und nationalen Farben: Gesamtkunstwerke des Konsums, Wallfahrtsstätten zum Fetisch Ware. Die Vision eines Paradieses auf Erden, das auch den Massen Glanz und Luxus spendet, hier wurde sie greifbar. ... Der Innovationsschub, der von der Ausstellung ausging, kam auch der Chemie zugute. Ein ganzer Komplex neuer Forschungseinrichtungen entstand."

        Entdeckungen, Erfindungen, Wissenschaft und Technik

        Wirtschaftliche Entwicklungen und Veränderungen

        Messen, Kongresse, Ausstellungen

        Gesetze und  Verordnungen

        Medienanalysen. Fortlaufende oder wiederkehrende Themen in den Medien

        Ideale, Idole, Leitbilder, Modelle und Moden  für Lebensformen

    Wofür brachten die Mehrheiten MAZOKAauf?
    Was ist oder war gerade in?
    Welche Musik, welche Schauspieler, welche Filme und Themen?
    Einflüsse, denen man sich kaum entziehen kann, die also auf fast jeden wirken



    Literatur Zeitgeist (Auswahl)
    Wichtige Informationen zum Zeit-Geist liefern auch die Chronikbände, Auswertung von Tages- und Wochenzeitungen, der Fernsehprogramme und Filme, der Bestseller in der Literatur. Die Geschichte ist leider oft - Ausnahme Kuczynski - auf Herrscherhäuser und bedeutende Persönlichkeiten beschränkt. Siehe bitte auch Literatur zum Alltag.
  • Hellpach, Willy (1937). Schöpferische Unvernunft. Rolle und Grenzen des Irrationalen in der Wissenschaft. Bd. 7 Wissenschaft und Zeitgeist. Leipzig: Meiner.
  • Kirch, Raimund (29.5.4). So schön bunt. Der Zeitgeist zwischen Tabubruch und Anpassung. Wochenmagazin Erlanger (Nürnberger) Nachrichten, S. 3
  • Kretschmer, Winfried (1999). Geschichte der Weltausstellungen. Frankfurt: Campus.
  • Radkau, Joachim (1998). Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler. München: Hanser.
  • Sautter, Hartmut (1995). Zeitgeist. In: Autismus und Zeitgeist, 122-140. Dissertation Phil.Fak. Halle
  • Vayel-Bohlan, Anja & Salewski, Michael (1990, Hg.). Sexualmoral und Zeitgeist im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Publikation der Gesellschaft für Geistesgeschichte e.V. (Erlangen). Opladen: Leske & Budrich.
  • Vonessen, Franz (1994). Das Unglaubliche der Wahrheit. Leib und Seele im Zerrspiegel des Zeitgeistes. Zug: Die graue Edition.
  • Wittkop, Justus Franz (1979). Europa im Gaslicht. Die hohe Zeit des Bürgertums. Zürich: Atlantis.

  • Siehe auch Literatur Chemiegeschichte.



    Links Zeitgeist
  • Google Zeitgeistarchive. http://www.google.com/press/zeitgeist/archive.html.
  • Wikipedia Zeitgeist: http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitgeist.
  • Zeitartikel: http://www.zeit.de/2005/24/A-Konvertiten.

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    MAZOKA ist ein Kunstwort aus der Allgemeinen und Integrativen Willenspsychologie. Es bedeutet: M = Mühe (bereitschaft), A = Ausdauer (bereitschaft), Z = Zeit (Reservierung), O = Opfer (bereitschaft), K = Kosten (bereitschaft), A = Anstrengung (sbereitschaft).
    Zur Differentialdiagnose zwischen Wunsch und Wille läßt sich nun der  MAZOKA-Begriff herangezogen werden. Jemand wünscht nur, wenn er keine oder zu wenig MAZOKA füer ein Motiv aufbringt, einer will in dem Maße, wie er MAZOKA für ein Motiv aufbringt.


    Änderungen
    07.10.06    Literaturnachträge.
    30.05.04    Literaturnachtrag.


    Querverweise
    Methodische Probleme, Fallstricke und Fehlschluß-Varianten in wissenschafts-geschichtlichen Fragestellungen und die Kunstfehler in der Wissenschaftsberichtserstattung.
    Methodische Probleme, Fallstricke und Fehlschluß-Varianten in wissenschafts-geschichtlichen Fragestellungen und die Kunstfehler in der Wissenschaftsberichtserstattung aus allgemeiner und integrativer psychologischer Perspektive.
    Zur Ethik, Wissenschaft und Repräsentanz der Geschichtsschreibung. Die Kritik Bert Brechts: Fragen eines lesenden Arbeiters.
    Übersicht Differentielle Psychologie der Persönlichkeit in der Allgemeinen und Integrativen Psychodiagnostik, Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie.
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    Zitierung
    Sponsel, Rudolf  (DAS). Der naturwissenschaftliche Zeitgeist im 19. Jahrhundert. Wissenschaftsgeschichte aus Sicht der  allgemeinen und integrativen Psychologie und Psychotherapie.  IP-GIPT. Erlangen: http://www.sgipt.org/wisms/geswis/nat19J0.htm
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