Axiome und Konstruktionsprinzipien Differentieller Psychologie der Persönlichkeit
in der Allgemeinen und Integrativen Psychologie, Psychodiagnostik, Psychopathologie und Psychotherapie
von Rudolf Sponsel, Erlangen
Allgemeine und integrative Axiome
Ruttkowski hatte im Jahre 1974 das internationale Schrifttum zu Typologien und Schichtenlehren bis zum Jahre 1970 der Persönlichkeit erfaßt und kam auf 1170 Titel, die er 1978 in seinem systeamtischen Anschlußwerk meta-typologisch verarbeitete.
Die Vielzahl der Systeme und umfangreiche eigene Erfahrungen (Sponsel 1982, 83,84) mit der Persönlichkeitsdiagnostik führen uns zum ersten Axiom der Persönlichkeitstheorie in der GIPT:
Wir postulieren eine potentiell unendliche Vielfalt möglicher Persönlichkeiten, Persönlichkeits-Typen oder Persönlichkeits- Konstruktionen durch Merkmals-Kombinationen, wobei auch nicht oder nicht sehr ausgeprägte vorhandene Merkmale wichtig für die Charakteristik sein können.
Der Grund für dieses Axiom liegt einerseits in der historisch gegebenen Vielfalt an Beschreibungen und Konstruktionen und andererseits in der tatsächlichen Vielfalt der Möglichkeiten. Diese Möglichkeiten hängen unter anderem von den vielen Zielen und Zwecken ab, unter denen man eine Persönlichkeit betrachten kann.
Persönlichkeitsbeurteilungen kommen im Alltag eines jeden Menschen ständig vor. Jeder beurteilt ständig und jeder wird ständig beurteilt. Für einen Arzt stehen andere Merkmale (Gesundheit, Krankheit, Konstitution, Verfassung) im Vordergrund als für eine Erzieherin (Lenkbarkeit, Erziehbarkeit, Anpassungsfähigkeit,) einen Polier auf dem Bau (Handwerkliche Fähigkeit, Kraft, Beweglichkeit) oder einen Gastwirt, der eine Bedienung (Überblick, Freundlichkeit, Schnelligkeit, Zuverlässigkeit) sucht. Für einen Vermieter, Autohändler (Vertragsfähigkeit, Mittel), einen Musterungs- (Gesundheit, Beweglichkeit, Allgemeine Leistungsfähigkeit) oder Prüfungsausschuß für Offiziersanwärter bei der Bundeswehr, für einen Personalberater für diese oder jene Aufgaben werden wiederum ganz andere Merkmale im Vordergrund stehen. Wer auf Brautschau geht, für den sind andere Merkmale wichtig als für den, der einen Torwart, eine Sekretärin oder einen wissenschaftlichen Assistenten sucht.
Temperament, Stimmung, Antrieb und Energie, Befinden, Verfassung, Konstitution, Anlage, Begabung, Fähigkeiten, Tüchtigkeiten, Werte und Ziele, Interessen und Neigungen, Tugenden, Lenkungsfähigkeit, Wahrnehmung, Intelligenz, Aufmerksamkeit, Verhalten, Äußere Erscheinung, Haltung, Mimik, Gestik und Gebaren, Alter, Geschlecht, Bildung, Herkunft sind nur einige grobe Merkmalsklassen, aus denen Persönlichkeitssysteme konstituiert und konstruiert werden können.
Wie immer wir auch konstruieren, eine die Zeiten überdauernde Idee der Begriffe Persönlichkeit, Charakter oder Wesen ist eine gewisse Ausprägung, ein gewisses Hervortreten mit einer gewissen über- oder andauernden Konstanz. Dies führt uns zum zweiten Axiom der Persönlichkeitstheorie in der GIPT:
Merkmale, die wir der Persönlichkeit, dem Charakter oder dem Wesen eines Menschen zurechnen haben eine gewisse über- oder andauernde relative Stabilität und damit einen gewissen Veränderungswiderstand, ohne unveränderlich zu sein.
Die Formulierung "Relative Stabilität" klingt wie ein Widerspruch, weil wir mit dem Relativen keine Stabilität verknüpfen und umgekehrt mit dem Stabilen nichts Relatives meinen.
Hier wird man z. B. feststellen, daß jemand nicht allgemein und immer in jeder Situation zuverlässig ist, sondern bevorzugt bestimmten Menschen gegenüber, anderen hingegen nicht. Andere werden bei einer bestimmten Aktivität sehr oft die gleichen Merkmale zur Erscheinung bringen, etwa beim Kauf relativ teuerer Güter sehr sorgfältige Qualitätsvergleiche und Abwägungen durchführen. Dies wird z. B. nur möglich sein, wenn eine bestimmte Selbstkontrolle gegeben ist, so daß aus einem Merkmal (sorgfältige Abwägungen) ziemlich sicher auf ein anderes Merkmal (Selbstkontrolle) geschlossen werden kann.
Zusatzanfang 2.5.4: Wechselhaft, instabil, fluktuierend: Man kann aber auch wechselhafte (instabile, fluktuierende) Merkmale als typisch für eine Persönlichkeit ansehen. In diesem Falle wäre dann das Wechselhafte das Typische, Konstante oder Stabile. Kontinuität, Konstanz und Stabilität sind ja Metakategorien. Merkmale können nach ihren relativen Häufigkeiten hinsichtlich ihrer Kontinuität, Konstanz oder Stabilität klassifiziert werden. Dies läßt sich natürlich noch weiter differenzieren nach Situationszusammenhängen. Als ich den Charakter-Struktur-Test CST konstruierte habe ich ein Programm konzipiert, daß erlaubt, für jedes Item und für jede Struktur über N Testungen hinweg jeweils die relativen Häufigkeiten nach frei wählbaren Schranken zu bestimmen, so daß das Charakter-Struktur-Kerne, die eine gewisse relative Häufigkeit über- oder unterschreiten, erfaßt werden können. Damit sind automatisch auch die wechselhaften (fluktuierenden, instabilen) Merkmale erfaßt. Zusatzende 2.5.4.
Merkmale können also nach den Kriterien der Gültigkeit für verschiedene Situationen und Personen gegenüber mehr oder minder verallgemeinert werden. Die Relativität der Gültigkeit von Merkmalen kann auch positiv als Differenzierung und Differenziertheit beschrieben werden. Dies führt uns zum dritten Axiom der Persönlichkeitstheorie in der GIPT:
Menschen können in Abhängigkeit von ihrer eigenen Verfassung, der Situation und ihrem Gegenüber sehr differenziert reagieren.
Merkmale müssen also keineswegs absolut, starr und immer zur Erscheinung gelangen, um zu den Persönlichkeits-, Charakter- oder Wesensmerkmalen gerechnet zu werden.
Man könnte keine Persönlichkeitsstörungen therapieren, nähme man nicht an, daß Veränderungen möglich sind. Dies führt uns zum vierten Axiom der Persönlichkeitstheorie in der GIPT:
Persönlichkeits-, Charakter- und Wesensmerkmale können in einem bestimmten Umfang entwickelt und verändert werden.
Menschen können sich radikal und vollständig verändern (Saulus / Paulus). Und viele Menschen verändern sich in vielen Merkmalen nicht oder nur sehr geringfügig. Entscheidend ist, daß es die Möglichkeit der Veränderung gibt. Manche Merkmale sind leicht beeinflußbar, andere schwer, andere kaum bis gar nicht. Und dies wiederum kann sehr davon abhängen, welche Einflußmöglichkeiten und Situation gegeben sind.
Weltweit gibt es über 1000 Persönlichkeits-, Charakter- oder Wesenstypologien (Ruttkowski 1974). Die Mehrzahl davon dürfte wissenschaftlich und praxeologisch umstritten sein. Viele sind in der Kultur- und Wisenschaftsgeschichte untergegangen. Viele überschneiden sich. Es hat den Anschein, als ob beliebig viele Konstruktionen möglich sind - je nach unterschiedlichen Zielen und Zwecken.
Konstruktionsprinzip 1 Ziele und Zwecke erläutern (Nutzen, Pragmatik)
Wer eine Typologie entwirft, soll seine Ziele und Zwecke erläutern, wozu diese Typologie tauglich und nützlich sein soll.
Konstruktionsprinzip 2 Erkennbarkeit (Diagnostizierbarkeit)
Hier sind operationale Kriterien und Verfahren so zu entwickeln und zu benennen, daß die Merkmale einer Typologie möglichst objektiv und reliabel erfaßt bzw. diagnostiziert werden können.
Konstruktionsprinzip 3 Evaluation (Nachweis)
Hier ist der Nachweis zu führen, daß die Typologie für die unter 1 genannten Ziele und Zwecke tatsächlich auch tauglich ist, daß der Typ also in der Lebenspraxis auftritt und nach den genannten Zielen und Zwecken erkannt (diagnostiziert) werden kann.