Gossen, Hermann Heinrich (1854).
Entwickelung der Gesetze des menschlichen Verkehrs
und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln.
Braunschweig: Vieweg. Neue Ausgabe 1889 Berlin: Prager.
Aufbereitet und präsentiert von Rudolf Sponsel, Erlangen, Querverweise
Freude
schöner Götterfunken ... Titelblatt
Vorbemerkung
1888 zur Neuherausgabe 1889 durch den Verleger
Kapitel 1 Grundüberlegungen und erste
Postulate (Hypothesen)
Relativitätsprinzip des Augenblickgenusses
in Bezug auf das Lebensganze
003: Genußprinzip ist Schöpferwille
* Genuß kann im Übermaß oder zur Unzeit auf lange Sicht
schädlich sein * Lebensmaxime: "Der Mensch richte
seine Handlungen so ein, daß die Summe seines Lebensgenusses ein
Größtes werde." *
Einschränkendes Bentham'sches Gemeinwohl
Gebot [RS: Größtes Glück der größten
Zahl]
004: "Durch sie [die Gesetze
der Kraft zu genießen] erreichte er es, daß, sobald dem Menschen
die Gesetze der Wirksamkeit jener Kraft erst geworden sind, jeder Einzelne
seines eigenen Wohles wegen zugleich zum Heil der Gesammtheit seine Kräfte
so verwenden muß, wie es zur Förderung des Wohles der Gesammtheit
am zweckmäßigsten ist." * Genußstreben als positive
Kraft: verkannt und verketzert, weil auch ein Mißbrauch möglich
ist * Genußstreben kann in andere Formen schlüpfen, ist aber
nicht überwindbar * Schöpfungsauftrag: "Mensch!
Erforsche die Gesetze meiner Schöpfung, und diesen Gesetzen gemäß
handle! *
Genuß-Gesetze
005: "1. Die Größe eines
und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit Bereitung des Genusses ununterbrochen
fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt Sättigung eintritt. 2.
Eine ähnliche Abnahme des Genusses tritt ein, wenn wir den früher
bereiteten Genuß wiederholen, und nicht bloß, daß bei
wiederholter Bereitung die ähnliche Abnahme eintritt, auch die Größe
des Genusses bei seinem Beginnen ist eine geringere, und die Dauer, während
welcher was als Genuß empfunden wird, verkürzt sich bei der
Wiederholung, es tritt früher Sättigung ein, und beides, anfängliche
Größe sowohl, wie Dauer, vermindern sich um so mehr, je rascher
Wiederholung erfolgt. Für beide Merkmale liefert das tägliche
Leben tausendfältige Tatsachen als Beweise." Beispiel Ästhetik:
Genuß bei Bildbetrachtung in der Kunst *
006: Beispiel Genuß im Denken
und beim Wahrheiten finden * Beispiel Speisen: der erste Bissen schmeckt
am besten, der zweite schon weniger usf. * Sinken des Genusses und Sättigung
durch wiederholt gleiche Speisen * Arme können seltene Braten
intensiver genießen * Entbehrung steigert die Genußattraktion
* Individuelle Unterschiede der Genußattraktionen *
007: Erste Genußbereitungen
können mehr Zeit und Kraft in Anspruch nehmen [RS: das Genießen
muß sozusagen erst gelernt werden] * Sinken des Genusses beim fortgesetzten
und wiederholten Genießen: "Die Übung des Gesichts, des Gehörs,
des Geschmacks, des Geistes steigert den Genuß an den diesen Sinnen
dienenden Gegenständen im Allgemeinen, aber das fortgesetzte und wiederholte
Genießen eines und desselben Gegenstandes ist dem ungeacht jenem
Sinken unterworfen.
So wiederholt sich denn dieses Gesetz der Abnahme
der Größe des Genusses bei allem Genießen ohne alle Ausnahme,
bei den geistigen Genüssen sowohl, wie bei den materiellen, und
gerade dadurch, daß der Schöpfer die Kraft zu genießen,
die Genußsucht, diesem Gesetze unterwarf, machte er sie fähig,
solche Resultate zu fördern, wie oben näher angedeutet wurden."
008: Geometrische Darstellung
der Genußabnahme im Verlaufe der Zeit: Figur 1 * Für die
wirkliche Darstellung wäre die Messung in den jeweiligen Zeitmomenten
nötig, bislang weder gelungen noch richtig versucht * Nach geometrischer
Raum Analogie ist
009: wirkliches Messen nicht
nötig [RS: falsch], Astronomie Analogie * Veranschaulichung
verschiedener Abnahmeformen Fig 2-5
010: Modell der stetigen Abnahme
(Dreieck) Fig. 2 * Gesetz der Abnahme [RS: das ist kein Gesetz, sondern
ein Dogma, bestenfalls eine Hypothese und äußert fragwürdig
als Axiom, weil empirisch erforschbar] * Beispiele aus der Natur (Licht,
Wärme, Naturgegenden), Gefangenenbeispiel und
011: Erleben und Erfahrung der
Gewöhnung und Adaptation *
Der erste Lehrsatz:
"1. Bei jedem einzelnen Genuß gibt es eine Art und Weise zu
genießen, die hauptsächlich von der häufigeren oder minder
häufigeren Wiederholung des Genusses abhängt, durch welche die
Summe des Genusses für den Menschen ein Größtes wird. Ist
dieses Größte erreicht, so wird die Summe sowohl durch eine
häufigere, wie durch eine minder häufige Wiederholung vermindert."
* Verkennung der Bedeutung dieses Satzes: Beispiel Ludwig der XV:
012: Genußmöglichkeit
im Überfluß senkt den Lebensgenuß im Ganzen * [RS: es
folgt ein wichtiger, wenn auch nicht so bezeichneter Hauptsatz]: "Wie nun
bei jedem einzelnen Genuß das Genießen einzurichten ist, um
dieses Größte zu erreichen, ist eine faktische Frage. Ihre Verantwortung
ist bedingt durch nähere Bestimmung des Gesetzes über die Abnahme
der Größe, und dieser wieder durch wirkliche Messen der Genüsse."
Der zweite Lehrsatz:
"2. Der Mensch, dem die Wahl zwischen mehreren Genüssen frei
steht, dessen Zeit aber nicht ausreicht, alle vollaus sich zu bereiten,
muß, wie verschieden auch die absolute Größe der einzelnen
Genüsse sein mag, um die Summe seines Genusses zum Größten
zu bringen, bevor er auch nur den größten sich vollaus bereitet,
sie alle teilweise bereiten, und zwar in einem solchen Verhältnis,
daß
die Größe eines jeden Genusses in dem Augenblick, in welchem
seine Bereitung abgebrochen wird, bei allen noch die gleiche bleibt."
[Anmerkung 2. Lehrsatz]
013: Illustration und Erläuterung
eines
mathematisch geometrisches Genußmodells für die Maximierung
des Genusses bei zwei Genüssen A und B *
[Behauptung]: "Der Mensch wird immer die ihm zum
Genießen vergönnte Zeit zunächst auf den Genuß zu
verwenden haben, der zuerst der größte ist, bis er so weit sinkt,
daß er dem nächstfolgenden gleichkommt ..." [Anmerkung
Behauptung Genußreihenfolge]
014: Es folgenen Ableitungen
und Rechenbeispiele, die unter den genannten Annahmen zu Genußmaximierungen
führen.
015:
016:
017:
020:
021:
Der dritte Lehrsatz:
022:
023:
024:
025:
026:
027:
028:
029:
Walras und Jevons. Neben Karl Menger
die eigentlichen Begründer der Grenznutzentheorie:
Léon Walras (1834-1910). Begründer und führender Vertreter
der Lausanner Schule der Grenznutzentheorie.
William Stanley Jevons (1835-1882). Anglo-amerikanischer Begründer
der Grenznutzentheorie.
Karl Menger (1840-1921). Begründer und führender Vertreter
der österreichischen Grenznutzentheorie.
_
Wissenschaftstheoretisches
Problembewußtsein in der Ökonomie: Kritisches wissenschaftstheoretisches
und methodologisches Problembewußtsein wird bei den Ökonomen
kaum praktiziert. Selten findet man in ihren Werken grundlegende Ausführungen
zu wichtigen wissenschaftstheoretischen Begriffen wie die Unterscheidung
zwischen Definition, Postulat, Axiom, Prinzip, Gesetz, Modell, Hypothese,
Evaluation, Verifizierung, Falsifizierung, Ableitung, Begründung,
Anpassungsgüte eines Modells u.ä., obwohl natürlich auch
Ökonomen ständig in ihrer Theoriebildung davon Gebrauch machen
müssen. So weiß man oft nicht genau, was sie eigentlich behaupten
oder aussagen, auf welcher wissenschaftstheoretischen oder methodologischen
Ebene sie sich gerade bewegen.
_
Erstes Postulat
und Maxime (Seite 1): Genußmaximierung über das ganze Leben:
Ein solches Postulat oder auch Lebensmaxime hat in einer empirischen Wissenschaft
nichts zu suchen, gehört zu Ethik und Lebensphilosophie. Falls Gossen
hier eine Arbeitshypothese meinen sollte, daß die Menschen versuchen,
nach dieser Maxime zu leben, so wäre dies empirisch zu zeigen. Allerdings
bezweifle ich, daß ein solcher empirischer Beleg möglich sein
dürfte, nämlich aus folgenden Gründen: 1) Der Mensch hat
kein detailliertes und zuverlässiges Genußwissen. Er weiß
z.B. häufig nicht, daß die Hingabe oder der Verzicht auf einen
möglichen Genuß, diese oder jene Folgen hat. 2) Der Mensch übersieht
sein Leben nicht und kann es auch nicht übersehen, da viele Ereignisse
und Entwicklungen nicht vorhersehbar sind. 3) Der Mensch handelt häufig
nicht genußrational, wie er vielfach gar nicht rational handelt,
was Ökonomen häufig weder begreifen können noch wollen;
ihre bisherigen mathematischen Modelle und Berechenbarkeitssehnsüchte
verlangen aber meist solche Annahmen. 4) Der Mensch kann aus vielen Gründen
der Unvorhersagbarkeit und kombinatorischen Explosion der Konstellationen
gar nicht genußrational handeln selbst wenn er es wollte. 5) Falls
er genußrational handeln könnte, wird er es vielfach aus Gründen
mangelnder Beherrschung oder anderen zusätzlichen Erfordernissen doch
oft nicht tun. 6) Der Mensch wird auch nicht nur von Genußerwägungen
geleitet: Gewohnheit, Umgebung, Erwartungen, Gelegenheiten, Zwänge
usw. spielen womöglich eine nicht zu unterschätzende Rolle. 7)
Es gibt wahrscheinlich auch nicht nur einen Weg von Genußmaximierung,
sondern viele. 8) Es ist möglich, daß Gossens System tautologisch
oder analytisch, d.h. per definitionem wahr ist, d.h. er findet heraus,
was er voraussetzt. Ungeachtet all dieser Einwände, ist Gossens Versuch,
mathemetische Modelle für Befriedigung und Sättigung zu entwickeln,
wie auch sein weitsichtiges individuell hedonistisches Konzept, das selbst
einen Asketen oder Mönch mit einschließt, gerade auch für
PsychologInnen außerordentlich interessant.
_
Genuß-Gesetze (Seite 5):
Das sind keine 'Gesetze', die empirisch zu zeigen wären, sondern Dogmen,
bestenfalls Hypothesen und äußert fragwürdig als Axiome,
weil nämlich grundsätzlich empirisch erforschbar. Die Behauptung
einer monoton fallenden Befriedigungskurve ist ganz sicher in dieser allgemein
Apodiktik falsch. Vielfach baut sich eine Befriedigung stufenweise auf,
bis sie z.B. wie beim Geschlechtsverkehr im Orgasmus kulminiert, wobei
der Abfall beim Manne schneller und steiler folgt als bei der Frau.
Anmerkung 2. Lehrsatz
(Seite 12): Der 2. Lehrsatz ist sowohl unverständlich als auch falsch.
Hier geht es um Entscheidung im Konflikt. Ob sich der Mensch in der Konfliktsituation,
welche Befriedigungen er wählt, subjektiv genußmaximierend richtig
verhält, man mehr oder minder gelingen. Allein der Entscheidungskonflikt
kostet Genuß und beeinflußt das weitere Genußpotential.
Ob bei Entscheidung und Abbruch für die einen oder anderen Befriedigungsmöglichkeiten
alle Potentiale gleich bleiben, erscheint sehr idealistisch und theoretisch.
_
Behauptung
Genußreihenfolge, Abbruchbedingung und Maximierungsprinzip (Seite
13): Diese Behauptung, daß zunächst mit der größten
Genußerwartung zu beginnen ist, um das Maximum zu erreichen, ist
überhaupt nicht nachvollziehbar. Dem widerspricht z.B. das vielfach
gelebte und psychologisch vernünftige Prinzip: Erst die Arbeit,
dann das Vergnügen, aber auch vielen anderen Genußorganisationen
des Lebens, siehe z.B. die Synchronisation
der sexuellen Lüste in der Liebe. Die Summierung der Flächen
zweier geometrischer Figuren (in Gossens Modell meist Dreicke) ist kommutativ.
Es ist völlig gleich, ob man A+B oder B+A zusammenzählt. Psychologisch
und pädagogisch ist es aber vielfach nicht sinnvoll, zunächst
mit dem größten Genuß zu beginnen. Die
Idee der Abbruchbedingung und Maximierungsprinzips erscheint auf den ersten
Blick logisch: man wendet sich dann einem neuen Genuß zu, wenn sein
Befriedigungswert größer als der des gerade erlebten erscheint.
Dies verkennt aber, daß der Mensch durchaus in der Lage ist, kurz-
oder mittelfristige Entsagungen und Entbehrungen oder auch Vorleistungen
für künftige Genußerwartungen zu leisten. Anders gesagt:
der Mensch ist nicht in jeder Sekunde des Lebens darauf aus, eigenblickliche
Genußmaximierung zu betreiben, wie Gossen ja eingang selbst beschreibt
und erkennt wie auch, daß manche Befriedigungen erst gelernt werden
werden müssen, zu schnelle, zu leichte, zu sehr sich wiederholende
die Gefahr der Langeweile mit einem sinkenden Befriedigungswert mit sich
bringen (Beispiel Ludwig XV.). Die meisten Befriedigungszyklen zeigen Leerzeiten
wie biologische Systeme sog. Refraktärzeiten - in der eine Erregung
bei erneuter Reizung nicht möglich ist - zeigen.
_
A
_