Arbeitslosen-Typologie - Ein Entwurf
aus allgemein-integrativ psychologischer
Sicht
von Rudolf Sponsel, Erlangen
Erstausgabe 17.2.2002, Letztes Update TT.MM.JJ
Einführung:
Arbeit als Gut
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Arbeit ist für viele Menschen in der arbeitsfähigen
Lebenszeit ein grundlegendes und wichtiges Gut. Der ungewollte Verlust
der Arbeit bzw. einer angemessenen Arbeit kann daher einen erheblichen
Einschnitt in das Leben, für die Lebensqualität, die Selbstverwirklichung
und das Selbstwertgefühl bedeuten, nicht selten sind auch ganze Familien
davon betroffen. Ungewollt arbeitslos: dieses Schicksal betrifft meist
nicht nur einen einzelnen, sondern realistisch ist eher der Faktor 2-3.
Angesichts der dramatischen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt
mit derzeit (02/2002) real wohl ca. 5 - 6 Millionen Arbeitslosen in Deutschland
(80 Millionen Einwohner, davon im August 2001 rund 39 Millionen erwerbstätig)
stellt die Bewältigung der Arbeitslosigkeit eine der größten
menschlichen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer
Zeit dar. Unter Berücksichtigung des Faktors 2-3 sind in Deutschland
10 - 15 Millionen Menschen von der Arbeitslosigkeit direkt oder mittelbar
betroffen.
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| Staaten und Sozialgemeinschaften, die etwas auf sich halten und ihre Verantwortung und Fürsorgepflicht ernst nehmen, müssen in allererster Linie darum bemüht sein, angemessene Rahmenbedingungen für Arbeitswillige zu schaffen, zu sichern und zu verbessern. Gelingt dies nicht - aufgrund von Umständen, die Staat und Sozialgemeinschaft nicht zu verantworten haben (Sündenbock Weltwirtschaft; Konjunktur USA), müssen Staat und Sozialgemeinschaft wenigstens einen angemessenen Ausgleich fördern. |
Dimensionen
und Kriterien für Erwerbs-Arbeitslosigkeit
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| Arbeitslos ist nicht gleich arbeitslos. Daher
kann es keine eindimensionale Lösung des Problems geben. Es ist deshalb
auch nicht nur sinnvoll sondern sogar notwendig, die verschiedenen Varianten
und Formen der Arbeitslosigkeit zu untersuchen, weil jede Variante und
Form womöglich eine eigene und unterschiedliche Lösung verlangt.
Wie geht nun eine solche Einteilung? Welche Kriterien sind praktisch sinnvoll? Ich denke, es ist nützlich, um keinen voreiligen Beschränkungen und Vorurteilen zu erliegen, Thema und Untersuchung sehr weit und umfassend anzugehen. |
Dimension
Arbeit als (Geld) Erwerbsquelle gegenüber Beschäftigung
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| Dimension Erwerb. Arbeit kann gesucht werden, um einen (Geld) Erwerb zur Finanzierung der Bedürfnisse und Ansprüche zu haben (zu erhalten, zu behalten). Arbeit kann z.B. auch gesucht werden, um das Leben und die Zeit mit sinnvoll empfundener Betätigung zu füllen. Es gibt viele Motive, Wünsche und Bedürfnisse, die durch Arbeit (teil) befriedigt werden können (aber nicht unbedingt müssen). Daß der Mensch nur ein Recht auf Lohn hat, wenn er arbeitet, ist freie Vereinbarung einer Sozialgemeinschaft und muß natürlich nicht so sein. Die Kinderziehenden, -betreuenden und -versorgenden - meist Mütter - arbeiten ja auch, mitunter sehr schwer, und erhalten kurioserweise in diesem Land - in dem der menschliche Wert sehr über das Geld, das einer verdient, bewertet wird - und das angeblich die Gleichberechtigung vertritt, keinen Lohn. Und familiäre Pflegeleistungen sind ja auch erst in den letzten Jahren als zu bezahlende Arbeit anerkannt worden. Wer Schnee schippt oder seine Straße fegt, arbeitet, aber er bekommt kein Geld dafür. Wer zwei Stunden unterwegs ist, um zu seiner Arbeit zu gelangen, verrichtet Wege- oder Reisearbeit. Sie wird meist so wenig bezahlt wie die Regeneration, die auch ja auch im Dienste der Arbeits- und Leistungsfähigkeit steht. Wer einkauft oder die Fenster putzt, arbeitet. Auch das in die Schule gehen und lernen kann als Arbeit des Kindes oder des Jugendlichen angesehen werden. Haushaltsführung und Kinderversorgung ist Arbeit. Wir sehen also: Es gibt einige Formen von Arbeit, die keinen bzw. keinen angemessenen Anspruch auf Lohn mit sich führen. |
Dimension
Alter: natürlich arbeitslos infolge Alter (Kind, Rentner, Greis)
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| Dimension Alter. Natürliche Arbeitslose sind Kinder, SchülerInnen, Jugendliche und StudentInnen auf der einen Seite; RentnerInnen, Alte und Greise auf der anderen Seite, also Menschen, die altersbedingt am Arbeitsleben noch nicht oder nicht mehr teilnehmen dürfen, nicht mehr teilnehmen müssen, können oder wollen. |
Dimension
Schonung durch die Sozial-Kultur: arbeitslos infolge Krankheit, Behinderung,
Schwäche (Pflegefall).
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| Dimension Schonung. Unabhängig davon, ob jemand gelderwerbs- arbeiten möchte oder nicht, ist dies vielleicht nicht, nur teilweise, eingeschränkt oder gar nicht möglich, weil Krankheit, Behinderung oder natürliche Schwäche dem entgegenstehen. In den modernen westlichen Industriekulturen ("Soziale Marktwirtschaft") wurde das ethisch- moralische Gebot entwickelt, daß Menschen, die krank, behindert oder schwach sind, nicht gelderwerbs- arbeiten müssen. Ein Versicherungssystem soll die so Betroffenen schützen und für Ausgleich sorgen. Die Rentenversicherung nimmt aber in ihrer Leistung immer mehr ab, so daß die Jungen im Generationenvertrag betrogen werden, weil dieser Staat, seine Macht- und Führungs- "Elite" von hemmungslosen SelbstbedienerInnen, Ego-Amigos und Inkompetenten durchdrungen ist, die allesamt nur eines wirklich gut können: sich selbst gut bedienen und Geld ausgeben, das sie nicht haben und das sie nicht zurückzahlen müssen. Und die privaten Versicherungen sind zwar im Kapitalisierungsangebot viel rentabler als der Staat, gewöhnlich aber nicht im Versicherungsfall; auch ein Unrecht, das zum Himmel schreit, doch unsere Ober- und Bundesgerichte leiden diesbezüglich wohl an einem politischen Hörsturz. Wer in diesem Lande, Ansprüche an eine Versicherung geltend macht, hat beste Chancen im Armenhaus, Gefängnis oder in der Psychiatrie zu landen, weil ihn das Unrecht verrückt gemacht hat. |
Dimension
Arbeit als Ausgleich für das Gemeinwohl
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| Dimension Gemeinwohl. Kommt die Sozialgemeinschaft für die Lebenshaltung eines Mitglieds auf, kann diese einen Ausgleich fordern. Obwohl diese allgemeine Idee des Zusammenhangs von wechselseitiger Solidarität und Gemeinwohlpflicht sehr vernünftig erscheint, dürfte dies aber im Widerspruch zum Grundgesetz zu stehen, das freie Berufswahl garantiert. Wie ich unsere JuristInnen kenne, werden die aber nicht das geringste Problem damit haben, diesen idealistischen, unrealistischen und damit verlogenen Artikel so interpretativ zu verdrehen, daß er im Einklang mit jeder Lösung sein wird, die diese Gesellschaft für richtig befindet. Gut, daß es das "Recht" gibt. "Recht" und Justiz sind in den sog. "Rechtsstaaten" die Machtinstrumente, jede Wirklichkeit so lange zu verdrehen, zu verbiegen, umzudeuten bis sie zur Realität und den gewünschten Ergebnissen passt. Dieses Rechtsverständnis ist natürlich grundfaul, erklärt aber gut, weshalb die JuristInnen so gut wie immer davon kommen, egal, was sie auch angestellt oder mitverbrochen haben mögen (siehe 3. Reich, DDR). |
Dimension
gewollt arbeitslos mangels Motivation und Lust
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| Dimension Motivation. Arbeitslosigkeit kann ungewollt oder gewollt sein. Viele Arbeitslose suchen eine Arbeit, aber nicht unter jeder Bedingung. Ein geringer Teil der Arbeitslosen sucht aus unterschiedlichen Gründen und Motiven - vorläufig - keine Arbeit (mehr). Die einfachste, aber auch grundsätzliche Variante ist keine Lust, 0-Bock, wie es im neuen Jugenddeutsch auf den Punkt gebracht wird. [Zur Arbeitsmotivation hier] |
Dimension
gewollt arbeitslos weil enttäuscht, demoralisiert, entnervt (ede-Syndrom)
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| Dimension Demoralisierung (ede-Syndrom). Hier war ein Mensch einmal motiviert und bestrebt eine Arbeit zu finden, aber die vielen Absagen, Zurückweisungen und Enttäuschungen haben ihn enttäuscht, demoralisiert und entnervt. Ärger, Frust, Scham, Wut, Traurigkeit münden allmählich in Leere und Apathie. |
Dimension
gewollt arbeitslos weil das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmt
und es andere bessere Möglichkeiten gibt
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| Dimension bessere Möglichkeiten. Der Sozialstaat bietet einen gewissen Schutz und Unterstützung, so daß sich Erwerbsarbeitslose verständlicherweise fragen, ob sich für sie Erwerbsarbeit lohnt und rechnet. Hier eine kleine Zuwendung, da ein Job, dort eine kleine steuerfreie Zusatzmöglichkeit bis hin zur systematischen und gut ausgebauten Schwarzarbeit oder andere Einnahmequellen sind nicht selten attraktive Alternativen. Es ist daher auch sehr fraglich, ob die an sich vernünftig klingende Idee, daß sich arbeiten rechnen und lohnen muß gegenüber den Zuwendungen sozialer Unterstützung, in der Wirklichkeit durchsetzen läßt oder nicht noch mehr Schwarzarbeit und alternative Gelderwerbsformen fördert. |
Dimension
Wirtschaft: Angebot und Nachfrage der Wirtschaft
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| Sog. freie Marktwirtschaften folgen den Wirtschaftsgesetzen. Diese sind von der Politik, auch wenn das besonders die Linken und Alternativen nicht gern hören, nur schwer zu beeinflussen. Jedenfalls bislang. Ich meine zwar, daß stabile Wirtschaften konstruierbar sein müßten, aber dies ist bislang eine bloße Meinung und bis das so weit ist, könnten Jahrhunderte vergehen, falls die Erde bis dahin noch Leben zuläßt und der Mensch sich nicht selbst vernichtet hat. Betrachtet man die Wirtschaft unabhängig von ihrer gesamtgesellschaftlichen Einbettung, so zielt sie aus der Perspektive der reinen Lehre gewöhnlich auf Gewinn- Maximierung ab: sie investiert ihr Geld und ihre Innovation dorthin, wo sie sich den meisten Gewinn verspricht. Hier müssen allerdings auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen mitspielen. Diese kann man mehr oder weniger gemeinwohl- oder unternehmensgewinn- orientiert gestalten. Wie sich inzwischen gezeigt hat, hat sich die rot-grüne Körperschaftsteuerreform zu einer Finanzkatastrophe für die Gemeinden entwickelt, was eindrucksvoll zeigt, daß die verfassungsrechtliche Bindung an das Gemeinwohl von globalen Industrieunternehmen hemmungslos egoistisch und geradezu antisozial unterlaufen wird. Obwohl Eigentum und Kapital nach unseren Verfassungen, besonders der Bayerischen, dem Gemeinwohl verpflichtet sein müssen, hat sich an diesem hemmungslos ignoranten Mißbrauch bislang kein Verfassungsgerichtshof gestört - auch kein bayerischer. Ob und wie viel die Wirtschaft also investiert und durch unternehmerische Innovation Arbeitsnachfrage schafft, hängt auch von ihrem freien Willen und ihrer gemeinwohl- akzeptierten Gesamtverantwortung ab. Es gibt viele Möglichkeiten, mehr Arbeitsplätze zu fördern. Ganz wichtig wird sein, daß zunehmend mehr Vorschläge Beachtung finden, die den Erfolg von Maßnahmen zum Haupt- Kriterium erheben. Hierbei könnte sich als wichtigste Qualitätssicherungsmaßnahme erweisen, die Jagodas und Engelen-Kefers schleunigst zu ersetzen und das Prinzip persönliche Verantwortung in der Politik rechtlich und effektiv besser zu verankern. Es muß Schluß sein damit, daß in diesem Lande belohnt wird, wer als Politiker, Staatsdiener oder Unternehmer Mist macht. Wenn Staat und Gesellschaft nicht mehr Arbeit zur Verfügung stellen können, stellt sich die Frage sozialer Gerechtigkeit, wie die Menschen, die ungewollt keine Arbeit finden, hierfür entschädigt werden können. Hier sind auch neue Geldquellen zu erschließen. Führt man sich vor Augen, daß Abgeordnete und PolitikerInnen bis zu 30.000 Euro pro Monat erhalten, weil sie ein paar Jahre für den Staat gearbeitet haben, so liegt hier ein gewaltiges finanzielles Potential, das dringend nach gemeinwohlförderlicher Umverteilung verlangt (siehe besonders die Vorschläge des Verfassungsrechtlers von Arnim). |
Dimension
Fähigkeit und Qualifikation
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| Hier hängt die Möglichkeit, eine Arbeit angeboten zu bekommen, von der Fähigkeit und Qualifikation ab. Die Wirtschaft behauptet immer wieder, daß sie dringend Arbeitskräfte benötige, hierzulande aber keine Arbeitskräfte finde. Ungeachtet dessen, ob diese These wahr und nicht nur ein Ablenkmanöver und Irritierung durch die Unternehmerverbände ist, heißt Arbeiten im Prinzip ja nichts anderes, als Fähigkeiten in Form von Tätigkeiten zu verkaufen. Damit ist klar, daß es einen Markt geben muß, der bestimmte Fähigkeiten und Tätigkeiten verlangt und nachfragt. Damit ist klar, daß nur eine Chance hat, wer über diese Fähigkeiten und Qualifikationen verfügt und sie richtig anzubieten weiß. Hier darf aber nicht vergessen werden, daß es auch Überqualifikationen gibt. Ich kenne Menschen, die man geradezu als hochbegabt, umfassend aus/gebildet und sehr erfahren bezeichnen kann, die auch keine Arbeit finden, weil sie für ihre hohe Qualifikation nicht angeboten wird. |
Dimension sonstige
Rest und Auffangkategorie für oben nicht berücksichtigte
und vorgesehene (Sonder) Fälle.
Kombinatorik der Dimensionen: Typologie
Bei gewollter oder ungewollter Arbeitslosigkeit können
natürlich verschiedene Faktoren zusammen wirken, wenn auch nicht immer
alle. Dadurch ergeben sich ziemlich viele Möglichkeiten an Typen.
Nimmt man an, daß Kombinationen (ohne Wiederholung) bis zu 5 aus
10 möglich sind, so ergeben sich (10 über 5) + (10 über
4) + .... (10 über 1) = 252 + 210 +120 + 45 + 10 = 637 unterschiedliche
Typen. Selbst, wenn hier nicht alle eine einzigartige und individuelle
Betrachtung und Behandlung erfordern, so sieht man doch, daß das
Arbeitslosenproblem nicht so einfach betrachtet und behandelt werden kann.
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| 01) Gewollt: Ja,
Nein, Bedingt
02) Altersgemäß: Ja, Nein, Bedingt 03) Krank, Behindert, Schwach: Ja, Nein, Bedingt 04) Gemeinwohlpflicht: Ja, Nein, Bedingt 05) Motivation: Ja, Nein, Bedingt 06) ede-Syndrom: Ja, Nein, Bedingt 07) Preis-Leistung paßt: Ja, Nein, Bedingt 08) Angebote u. Nachfrage: Ja, Nein, Bedingt 09) Qualifikation: Ja, Nein, Bedingt 10) Sonstiges: Ja, Nein, Bedingt |
LiLi:
Literatur und Links (Auswahl)
Zum Thema Wirtschaften,
Finanzen, Schulden sihee bitte auch FiLiLi
Zum Problem der Arbeitslosigkeit
Berufe,
Berufswahl, Berufsberatung, berufliche Eignungsdiagnostik
Bemerkung: Obwohl die Arbeitsämter wenig Arbeitsvermittlungserfolge
aufweisen, habe ich persönlich auch von guten Erfahrungen gehört,
was die Dienstleistung der Berufsberatung und berufliche Eignungsdiagnostik
der Arbeitsämter betrifft. Es kann also sehr nützlich und hilfreich
sein, sich bei den Arbeitsämtern testen und beraten zu lassen.
Umfangreiche Hilfeseite für Arbeitslose. Arbeitslosenorganisationen.
Arbeitslosenorganisationen auf Bundesebene
http://www.erwerbslose.de/ini.htm
endkorrigiert: irs 17.02.02