Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie
    IP-GIPT DAS=23.01.2003 Internet-Erstausgabe, letzte Änderung TT.MM.JJ
    Impressum: Diplom-PsychologInnen Irmgard Rathsmann-Sponsel und Dr. phil. Rudolf Sponsel
    Stubenlohstr. 20     D-91052 Erlangen * Mail: sekretariat@sgipt.org

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    Willkommen in der Abteilung Diagnostik und Differentialdiagnostik in der Allgemeine und Integrativen Therapie, Bereich "Leitlinien", hier zum Thema:

    Persönlichkeitsstörungen schon bei Kindern und Jugendlichen?

    Kritische Fragen an die Leitlinien in der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie und Anregung zur Diskussion

    von Rudolf Sponsel, Erlangen

    Mit Erstaunen und einem gewissen Entsetzen lese ich in den Leitlinien zur Persönlichkeitsstörung bei KiJugs folgenden unverständlichen, weil im Kontext widerspruchsvollen Text:
     

      "Persönlichkeitsstörungen beginnen in der Kindheit und Jugend, nehmen  eine lebenslange Entwicklung und manifestieren sich in typischer Form auf Dauer im frühen Erwachsenenalter. Aufgrund des Entwicklungsaspektes einer psychischen Störung im Kindes- und Jugendalter darf in der ICD-10 die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung vor Abschluß der Pubertät, d.h. vor dem 16. – 17.  Lebensjahr nur dann gestellt werden, wenn die geforderte Mindestzahl der Kriterien für die jeweilige Störung erfüllt ist und die Verhaltensmuster bereits in diesem Alter andauernd, durchgehend und situationsübergreifend auftreten. Die Stabilität der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung im Jugendalter ist deutlich geringer als im Erwachsenenalter." [Quelle]


    Ich möchte gegen diese Version Grundsätzliches einwenden:

    I.
     

    Es ist grundsätzlich falsch, weil logisch widerspruchsvoll, Kindern oder Jugendlichen oder auch sogar Heranwachsenden die Diagnose Persönlichkeitsstörung zuzuordnen, da eine solche Diagnose nach ICD und DSM überhaupt erst ab dem heranwachsenden Alter auftreten kann, weil sich da die Persönlichkeit ja erst bildet und auch erst bilden kann.

    II.

     
    Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung verlangt im ICD und DSM -  im Gegensatz zu Neurosen, Psychosen Anpassungs- und Belastungs- oder auch rückbildungsfähigen organisch bedingten Störungen - eine zeitliche Konstanz, quasi einen symptomatischen "roten Faden", der sich durch das Leben zieht. Dies muß bei Persönlichkeitsstörungen sozusagen retrospektiv (rückblickend) aufgezeigt werden können. Eine solcher Rückblick ist aber faktisch und per definitionem erst im Erwachsenenalter möglich (kaum vor 24). 

    III.
     

    Eine Stabilität ist entweder da oder nicht da. Es gibt keine mehr oder minder Stabilität, bei KiJugs etwa "deutlich geringere Stabilität" - erst recht nicht, wenn noch nicht einmal klare Operationalisierungen für dieses gummi-nebulöse Mehr oder Weniger angegeben werden. 
     
    Damit (I, II, III) ergibt sich summa summarum der zwingende Schluß, daß es nach den ICD und DSM-Kriterien unmöglich ist, für Jugendliche oder gar Kinder die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung zu stellen.

    Es entsteht der Eindruck, als ob hier zwanghaft versucht würde, alle Syndromem, Störungen und Krankheiten, die ICD und DSM für Erwachsene ausweisen, auch bei KiJugs zu etablieren, und zwar ohne umfangreiche epidemiologische_Evaluation - jedenfalls nicht ausgewiesene. Durch welche unanbhängigen, mehrfachen und empirischen Längsschnitt- Untersuchungen wurde belegt, daß bei Kindern und Jugendlichen schon eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden darf?
     
    Ich frage mich, was die Verantwortlichen für die diagnostischen Leitlinien dazu bringt, solche  fragwürdigen und gefährlichen Leitlinien so schnell in die Öffentlichkeit zu bringen? Umsomehr, wenn man sich vergegenwärtigt, welche fatalen Folgen das Labeln einer schon Kindern zugewiesenen "Persönlichkeitsstörung" haben, also auch ethisch bedenklich sein kann.
    Was für fragwürdige Auswirkungen solche Leitlinien haben, läßt sich aktuell z.B. nachlesen bei:
     

      Böhm, Hartmut; Meuren, Rita & Storm-Wahlich, Magdalena (2002). Die Borderlinestörung als Quelle (nicht)-intentionaler Falschaussagen. Praxis der Rechtspsychologie, 12, 2, Dezember, Themenschwerpunkt Straf- und Maßregelvollzug/ Prognosebegutachtung, 209-223. Dort beruft (Seite 212) man sich auf diese Leitlinien, wonach dann schon kindliche Zeugen eine Borderlinediagnose und damit als unzuverlässig gelabelt werden können.
     



    Quelle: Leitlinien für Diagnostik und Therapie Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
    Link Persönlichkeitsstörungen: http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/kjpp-033.htm
    "Persönlichkeitsstörungen beginnen in der Kindheit und Jugend, nehmen eine lebenslange Entwicklung und manifestieren sich in typischer Form auf Dauer im frühen Erwachsenenalter. Aufgrund des Entwicklungsaspektes einer psychischen Störung im Kindes- und Jugendalter darf in der ICD-10 die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung vor Abschluß der Pubertät, d.h. vor dem 16. – 17. Lebensjahr nur dann gestellt werden, wenn die geforderte Mindestzahl der Kriterien für die jeweilige Störung erfüllt ist und die Verhaltensmuster bereits in diesem Alter andauernd, durchgehend und situationsübergreifend auftreten. Die Stabilität der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung im Jugendalter ist  deutlich geringer als im Erwachsenenalter. Die Zustandsbilder der Persönlichkeitsstörungen dürfen nicht auf andere psychiatrische Störungen zurückzuführen sein und nicht als Folge einer organischen Schädigung oder Erkrankung auftreten. Sie sind gekennzeichnet durch:
    • Beeinträchtigungen mehrerer Bereiche wie Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmung und
    • Denken sowie der sozialen Interaktion
    • Lange zeitliche Dauer der Verhaltensstörung
    • Tiefgreifende Verwurzelung der Verhaltensweisen und situationsübergreifendes Auftreten
    • Einschränkung der sozialen, schulischen und beruflichen Leistungsfähigkeit
    • Persönliches Leid des Betroffenen, das aber in vielen Fällen erst im Erwachsenenalter auftritt; im Jugendalter ist eine ego-synthone Symptomatik nicht selten."




    R. Sponsel: Seit 1977 Praxis mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen; Verzicht auf KV Anerkennung 2001.


    Querverweise
    • Probleme der Differentialdiagnose und Komorbidität
    • Kritik und Alternative zur Traditionellen Diagnostik in der Psychopathologie
    • Testtheorie der Allgemeinen und Integrativen Psychotherapie
    • Krankheit, Symptom, Syndrom, Aufgabe der Heilkunde
    • Bio-Psycho-Soziales Krankheitsmodell
    • Norm, Wert, Abweichung (Deviation)
    • Kausalitätsproblem
    • Der Wissenschaftsbegriff und seine aktuelle Bedeutung
    • Über den Aufbau einer präzisen Wissenschaftssprache in Psychologie, Psychopathologie, .... und Psychotherapie
    • Überblick der Signaturen: Dokumentations- und Evaluationssystem Allgemeine und Integrative Psychotherapie



    Zitierung
    Sponsel, Rudolf (DAS). Persönlichkeitsstörungen schon bei Kindern und Jugendlichen? Kritische Fragen an die Leitlinien in der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie und Anregung zur Diskussion. IP-GIPT. Erlangen: http://www.sgipt.org/diagnos/leitl/ps_kijug.htm
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