Nicht und nicht nicht ...
Sprachkritische und logische Studie zu Negation,
Verneinung,
doppelter Verneinung und zum Prinzip Tertium
non datur
von Rudolf Sponsel, Erlangen
Aus
dem Wörterbuch der Logik [Bib]
"Begriffe, kontradiktorische [contradictoriae
lat.]: unvereinbare Begriffe, die einander ausschließen, zwischen
denen es keinen mittleren, dritten Zwischenbegriff gibt.
Die Begriffe weiß und nicht weiß
negieren
einander z. B. völlig. Man kann sie nicht gleichzeitig in ein und
derselben Beziehung auf ein und denselben Gegenstand anwenden, auch die
konträren
Begriffe weiß und schwarz kann man nicht auf ein und denselben
Gegenstand gleichzeitig und in ein und derselben Beziehung anwenden (>
Begriffe, konträre). Aber von konträren Begriffen unterscheiden
sich k. B. dadurch, daß zwischen konträren Begriffen ein Mittelbegriff,
ein dritter, möglich ist, während es zwischen k. B. keinen Mittelbegriff,
keinen dritten, gibt. Welche Farbe wir auch in der Tat wählen z. B.
Blau oder Gelb, keine kann zum Mittelbegriff werden, weil sie in den Umfang
des Begriffes
nichtweiß
eingeht (Abb.).
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Mit k. B. hat man es in jeder Wissenschaft zu tun: in der Mathematik z. B. sind solche Begriffspaare: gleich - nicht gleich, kommensurabel - nicht kommensurabel, spitz - nicht spitz, gerade - nicht gerade, entsprechende Paare in der Chemie sind z. B. organisch - anorganisch, wäßrige Lösung - nicht wäßrige Lösung, gesättigte Lösung - ungesättigte Lösung.
Begriffe, konträre [contrariae
lat.]: unvereinbare Begriffe, zwischen denen ein Drittes, ein Mittleres
möglich ist, und die sich nicht nur gegenseitig negieren, sondern
auch etwa Positives für das im diskordanten [uneinigen] Begriff verneinte
enthalten, z. B. die Paare tapfer - feige, schwer - leicht, warm - kalt.
Jeder Begriff des Paares weiß - schwarz
geht in den Umfang des subordinierenden [= unterordnenden; RS] Begriffs
Farbe
ein, füllt ihn aber nicht voll aus (Abb.).
Operationen mit k. B. werden in Übereinstimmung
mit den Forderungen des Satzes vom Widerspruch vorgenommen, aus dem sich
folgende Regeln ableiten lassen:
I. Nicht beide k. B. können, über
ein und dieselbe Klasse von Gegenständen genommen, in ein und derselben
Zeit und in ein und derselben Beziehung
gleichzeitig wahr sein.
Wurde z. B. festgestellt, daß das eine Metall leicht ist,
muß der k. B. schwer in bezug auf dieses Metall falsch sein.
II. Beide k. B. können sich, über
ein und dieselbe Klasse von Gegenständen genommen, zu ein und derselben
Zeit und in ein und derselben Beziehung als falsch erweisen. Dies
erklärt sich daraus, daß zwischen k. B. ein Drittes, Mittleres
möglich ist. Die Begriffe heller Stern und schwacher
Stern sind z. B. k. B. Daraus folgt, daß zwischen ihnen ein Drittes
möglich ist, z. B. die Sonne, die die Astronomen als einen der Leuchtkraft
nach mittleren Stern klassifizieren, der nicht sehr hell, aber auch nicht
sehr schwach ist.
III. Aus der Wahrheit einer Aussage für
den einen von zwei k. B. folgt mit Notwendigkeit die Falschheit
der entsprechenden Aussage für den anderen. Wenn wahr ist,
daß durch eine Leitung Schwachstrom fließt, dann muß
die konträre Behauptung, daß durch sie Starkstrom fließt,
falsch sein.
IV. Aus der Falschheit einer Aussage über
den einen von zwei k. B. folgt logisch
weder die Wahrheit noch die
Falschheit der entsprechenden Aussage für den anderen.
Ist z. B. die Behauptung »dieses Dreieck ist spitzwinklig«
falsch, so kann man über die konträre Behauptung »dieses
Dreieck ist stumpfwinklig« nichts Bestimmtes sagen, weil es zwei
Möglichkeiten gibt: das Dreieck kann stumpfwinklig sein, es kann aber
auch rechtwinklig sein. Die angeführten Regeln gelten für beliebige
k. B., unabhängig von ihrem konkreten Inhalt. Aus der Physik genommene
k. B., z. B.
kalt - warm, weiß - schwarz, aus der Mathematik
gewählte wie groß - klein, gekrümmt - gerade oder
aus jedem beliebigen Wissensbereich herangezogene k. B. sind in gleichem
Maße dem Satz vom Widerspruch untergeordnet." (Spalten 80f).
Die Negation im Historischen Wörterbuch der Philosophie
Quelle: "Negation" von A. Menne
in Ritter
(1984), Bd. 6, S. 666-670 aus logischer Sicht.
Die Negation bei dem Logiker Sinowjew [Zinoviev]
Sinowjew sieht in seinem 1975 in Deutschland veröffentlichten Buch "Logische Sprachregeln" (1975, S. 239f) ausdrücklich eine besondere Negation für Unentscheidbares, Drittes, Mittleres vor, er nennt sie im Unterschied zur üblichen "inneren" die "äußere Negation" und entwickelt hieraus einen Unbestimmtheitsoperator " ? ". .
"§2
Zwei Formen der Negation
Wir betrachten diese beiden Formen der Negation etwas ausführlicher.
Die vor der Aussage insgesamt stehende Negation
nennen wir äußere Negation und die vor dem Operator des
Prädizierens stehende innere Negation.
Betrachten wir die Aussage „Der Körper A befindet sich in dem Raumbereich B." Die innere Negation dieser Aussage hat folgende Form: „Der Körper A findet sich nicht in dem Raumbereich B." Für die Wiedergabe der äußeren Negation gibt es keine solchen eindeutigen sprachlichen Ausdrucksmittel, und deshalb verwendet man hierzu gewöhnlich semantische Termini. Beispielsweise formuliert man die äußere Negation unserer Aussage so: „Es ist nicht wahr, daß sich der Körper A im Raumbereich B befindet." Doch hier ist die Wendung „nicht wahr" faktisch kein semantischer Terminus. Sie ist nur ein sprachlicher Ausdruck der äußeren Negation, und die Verwendung semantischer Termini läßt sich vermeiden. Stellen wir uns eine Situation vor, in der N1 unsere Aussage behauptet und in der N2 antwortet: „Nein", „Es ist nicht so" usw. Die äußere Negation läßt sich also auch so ausdrücken: „Es ist nicht so, daß sich der Körper A im Raumbereich B befindet", „Man kann nicht behaupten, daß sich der Körper A im Raumbereich B befindet". Läßt man die Sprachgewohnheiten außer acht, so läßt sich die rein logische Funktion der äußeren Negation einfach so angeben: „Nicht — (Der Körper A befindet sich im Raumbereich B)".
Wichtiger als die Formulierungsfragen ist hier aber, daß die beiden Form der Negation nicht immer identisch sind. Wenn wir die Aussage „Die Zahl 5 ohne Rest durch 2 teilbar" betrachten, so fallen bei ihr äußere und innere Negation zusammen. Doch nehmen wir die oben angeführte Aussage „Der Körper A befindet sich im Raumbereich B". Hier ist die Situation anders, denn es sind drei verschiedene Fälle möglich: 1) der Körper A läßt sich wirklich im Raumbereich B aufweisen (alle Punkte des Körpers A befinden sich in B); 2) im Bereich B läßt sich kein Punkt, des Körpers A aufweisen (d. h. A fehlt offenbar in B); 3) der Körper A geht aus dem Bereich B in einen anderen Bereich über, und es ist dabei nicht möglich festzustellen, ob sich A in B befindet oder nicht.
Hier wird der zweite Fall mit Hilfe der inneren Negation
der ursprünglichen Aussage beschrieben, während die äußere
Negation der ursprünglichen Aussage sowohl den zweiten als auch den
dritten Fall bedeuten kann.
Um im weiteren Verwechslungen zu vermeiden, verwenden
wir für die äußere Negation das Symbol ~ und für die
innere Negation das Symbol ¬ ."
Man prüfe z.B. mit Hilfe des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten
(TND) folgende Aussagen:
(1.1) Behauptung: Die vorletzte natürliche Zahl ist gerade.
(1.2) Verneinung: Die vorletzte natürliche Zahl ist nicht
gerade.
(2.1) Behauptung: Der Bruch a/b ist gerade - für a,b natürliche
Zahlen.
(2.2) Verneinung: Der Bruch a/b ist ungerade - für a,b natürliche
Zahlen.
(3.1) Behauptung: Der letzte Kaiser der DDR rauchte Zigarren.
(3.2) Verneinung: Der letzte Kaiser der DDR war Nichtraucher.
(4.1) Behauptung: Sie weiß nicht mehr, was sich damals ereignete.
(4.2) Verneinung: Es ist falsch, daß sie nicht mehr weiß,
was sich damals ereignete.
Auszug aus dem Wörterbuch
der Logik (S. 421):
Anmerkung: der letzte Absatz zeigt den ideologischen
Hintergrund der "dialektischen Logik". Offen-
bar wird hier "Widerspruch" nicht im logischen, sondern
gesellschaftspolitischen Sinne verwendet.
Brainstorming zum Aufbau einer Logik der Negation
Aussageraum.
Unter Aussageraum seien alle Aussagen verstanden, die den Aussageraum
vollständig ausfüllen. Hierzu können mehrere Teilräume
unterschieden werden. Der Merkmalsraum für Geradzahligkeit wird z.B.
vollständig ausgefüllt von den beiden miteinander unverträglichen
Merkmalen M = [gerade, ungerade]. Weiter kann man einen Bedingungsraum
B = [anwendbar; derzeit (situativ) nicht anwendbar; grundsätzlich
nicht anwendbar] vorsehen. Von besonderer Bedeutung ist der Gegenstandsraum
G = [G1, G2, ..., Gi, ... Gn],
also welche Gegenstände auf die Merkmale hin untersucht werden sollen.
Und es gibt den im Ergebnis natürlich besonders interessierenden Werteraum
W = [unentscheidbar, wahr, falsch, beides, weder noch, ...].
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korrigiert: irs 27.12.05