Leben und Arbeit von Psychologen unter den Militärdiktaturen Südamerikas
Ein Buchhinweis mit Leseproben von Rudolf Sponsel, Erlangen
Bewertung * Herausgegeber
* Geleitwort * Inhaltsverzeichnis
* AutorInneninfo * Leseprobe:
Das "Verschwindenlassen" von Regimegegnern * Querverweise
* Geheimdienste * Missionierung
* Allgemeine Menschenrechte
| Ein wichtiges, notwendiges und gutes Buch, das uns alle darauf aufmerksam macht, daß auch die PsychologInnen und PsychotherapeutInnen in grundlegenden Fragen der Menschenrechte nicht abstinent sein können und dürfen. Erstaunlich, daß der Verlag des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) mit dieser Veröffentlichung auch implzit Stellung bezieht und Partei ergreift für Humanität und Menschenrecht, Zivilcourage und Engagement. |
"Geleitwort
Während die Beteiligung von Ärztinnen und Ärzten
an Menschenrechtsverletzungen in totalitären Regimen hinreichend bekannt
und wissenschaftlich dokumentiert ist, gibt es über die Rolle von
Psychologinnen und Psychologen bislang keine systematischen Untersuchungen.
Unbestreitbar ist jedoch, dass psychologisches Wissen missbraucht werden
kam und auch missbraucht wird - sei es bei der Unterdrückung umd Emschüchterung
von Oppositionellen, bei der Ausbildung von Polizei oder Militärs,
bei der Verwaltung von Gefängnissen, der "Geldwäsche" und der
politischen Propaganda oder gar bei der Entwicklung besonders subtiler
Praktiken in den Folterkellern dieser Welt.
Deutlich ist auch, dass psychologische Techniken längst systematisch eingesetzt werden, weshalb Watsons Begriff der "guerra psicologica", der psychologischen Kriegsführung, Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat. Dabei stößt die "Psychokratie" sogar in Bereiche vor, die der unmittelbaren körperlichen Gewalt versperrt sind: "Die Gewalt in ihrer Reinform liegt in der Entfremdung des Denkens unter das Wollen und die Macht des Ausübenden. Jede psychische Gewalt zielt auf dasselbe Ziel: das Denken des anderen zu unterwerfen, gleichzeitig aber die Bewußtmachung dieser Situation zu verunmöglichen" (Aulagnier, 1997). Erst unter Beteiligung von Psychotechniken vervollständigt sich Gewaltherrschaft zur totalen Herrschaft.
Weil psychologisches Wissen in Konfliktsituationen an Bedeutung gewinnt, müssen auch ihre Träger, die Psychologinnen und Psychologen, ihre gesellschaMiche Funktion ihrer Berufsgruppe beleuchten. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) und das ai-Aktionsnetz der Heilberufe haben deshalb eine Untersuchung über die Rolle von Psychologen in totalitären Staaten veranlasst. Unsere eigenen ersten Recherchen haben gezeigt, dass bislang keine systematischen Erkenntnisse zu diesem Themenkreis vorliegen. Weder die Mitarbeiter des Medical Board des Internationalen Sekretariats von ai in London, noch die rund 200 Organisationen oder Einzelpersonen aus dem Bereich der Menschenrechtsarbeit, die wir angeschrieben haben, kommten uns mehr als nur vereinzelte Hinweise aus lateinamerikanischen Ländern, der Türkei oder aus Südafrika liefern. Unser Versuch, eine erste Bestandsaufnahme zu erstellen, zeigte mit aller Deuflichkeit, wie wenig über die Funktionalisierung der Psychologie in repressiven Strukturen bekannt ist.
Deshalb sind wir sehr froh, den chilenischen Medizinanthropologen Horacio Riquelme gewonnen zu haben, der 1998 eigene aufwändige Recherchen im Umfeld von Psychologen und Psychonnalytikern in Argentinien, Chile und Uruguay umternommen hat.
Die Texte in diesem Buch zeigen, dass sich Polizei, Militär und Wirtschaft nicht nur psychologischer Methoden bedienen, sondern dass die Psychologie selbst in ihrer Kooperationsbereitschaft zu einem aktiven Element der Kriegsführung und Repression wird.
Hier ergeben sich auch Schnittstellen zur deutschen Vergangenheit des Nationalsozialismus. Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen aus Lateinamerika können uns helfen, die dunklen Flecken der eigenen Geschichte von Gewalt und Völkermord zu erhellen und einen kritischen Blick auf das berufliche Handeln, das niemals aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang gelöst werden karal, zu werfen.
In seinem Buch über die Vernichtung der europäischen
Juden schrieb Raul Hilberg:
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Horacio Riquelme
Organisierte Gewaltanwendung und psychosoziale Gesundheit
in Lateinamerika 7
Teil 1: Annäherungen an das psychosoziale Klima der Militärdiktaturen 21
Eva Giberti
(Argentinien)
Aufseherinnen im Gefängnis Eine Gruppe im
Grenzbereich der Macht 23
Mercedes Espinola (Uruguay)
Psychologische Aspekte der Repression in den Gefängnissen
Uruguay 41
Matilde Ruderman (Argentinien)
Die Verinnerlichung des Grauens bei Psychotherapeuten
48
Maria Isabel Castillo
(Chile)
Therapeutische Erfahrungen rnit Frauen, die politische
Gewalt an Rörper und Seele erlitten haben 56
Victor A. Giorgi
(Uruguay)
Die Psychotherapie im Rehabilitationsprozess politischer
Langzeitgefangener 69
Teil II: Die Mühsahl des Erinnerns 79
Das unaufhörliche Warten
Die Mutter eines polifischen Gefangenen erinnert sich
(Argentinien) 80
Eine Sonderbehandlung
Systematik der psychologischen Zerstörung in einem
argentinischen Gefängnis (Argentinien) 90
Versuch einer Vernichtung
Eine Psychologin berichtet über die erlittene Folter
(Uruguay) 112
Die Kunst des geistigen Untertauchens
Kulturelle Opposition mit psychologischen Mitteln (Chile)
126
Teil III: Nach dem Staatsterrorismus: Kultur und Gedächtis 139
Daniel Gil
Die Fragmentierung des Ich
Psychoanalytische Deutung der Erzählung "Die Höhlen
von Nesper'
von Marfin Arregui 141
Horacio Riquelme
Das grausam Wirkliche
Psychokulturelle Auswirkungen des Staatsterrorismus in
Südamerika 154
Dario Páez
Politische Repression und kollektives Gedächtnis:
Der Fall Chile 166
Jürgen Müller-Hohagen
Reflexionen eines deutschen Psychotherapeuten zum politischen
Terror 188
Epilog und Danksagungen 204
Literatur 206
Die Autoren 213
Von Horacio Riquelme (S.8)
| 1. Das "Verschwindenlassen"
von Regimegegnern
Diese Methode bestand in der Entführung von vermeintlichen politischen Regimegegnern durch Angehörige des Heeres oder häufiger durch paramilitärische Gruppen, die unter der Führung des Heeres operierten. Die Betroffenen wurden nach ihrer Gefangennahme an unbekannten Orten festgehalten oder an wechselnden Orten, die als geheime Gefängnisse fungierten, untergebracht. Darnit sollte verhindert werden, dass ihr Aufenthaltsort bekannt wurde. Dahinter stand die Absicht, Angehorigen und Freunde der Verhafteten über ihre rechtliche Lage zu verunsichern und sie ihre persönliche Hilflosigkeit spüren zu lassen. Da sie den Aufenthaltsort des Verschwundenen nicht kannten, konnten die Angehörigen weder Rechtsmittel einlegen (habeas corpus) noch die Verteidigung des Verhafteten vor der zuständigen richterlichen Instanz in die Wege leiten. Die Mauer des Schweigens, auf die Angehörige und Freunde bei der Suche in den Polizeiwachen oder den Gefängnissen stießen, verstärkte das Gefühl der Unsicherheit und Verlassenheit, zumal die Verhaftung und das Verschwinden des Angehörigen sie ohnehin an den Rand der "etablierten Ordnung" drängte. Während der letzten zwanzig Jahre sind Über 30.000 Fälle von "Verschwundenen" in diesen drei Ländern dokamentiert worden. Die Methode des "Verschwindenlassens" war nicht die "geniale Erfindung" irgendeines Angehörigen des Repressionsapparates in den Ländern Lateinamerikas gewesen, sondern es handelte sich vielmehr um die Anwendung einer in der psychologischen Kriegsführung bereits üblichen Methode, die wahrscheinlich von den Erfahrungen ausging, die nordamerikanische Militärstrategen im Vietnamkrieg gesammelt hatten. FN4 Ihr historischer Vorläufer waren die "Nacht-und-Nebel"-Aktionen in den von Nazi Deutschland besetzten Gebieten, die auf das Keitel-Dekret von 1942 zurückgingen und den nationalistischen Widerstand in diesen Ländern brechen sollten: "Eine wirksame und nachhaltige Abschreckung (der Widerstandskräfte) ist nur durch Todesstrafe oder durch Maßnahmen zu erreichen, die die Angehörigen und die Bevölkerung über das Schicksal des Täters im Ungewissen halten." FN5 US-amerikanische Sozialpsychologen und Kulturanthropologen haben als wissenschaftliche Berater des Heeres der Vereinigten Staaten während des Indochinakrieges ebenfalls wichtige Beobachtungen gemacht und grundlegende Schlussfolgerungen über die Verteidigungsmoral der Vietnamesen formuliert: Die seelische Belastung der vom Krieg betroffenen Vietnamesen war nicht nur auf den Tod ihrer Nachbarn und Angehörigen an sich zurückzuführen, sondern auf die Tatsache, dass die traditionellen Trauer- und Verabschiedungszeremonien für die Toten nicht durchgeführt werden konnten. Das Fehlen dieser Rituale zerstörte das sensible kulturelle Gleichgewicht; die Familie und die Gemeinde wurden dadurch so tief verunsichert, weil auf diese Weise kollektiv ein Tabu (die Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten) verletzt wurde. Aufgrund deser Erkenntnisse wurde das Abhalten von Trauerzeremonien systematisch verhindert, was als "Taktik der umherirrenden Seelen" in die Geschichte der Repressionsmaßnahmen einging. Diese Taktik spielte im psychologischen Krieg gegen die vietnamesische Bevölkerung eine große Rolle. FN6 4 Vgl. P. Watson a.a.O., S. 3S7-367
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Internationales Geheimdienst-Völkerrechtsgesetz:
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noch nicht end-korrigiert