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So peinlich es für die unterzeichneten Ärzte ist, an die Beurtheilung des geistigen Zustandes Seiner Majestät ihres Königs heranzutreten, sie müssen dem erhaltenen Befehle Folge leisten und erstatten hiermit unter ausdrücklicher Berufung auf den von ihnen geleisteten Eid, ihrer schweren Verantwortlichkeit vollkommen bewußt, nach Pflicht und Gewissen das verlangte Gutachten, wobei sie bemerken, daß eine persönliche Untersuchung Seiner Majestät, was weiter auseinanderzusetzen überflüßig sein wird, unthunlich, bei dem vorliegenden Aktenmaterial aber auch nicht nothwendig war.
Zunächst darf an die notorische Thatsache erinnert werden, daß eine Tante Seiner Majestät, Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Alexandra eine lange Reihe von Jahren (bis zum erfolgten Tode) an unheilbarer Geisteskrankheit litt. Ist hierauf auch nicht allzugroßes Gewicht zu legen, so muß um so mehr hervorgehoben werden, daß auch der jüngere Bruder Seiner Majestät, Seine Königliche Hoheit Prinz Otto von Bayern, unheilbar geisteskrank ist, daß Höchstdessen Erkrankung in ihren Anfängen sich bis in die Jugend verfolgen und Züge erkennen läßt, deren Verwandtschaft mit gewissen Erscheinungen bei Seiner Majestät sich unwillkürlich und unabweisbar aufdrängt.
Dem mitunterzeichneten Obermedizinalrath von Gudden klagte Seine Königliche Hoheit zu einer noch relativ freien Zeit, daß Höchstdessen qualvolle Zustände von Angst und innerer Unruhe sich vorübergehend schon in früher Jugend bemerkbar gemacht hätten, daß beispielsweise es Seiner Königlichen Hoheit als Lieutenant mit 17 Jahren bei der ersten Residenzwache, als Münchener Einwohner voll freudiger Theilnahme sich sammelten und zuschauten, zu Muthe gewesen sei, als ständen Höchstderselbe am »Schandpfahle«; dabei leiden Seine Königliche Hoheit an den widerwärtigsten Empfindungen in der Brust und im Unterleibe, an Hallucinationen sämmtlicher Sinne, an motorischen Erregun- [306] gen, die sich in den verschiedensten schleudernden und springenden Bewegungen der Arme und Beine äußern, sind nicht selten gemüthlich in hohem Grade gereizt und zu Gewaltthätigkeiten geneigt, dabei, im Gegensatze und gewissermaßen im Gegengewichte zu so manchen niederdrückenden Empfindungen und Vorstellungen, nicht selten von einem so außerordentlich gesteigerten Bewußtsein Höchst-Seiner Stellung durchdrungen, daß Aeußerungen, wie »Niemand hat mir zu befehlen, selbst der König nicht« öfters vernommen und alle Bemühungen, auf Seine Königliche Hoheit durch ärztlichen Rath oder möglichst schonend getroffene äußere Veranstaltungen einzuwirken, von vorneherein verloren waren.
Auch bei Seiner Majestät scheinen schon früher ähnliche Anwandlungen von innerer Angst und Aufregung sich eingestellt zu haben. Seine Königliche Hoheit Prinz Otto theilte dem mitunterzeichneten Obermedizinalrathe von Gudden gelegentlich seiner eigenen bezüglichen Klagen mit, daß Seine Majestät an demselben Übel litten. Seine Majestät seien überhaupt sehr ängstlich und hätten bei den Spaziergängen im englischen Garten Seiner Königl. Hoheit oft den Auftrag gegeben, ja darauf Acht zu geben, daß keine Begegnung mit Anderen stattfände. Auch der verstorbene Staatsrath von Neumayr theilte demselben Arzte mit, wie schwer mitunter schon relativ kurze Zeit nach der Thronbesteigung bei dem Besuche der fränkischen Kreise es gehalten habe, Seine Majestät zu bewegen, an die Öffentlichkeit zu treten. Im Jahre 1872 wurde Herr Ministerialrath von Ziegler in das Kabinetssekretariat berufen. Derselbe hörte (vergl. dessen Aeußerungen Bogen 1) von Staatsrath Eisenhart und von Personen des Hofes, wie schwer es Seine Majestät ankomme, Audienzen zu ertheilen, insbesondere solche staatsgeschäftlicher Natur. Die Scheu vor Begegnungen mit Menschen trat mehr und mehr zu Tage (l. c. ), die Besuche der Kirche in Berg wurden immer seltener, endlich ließen Seine Majestät im abgeschlossenen Parke zu Berg ein romantisches Kirchlein bauen und sich die Messe lesen, ohne daß derselben irgend Jemand beiwohnen durfte. (Bogen 2.) Um keinen Menschen im Theater sehen zu müssen, kam es zu den bekannten Separatvorstellungen (vgl. Äußerung des k. Stallmeisters Hornig Blatt 5, auch die des k. Ministerialrathes von Ziegler Bogen 2). Der Verkehr mit Menschen wurde Seiner Majestät immer entsetzlicher (v. Ziegler Bogen 6). Nach Ablauf des Hohenschwangauer Winteraufenthaltes nach München zurückzukehren, war für Seine Majestät fürchterlich. Der Aufenthalt in Hohenschwangau wurde deßhalb immer weiter ausgedehnt, und von 1876 bis 1883 nach und nach um einen Monat verlängert. Die Befehle zur Abreise von Hohenschwangau wurden im letzten Augenblicke gegeben. (v. Ziegler Bogen 4.) Wochenlang schon vorher habe es Seine Majestät aufgeregt, wenn die Hofhaltung nach München verlegt werden sollte. In Seeshaupt oder Peißenberg seien Allerhöchstdieselben stundenlang unentschlossen und zögernd umhergegangen, bis der Zug bestiegen wurde, wären lieber wieder umgekehrt, München sei für Allerhöchstdieselben »eine Qual, ein Gefängniß«, so die eigenen Worte Seiner Majestät. Dieselbe Aufregung pflegte den Hoftafeln, die deßhalb öfters auch aufgeschoben wurden, vorherzugehen. Es sei - wieder die [307] eigenen Worte Seiner Majestät - Allerhöchstderselben zu Muthe, »als gehe es zum Schaffot.« Acht bis zehn Glas Champagner seien jedesmal zur Erleichterung vorher getrunken worden (vergl. Ziff. 15 und 16 in den Aeußerungen des k. Marstallfouriers Heßelschwerdt und k. Kammerdieners Welker). Mit der Annäherung des Eisenbahnzuges an die Stadt, sagt der k. Stallmeister Hornig (Blatt 5) steigerten sich die Zorn- und Wuthausbrüche Seiner Majestät und Ministerialrath von Ziegler spricht sich über die Hoftafeln folgendermaßen aus (Bogen 6): Wochenlang vor einer Tafel war von diesem »Unglück« die Rede und jeder Gegenstand des Vortrages trat vor diesem Thema weit in den Hintergrund. Die Vorträge verlängerten sich bis zu 3-4 Stunden, Seine Majestät konnten kein Ende finden, ergingen sich über die Tafelgäste in den aufgeregtesten, unglaublichsten Ausdrücken und sagten verschiedene Male die für den nächsten Tag bestimmte Tafel noch in der vorhergehenden Nacht ab, obwohl alle Vorbereitungen getroffen waren. War aber wirklich der Tag einer solchen Tafel gekommen, dann war die Stimmung bei dem Vortrag, welcher stets noch wenige Stunden vor der Tafel stattfand, die aufgeregteste, die man sich denken kann. Hastige Erkundigungen über den einen oder andern der Gäste, Hin- und Herlaufen im Zimmer, Verwünschungen aller Art, - dies war das stets wiederkehrende Bild. Die Eingeweihten sahen diesen Tafeln immer mit Angst entgegen, weil sie befürchten mußten, die Kraft der Selbstbeherrschung Seiner Majestät werde unterliegen. Seine Majestät befahlen auch, daß der Allerhöchste Platz an der Tafel mit Aufsätzen, Blumen u. s. w. so besetzt werde, daß man Allerhöchstdieselben so wenig als möglich sehen könne, auch wurde die lärmendste Musik absichtlich befohlen. Bei der Tafel selbst ließen Seine Majestät oft wilde Blicke umherschießen, stießen auch hier und da voll Wuth mit dem Säbel auf den Boden (vergl. auch die Mittheilungen des Herrn Ministerialraths von Ziegler über das Verhalten Seiner Majestät beim Besuche der Wagner'schen Aufführungen in Bayreuth im Jahre 1876 (Bogen 11), - die Mittheilungen desselben Berichterstatters über die Reise in die Schweiz mit dem Schauspieler Kainz (Bogen 12), sowie über das Benehmen Seiner Majestät gegenüber verschiedenen Höchsten und Allerhöchsten Herrschaften.
Die nicht selten auftretende Aufgeregtheit Seiner Majestät vor Empfängen vor und nach Besuchen, vor Hoftafeln, bestätigt auch Oberregierungsrath von Müller unter Ziffer 4 seiner Äußerung. In ganz besonderem Grade habe sie sich gezeigt bei den ersten allerunterthänigsten Vorträgen über das Wittelsbacher Jubiläum, welche Vorträge zumeist in den Monat Dezember 1879 fielen; die allerehrerbietigsten Vorstellungen, welche auf Theilnahme Seiner Majestät an dem Feste abzielten, bewirkten eine sich immer mehr steigernde Aufregung; es trat von Tag zu Tag klarer hervor, daß ein definitiv bejahender Entscheid nicht erfließen werde und daß das Offenhalten der Frage zu fortgesetzter Monate langer Beunruhigung Seiner Majestät führen würde, ohne die Hoffnung auf eine schließliche allergnädigste Anwohnung auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit zu eröffnen.
Die Folgen dieser krankhaften Verstimmungen und innerlichen Hemmungen [308] wurden immer trüber und verhängnißvoller. Der k. Stallmeister Hornig, welcher seit dem Jahre 1867 in der Umgebung Seiner Majestät sich befindet, berichtet in seinen Aufzeichnungen (Blatt 1) daß anfangs Seine Majestät noch ein größeres Bedürfniß nach dem Verkehr mit Menschen fühlten. Es seien bei den nächtlichen Ritten, die meistens beim Mondscheine unternommen wurden, Feste im Walde veranstaltet worden, zu denen jüngere Bedienstete vom Marstallpersonale, auch Lakaien befohlen wurden. Unter Zelten wurde dann bis zum frühen Morgen gezecht und andere Unterhaltungen in kleinen Spielen z. B. Ring verstecken, Schneider leihe mir deine Scheere u. s. w. gesucht. Später hörten diese Unterhaltungen auf, doch kam es noch in neuerer Zeit vor, daß gelegentlich des Aufenthaltes Seiner Majestät auf dem Schachen Stallleute im dortigen, im türkischen Style eingerichteten Zimmer in orientalischer Weise sitzend, mit Seiner Majestät Sorbet trinken und aus türkischen Pfeifen rauchen mußten. Auch im sogen. beim Linderhof gelegenen Hundingshause kam Ähnliches vor, auf Fellen ruhend zechte das Personal aus großen Trinkhörnern Meth. Notorisch dagegen ist, daß Seine Majestät seit einer längeren Reihe von Jahren persönlich nicht mehr mit den Inhabern der höchsten Hofstellen, mit dem k. Staatsministerium verkehren, daß (Äußerungen von Heßelschwerdt und Welker vom 18. Mai/1) Allerhöchstdieselben in den letzten Jahren sogar den Kabinetssekretär nur vielleicht zweimal, den Hofsekretär aber gar nicht mehr sahen. Der ganze persönliche Verkehr Seiner Majestät beschränkt sich gegenwärtig auf wenige Personen von der untergeordneten Dienerschaft, und bildet die fast kindlich hilflose Lage, in die Allerhöchstdieselben durch diese Isolirung gerathen sind, (Lakaien und Friseure auf der Suche nach neuen Ministern und einem neuen Kabinetssekretär) einen wahrhaft tragischen Contrast zu dem vorhandenen in geradezu unnatürlicher Weise hinaufgeschraubten Bewußtsein (vergl. unter Anderem auch die Äußerung des Geheimsekretärs Thelemann) absoluter Machtfülle und Selbstherrlichkeit.
Ob Seine Majestät an eigentlichen Hallucinationen leiden, läßt sich mit voller Sicherheit nicht behaupten. Es sprechen dafür die Wahrnehmungen Heßelschwerdts (Vernehmung vom 18. Mai Ziff. 14), das geringste Geräusch erschrecke Seine Majestät. Bei den Spaziergängen (bei Tag und bei Nacht) äußerten Allerhöchstdieselben oft, Sie hätten etwas gehört, Tritte, Worte und dann zu ihm, der nichts gehört habe, gesagt, Du hörst eben nicht gut, Heßelschwerdt. Nie hätten Sich freilich Seine Majestät darüber geäußert, welche Worte gehört worden seien. Auch in den Wohnräumen (dies wird auch vom Kammerdiener Welker bestätigt) hätten Seine Majestät nicht selten Geräusche wie von Tritten in den oberen Zimmern zu hören geglaubt und es hätte dann nachgesehen werden müssen, ob nicht Jemand da sei, was aber nie der Fall gewesen wäre. Wenn Seine Majestät allein im Zimmer sich befinden (Vernehmung Heßelschwerdts vom 3. Juni 1886 VI sowie Welkers) sprechen und lachen Allerhöchstdieselben oft laut, so daß man glauben könnte, es sei große muntere Gesellschaft in demselben versammelt.
Wenigstens als auf Illusionen beruhend läßt sich das Verhalten Seiner Majestät [309] deuten, von welchem Ministerialrath von Ziegler (Bogen 6 seiner Aufschreibungen) berichtet: »Nicht einmal, sondern oft und oft argwöhnten Seine Majestät, ich hätte Allerhöchstdieselben beim Vortrage mit einem unziemlichen, besonderen Blick angesehen. Gleich nach dem Vortrag erhielt ich den Befehl, mich deßhalb zu rechtfertigen und ich habe auf diese Rechtfertigungen unsägliche Zeit verwenden müßen.« Herr von Ziegler glaubt diesen »Argwohn« auf das Gefühl Seiner Majestät, einen absonderlichen Eindruck zu machen und auf das Bewußtsein einer anomalen Eigenthümlichkeit zurückführen zu müssen, was höchst wahrscheinlich zutreffend ist und mit dem Wesen der Illusion in Uebereinstimmung sich befindet. Wohl nur als Ausschweifungen der Phantasie, allerdings höchst ungewöhnlichen, die Grenzen der Norm weit übersteigenden Grades, dürfte dagegen aufzufassen sein, was Stallmeister Hornig (vergl. seine Darlegungen Blatt 4) berichtet, Seine Majestät, bei einigen Graden Kälte und bei Schneegestöber im Freien essend, hätten sich ans Meergestade versetzt und von heißen Sonnenstrahlen beschienen geglaubt; auch das, was sich auf Blatt 15 vorfindet, allerdings auch einen Blick in die Tiefe eines Abgrundes werfen läßt, bei dem man schaudern müßte, wenn nicht das tiefste Mitleid mit dem Allerhöchsten Kranken wenigstens mildernd dazwischen träte: »Jetzt habe ich in Gedanken - Worte Seiner Majestät - der Königin eine große Wasserflasche am Kopfe zerschlagen, habe sie an den Zöpfen auf der Erde herumgeschleift, ihr die Brüste mit den Absätzen zerstampft« (vergl. auch ähnliche Mittheilungen des Herrn Ministerialrathes von Ziegler Bogen 14) oder: »jetzt war ich in Gedanken in der Gruft der Theatinerkirche, habe den König Max aus dem Sarge herausgerissen und seinen Kopf beohrfeigt. « - In das Gebiet überwuchernder und die Schranken der Wirklichkeit und Möglichkeit ganz außer Acht lassender Phantasie würde denn auch, wie so vieles Andere, was an anderen Orten zur Besprechung kommen wird, der geäußerte lebhafte Wunsch Seiner Majestät zu verweisen sein (Hornig 4), in einem von Pfauen gezogenen Wagen durch die Luft zu fliegen, der dem Maschinenmeister Brand ertheilte Allerhöchste Auftrag, eine Flugmaschine zu Fahrten über den Alpsee bei Hohenschwangau anzufertigen, die Imitation der blauen Grotte auf Capri, um deren Blau zu studiren Stallmeister Hornig zweimal nach Capri geschickt wurde, der Mond im Schlafzimmer Seiner Majestät (vergl. von Ziegler Bogen 3), und dann wird dieser Abschnitt nur noch mit dem kurzen Hinweis auf die gelegentlichen Liebes-, Freundschafts- und Dankbarkeitsversicherungen Seiner Majestät, die schon der Form nach überschwänglich (vergl. die an Herrn Oberregierungsrath v. Müller und Herrn Ministerialrath von Ziegler gerichteten Briefe Seiner Majestät) ihren wesentlich phantastischen Ursprung durch ihre kurze Dauer und ihren jähen unmotivirten Abbruch kennzeichnen, seinen Abschluß finden können.
Nachträglich übrigens kommt noch eine Mittheilung des Kammerlakaien Mayr zu den Akten, die kaum darüber einen Zweifel läßt, daß Seine Majestät wirklich an Hallucinationen leiden. »Alles ertrage ich zwar, aber das ist zum Verzweifeln, wenn der König sich etwas einbildet und sich davon absolut nicht abbringen läßt, wenn er z. B. so anfängt, Thue das Messer (oder irgend einen anderen Gegen- [310] stand) weg, und wenn ich sage, Majestät, es ist keines da, so examinirt er stundenlang ununterbrochen fort, »Es soll aber eins da sein, wo wäre es denn hingekommen, Du hast es weggethan, wo hast du es hingethan, warum hast du es weggethan, gleich legst Du es wieder hin.« (Vergl. Schreiben des k. Rathes Klug.) Das sei, fügt Mayr hinzu, zum wahnsinnig werden.
Unverständlich bleiben zunächst die Vorkommnisse, wie folgende: Einen Baum zwischen Berg und Ammerland nennen Seine Majestät den »heiligen Baum«, Heßelschwerdt weiß nicht, weßhalb - so oft Allerhöchstdieselben an diesem Baum vorübergehen, fahren oder reiten, verbeugen Sie Sich tief davor. Ebenso wird ein Zaun bei Ammerland bei jedesmaligem Vorüber-Fahren, - Gehen oder -Reiten von Seiner Majestät gewissermaßen segnend begrüßt. Eine Säule am Eingange in Linderhof umarmen Seine Majestät der König, so oft Allerhöchstdieselben das Schloß auf längere Zeit verlassen; dasselbe geschieht bei der Rückkehr. Bei nur vorübergehendem Verlassen des Schlosses wird die Säule nur berührt (Vernehmung Heßelschwerdts vom 3. Juni 1886 V. und Hornig Blatt 5). Aufschluß darüber könnten nur Seine Majestät Allerhöchst-Selbst geben. Wahrscheinlich liegen auch ihnen krankhafte Störungen der Sinnes- oder Denkthätigkeit zu Grunde.
Ueber die motorischen Erregungen Seiner Majestät liegen folgende Aeußerungen vor. Seine Majestät seien nicht selten aufgeregt, machten sonderbare tanzende und hüpfende Bewegungen, führen stoßend und ziehend mit den Händen in die Kopf- und Barthaare, stellten Allerhöchst-Sich nicht selten vor den Spiegel, mit verschränkten Armen und das Gesicht verziehend. (Heßelschwerdt und Welker, Vernehmung vom 18. Mai 13.) Stundenlang dauernde Wuthausbrüche, die sich im Herumtoben im Zimmer, in einer tanzenden, wiegenden Bewegung, Schütteln der Hände in den Handgelenken äußerten, traten ein, auch ruhig sinnend auf einen Fleck sehend, konnten Seine Majestät stundenlang mit einer Haarlocke spielen oder das Haar mit einem Kamme in Unordnung bringen. (Hornig Blatt 4.) Nicht wiedergeben lassen sich die Imitationen dieser höchst ungewöhnlichen Bewegungen Seiner Majestät, die Marstallfourier Heßelschwerdt und Kammerdiener Welker, um sich verständlicher zu machen, vornahmen. Der Eindruck des Krankhaften derselben war für den mitunterzeichneten Obermedizinalrath v. Gudden ein sofort durchschlagender.
Von der Gereiztheit Seiner Majestät, Allerhöchstdessen Zornes- und Wuthausbrüchen war vorübergehend bereits wiederholt die Rede. Auf die an der Dienerschaft ausgeübten Gewaltthätigkeiten kommen die Unterzeichneten später zurück. - Auf normale Gemüthszustände und deren Aeußerungen trifft man nirgendwo in den Akten. Sie scheinen ganz und gar zu Grunde gegangen zu sein und Haß und unnatürlicher Abscheu an ihre Stelle getreten zu sein. Es mag hier an die geradezu erschütternden Aeußerungen über Ihre Majestät die Königin Mutter, über Seine Majestät den König Max II erinnert werden. Hieher gehört auch eine Mittheilung des Herrn Ministerialrathes von Ziegler über eine Aeußerung Seiner Majestät, die die unterzeichneten Ärzte Anstand nehmen, wiederzugeben (v. Ziegler Bog. 15). Seiner Majestät des Kaisers Büste in Hohenschwan- [311] gau wurde von Seiner Majestät im Vorbeigehen angespuckt (Hornig Blatt 6). Der Marstallfourier Heßelschwerdt (vergl. auch dessen Vernehmung vom 3. Juni I) erhielt den Befehl, in Italien eine Bande zu werben, mit derselben den deutschen Kronprinzen gelegentlich seines Aufenthaltes in Mentone gefangen zu nehmen und ihn in einer Höhle bei Wasser und Brod in Ketten verwahrt zu halten. Im Geiste malten Seine Majestät Allerhöchst-Sich die dem Kronprinzen zugedachten Martern weitgehendst aus, weßhalb auch eigens der Befehl erging, ja dessen Leben zu schonen, damit seinem Leiden nicht ein zu schnelles Ziel gesetzt werde. Hunger und Durst sollte er leiden und sein Inneres von Sehnsucht nach den Seinen zerrissen werden. Die Siegesnachrichten im Feldzuge 1870-71 wurden von Seiner Majestät mit Trauer begrüßt, das »arme Frankreich« lebhaft bedauert, - Versailles durch den Einzug der Deutschen für entehrt erklärt. Oft mußte Ministerialrath von Ziegler hören (v. Ziegler Bogen 5), wie schön es wäre, wenn man das verfluchte Nest (die eigene Haupt- und Residenzstadt!) an allen Ecken anzünden könnte und Stallmeister Hornig führt als einen öfter von Seiner Majestät ausgesprochenen Wunsch an (Hornig Blatt 7), daß das ganze bayerische Volk nur einen Kopf habe, um es auf einen Streich hinrichten lassen zu können. Den früheren Kriegsminister Excellenz von Maillinger, der die Ernennung des Flügeladjutanten Seiner Majestät Grafen von Dürkheim zum Hauptmann zu vollziehen Anstand nahm, in's Burgverließ einzusperren, erhielt Marstallfourier Heßelschwerdt den Allerhöchsten Befehl. (Vernehmung vom 18. Mai 8.) Auch Herr von Ziegler, der früher hoch in Gnaden, wegen einer Meldung, die eine Kleinigkeit betraf, den Allerhöchsten Zorn auf sich geladen hatte, sollte eingesperrt werden. (v. Ziegler Bog. 2) Noch eine große Anzahl anderer Persönlichkeiten, selbst Königliche Prinzen sollten eingesperrt werden. Um nicht selbst in Strafe zu verfallen, meldeten die Diener, die Allerhöchsten Befehle seien vollzogen. Die Beschreibung des auf Befehl Seiner Majestät eingerichteten Burgverließes in Hohenschwangau findet sich in der Vernehmung Heßelschwerdts vom 18. Mai unter Ziff. 6. Im Jahre 1884 erhielt Heßelschwerdt von Seiner Majestät den Auftrag, Seine Excellenz Herrn Finanzminister von Riedel aufzugreifen und nach Amerika zu transportiren, dann auf die Vorstellung hin, daß dieses nicht ausgeführt werden könne, ihn einzusperren, und als auch dieses für unmöglich erklärt werden mußte, ihm nächtlicherweile aufzulauern und ihn durchzuprügeln. Der frühere Flügeladjutant Baron Hertling, der es sich nicht gefallen ließ, Allerhöchste Befehle durch Dienstbriefe von Lakaien zu empfangen und um seine Enthebung einkam, sollte sogar umgebracht werden (Vernehmung Heßelschwerdts vom 3. Juni Seite 4), ebenso Herr Ministerialrath von Ziegler (siehe dessen Mittheilungen Bogen 17). Noch in neuester Zeit wurde von Seiner Majestät befohlen, zwei Diener, den Kammerdiener Welker und den Vorreiter Bieller, die sich die Allerhöchste Unzufriedenheit zugezogen hatten, der eine, weil er ein beabsichtigtes Anlehen von nur 25 Millionen Mark nicht zu Stande gebracht hatte, der andere, weil er einen aus der Voliere entkommenen Vogel nicht gleich einfangen konnte, nach Amerika zu transportiren und dort ständig überwachen zu lassen, damit sie nichts weiter sagen könnten. Vorreiter Bieller wurde bei [312] dieser Veranlassung von Seiner Majestät am Halse gedrosselt. Stundenlang besinne Sich öfters Seine Majestät, Strafen ausfindig zu machen, mit denen Allerhöchstdieselben diejenigen belegen sollten, die sich in irgend einer Weise ob wirklich oder auch nur vermeintlich gegen Seine Majestät vergangen hätten. Kammerlakai Mayr wurde vor ungefähr 4 Jahren damit gestraft, daß er ein Jahr lang nur mit einer schwarzen Maske das Gesicht verdeckt, vor Seiner Majestät erscheinen durfte (vergl. auch v. Ziegler 18). Kammerlakai Sauer sollte in einem von Seiner Majestät besonders vorgeschriebenen auffallenden Kostüme auf einen Esel gesetzt und in der Umgebung von Hohenschwangau auf den Landstraßen herumgeführt werden (Vernehmung Heßelschwerdts und Welkers vom 3. Juni Blatt 1.). Kammerlakai Buchner, über dessen Dummheit sich Seine Majestät ärgerten, mußte »ein Siegellacksiegel an der Stirn tragen« zum Zeichen, daß sein Gehirn versiegelt sei (v. Ziegler Bogen 19.). Nach dem Bericht des k. Gesammtministeriums vom 5. Mai d. J. erhielt Heßelschwerdt den Auftrag, eine geeignete Strafe für die Herren Minister mit auszudenken. (Vernehmung vom 18. Mai Ziff. 8, 9, 10 u. 11, bestätigt durch die bezüglichen Aussagen Welkers.) Marker erhielt von Seiner Majestät den Befehl, eventuell Leute zu nehmen und Herrenwörth in die Luft zu sprengen (Vernehmung Welkers S. 14.). Marstallfourier Heßelschwerdt sowohl wie Kammerdiener Welker und Stallmeister Hornig bezeichneten es als einen besonderen Charakterzug Seiner Majestät, plötzlich und unmotivirt für Jemand Zuneigung zu fassen, um dieselbe oft nach kurzer Zeit in das gerade Gegentheil übergehen zu lassen. Diese Eigenthümlichkeit dürfte jedem Sachverständigen als ein Krankheitssymptom imponiren. Die Abneigung artete dann nicht selten in glühenden Haß aus, so daß z. B. Seine Majestät in Wuth geriethen, wenn nur der Name der in Ungnade gefallenen Person genannt wurde und den Befehl erließen, daß falls bei Meldungen an Allerhöchstdieselben diese erwähnt werden mußte, nur der Anfangsbuchstabe des Namens ausgesprochen oder geschrieben werden durfte. (Vernehmung Heßelschwerdts und Welkers vom 7. Juni Seite 11 u. 21.) Stallmeister Hornig (Blatt 5) erinnert an den ehemaligen Flügeladjutanten Herrn von Sauer, Baron von Hertling, Hirschberg, Grafen von Dürkheim, Herrn Staatsrath von Eisenhart, Herrn Ministerialrath von Ziegler u. s. w.
Bekannt ist die Vorliebe Seiner Majestät für die französischen Könige Ludwig XIV., XV. und XVI., ihr absolutes Regiment, ihre Bauten u.s.w. (vergl. die Mittheilungen des Herrn von Ziegler und des Herrn Stallmeisters Hornig). Ein ehemaliger Secondelieutenant der bayerischen Armee wurde mit dem Befehle betraut, eine »Coalition« zu gründen, d. h. eine Schaar Männer zu werben, mit deren Beihilfe es gelingen sollte, in Bayern das absolute Regierungssystem wieder herzustellen; die Verfassung sollte aufgehoben, die Landesvertretung abgeschafft werden (Hornig Blatt 2.). Etwas anders freilich stellt sich diese Coalitionsidee in den Berichten des Herrn Oberregierungsrathes von Müller dar, der zum Chef der Coalition von Seiner Majestät ausersehen war, aber den Intentionen Seiner Majestät nicht entsprach.
Seine Majestät dachten daran (Hornig Blatt 3) gegen Vergütung einer hohen [313] Summe das Land an Seine Königliche Hoheit den Prinzen Luitpold abzutreten oder an Preußen zu verkaufen. Geheimrath von Löher wurde mit dem Auftrag betraut, sich nach einem anderen Königreiche umzusehen, in dem ein absolutes Regierungssystem möglich wäre, machte auf Kosten der Kabinetskasse weitläufige Seereisen, berichtete aber, daß der Auftrag unmöglich auszuführen sei (vgl. auch v. Ziegler Bogen 10.). Stallmeister Hornig (Blatt 2) berichtet, daß Seine Majestät Sich geheim in Costüme der französischen Könige kleidete. Mit Krone und Scepter, welche kostbaren Gegenstände der Schatzkammer entnommen werden mußten, wurden nächtliche Spazierfahrten unternommen, auch der Gedanke, ein zweites Versailles im Graswangthale zu bauen, brach sich Bahn. Herr Ministerialrath von Ziegler erwähnt (Bogen 2), daß Seine Majestät vor einer Büste der Königin Marie Antoinette, welche auf der Terrasse des Linderhofes steht, stets das Haupt entblößte und deren Wangen streichelte, und der Marstallfourier Heßelschwerdt gibt an, daß im Linderhofe ein Bild sich befände (Welker meint, es behandle einen Stoff aus der Zeit Ludwig XIV.); vor welchem Seine Majestät niederzuknien pflege, vor welchem auch Heßelschwerdt, die Hand wie zum Schwure gegen dasselbe erhebend, niederknien mußte, ohne dasselbe jedoch ansehen zu dürfen (Vernehmung vom 3. Juni S. 13); auch Welker (Seite 20) erzählt von dem Bildercultus Seiner Majestät und beschreibt insbesondere, wie der König vor einem Bilde, das eine Episode aus dem Leben der Königin Marie Antoinette darstellt, Zeichen der Verehrung mache, dann mit erhobenem gläsernen Blicke zuerst langsam, dann rascher rückwärts schreitend, von dem Bilde sich entferne und schließlich wie im schmerzlichen Abschiede sich von demselben abwende.
Seit der Entlassung des Herrn Ministerialrathes von Ziegler, damaligen Kabinetssekretärs, des letzten Mannes von Bildung, (conf. v. Ziegler 20) mit welchem Seine Majestät einen fortlaufenden Verkehr pflog und persönlich Dinge von ernstlicher Bedeutung behandelte, hörte der persönliche Vortrag in Staatssachen auf. Es ist unglaublich, wie diese behandelt worden. Doch dürfte es angezeigt sein, vorher noch einen kurzen Bericht über den persönlichen Verkehr Seiner Majestät mit der Dienerschaft einzuschalten.
Die Meldungen erfolgen und die Allerhöchsten Befehle werden in der Regel erteilt durch die verschlossene Thüre hindurch. Durch Kratzen an derselben wird das Zeichen gegeben, daß Seine Majestät verstanden sei. Dienerschaft, die hineintreten darf oder muß, hat tiefgebückt zu erscheinen, darf Seine Majestät nicht ansehen, kein Wort sprechen, muß durch Zeichen sich verständlich machen und gelingt dieses nicht, die Bewegungen des Schreibens nachahmen, worauf das Bezügliche im Vorzimmer geschrieben und dann Seiner Majestät überreicht werden darf. Beim Serviren der Speisen hat die Dienerschaft ebenso zu erscheinen, darf nicht bloß Seine Majestät, sondern auch die Speisen nicht ansehen und hat sich ebenso zurückzuziehen. Auch beim Anziehen der Kleider darf der Diener Seine Majestät nicht ansehen. Ist Jemand vom Dienstpersonal (die Chevaulegers eingeschlossen) »in Strafe«, so muß er auch wohl niederknien, oder der Länge nach auf den Bauch sich legen. Letzteres sei eingeführt worden seit dem [314] vorigen Jahre, nachdem Seine Majestät das Ceremoniell am chinesischen Hofe gelesen habe. Bei einer unangenehmen Meldung oder bei dem geringsten Verstoße (z. B. beim falschen Aussprechen französischer Namen) werde von Seiner Majestät häufig die Einsperrung in's Burgverließ oder eine andere Strafe anbefohlen, welcher Befehl dann auch angeblich, in Wirklichkeit aber nie vollzogen wird. Sehr häufig gehe aber Seine Majestät auch zu Gewaltthätigkeiten über, schlage und stoße die Dienerschaft mitunter sogar blutig. Mindestens gegen 30 Personen seien so mißhandelt worden. Nachdem die gewöhnlichen Lakaien und auch die Leute vom Hofstalle sich durch Vorschützung von Krankheiten der verschiedensten Art dem persönlichen Dienste bei Seiner Majestät zum größten Theile entzogen hatten (seit einem Jahre), wurden Chevaulegers zu denselben befohlen. Großer Wechsel fände auch unter diesen statt. (Vergl. die beiden Vernehmungen Heßelschwerdts und Welkers.). Die Mißhandlungen des Dienstpersonals bestätigt auch Herr Ministerialrath von Ziegler (vergl. dessen Mittheilungen Bogen 18 u. 19). Kammerdiener Welker berichtet sogar, daß der Vorreiter Rothenanger, ein junger, schmächtiger und kleiner Mensch, einmal wegen eines geringfügigen Vergehens von Seiner Majestät geschlagen, gestoßen und mit solcher Wucht an die Wand geworfen wurde, daß die im Vorzimmer befindlichen Leibjäger in der Besorgniß, der junge Mann werde totgeschlagen, nahe daran waren, in das Zimmer zu dringen, um Rothenanger zu Hilfe zu kommen. Es sei die Vermuthung nicht ausgeschlossen, daß der nach Jahresfrist erfolgte Tod Rothenangers in ursächlichem Zusammenhange stehe mit den Mißhandlungen, welche derselbe zu erdulden hatte. Ein Chevauleger, von Beruf ein Metzger, dem Seine Majestät einen heftigen Schlag in's Gesicht versetzte, äußerte dem Dienstpersonale gegenüber: »einem Anderen hätte ich die Gedärme herausgelassen.« Der Grund, weßhalb die Dienerschaft Seine Majestät nicht ansehen darf, ist wahrscheinlich derselbe, aus dem Allerhöchstdieselben den strengen Befehl ertheilten, den Unterthanen die k. Schlößer, die Galawagen und Schlitten nie zu zeigen, da durch deren Blicke eine Entweihung stattfinden würde (Hornig 7).
Die Staatsangelegenheiten bezeichnete Seine Majestät mit dem Ausdruck
»Staatsfadesen« und äußerten Sich, wenn der Einlauf
aus dem Kabinet vorgelegt wurde, wiederholt dahin: »Allerhöchstdieselben
möchten das Pack immer lieber wieder hinauswerfen.« Der Einlauf,
welcher gesiegelt aus dem Kabinet zu Seiner Majestät kam, lag von
Allerhöchstderselben geöffnet, längere Zeit, oft Tage lang,
obwohl die wichtigsten Staatsangelegenheiten sich darunter befanden, offen
vor den Augen der Dienerschaft und in neuerer Zeit auch vor den zur Dienstleistung
befohlenen Chevaulegers. Alle Angelegenheiten, die eine Rückfrage
erforderlich machten, ferner insbesondere auch die Anträge der Minister,
die weil principieller oder wichtigerer Natur nicht wie die gewöhnlichen
Currentsachen schon mit den zu erlassenden der Allerhöchsten Unterschrift
harrenden Signaten versehen waren, wurden mit mündlichen oder auf
Zettel geschriebenen Weisungen Seiner Majestät durch die Kammerbediensteten
an die jeweiligen Kabinetssekretäre zurückgeschickt, nachdem
diese Bediensteten die Allerhöchsten Aufträge in Briefform gebracht
hatten. (Vernehmung Heßelschwerdts und [315] Welkers vom 3. Juni
Seite 12, 22 und 23). Die wichtigsten Aufträge seiner Mäjestät
gingen durch die Dienerschaft. Einen wahrhaft erschreckenden Beweis liefern
die in dem Faszikel »Briefe des Lakaien Mayr aus der jüngsten
Zeit« sich vorfindenden Schriftstücke, zum Theil von der Hand
Seiner Majestät geschrieben oder corrigirt. Heßelschwerdt
wurde auch der Bericht des Königl. Gesamtministeriums vom 5.
Mai 1886 zur Begutachtung zugeschickt, ihm Verhandlungen zur Bildung eines
neuen Ministeriums mit Herrn von Ziegler und dem Friseur Hoppe die zur
Gewinnung eines neuen Kabinetssekretärs (conf. Aeußerung des
Geheimsekretärs Thelemann) übertragen!!
Schon Herr Ministerialrath von Ziegler berichtet (Bogen 18 seiner Vernehmung):
Von der Berücksichtigung der Autorität der höchsten Beamten,
der Hofchargen und der Minister, war keine Rede mehr. Sie wurden beim Vortrage
mit den verächtlichsten Worten erwähnt, leider nicht nur beim
Vortrage - auch der Dienerschaft und dem Friseur Müller und dem Zahnarzte
gegenüber; selbst Fürsten wurden nicht geschont. Die Dienerschaft
wußte aus dem Munde Seiner Majestät, daß der Obersthofmarschall
oder der Obersthofmeister »sich nicht unterstehen dürfen«
einmal den Hoflhalt in Berg oder Hohenschwangau zu inspizieren. Für
Seine Majestät (vergl. das citirte Faszikel) sind die Staatsminister
Pack, Gesindel, Geschmeiß, auch wird mit den Kammern nicht glimpflich
verfahren und das Volk verdient gar nicht, daß Sich Seine Majestät
ihm zeige. -
Es widerstrebt den unterzeichneten Ärzten, größere
Auszüge und Zusammenstellungen in dieser Richtung anzufertigen und
wird es wohl genügen, eine Stelle aus einem auf Allerhöchsten
Befehl geschriebenen Briefe des Mayr anzuführen: »Dem Heßelschwerdt
schreiben: er hat wieder etwas ganz falsches und verkehrtes geschrieben,
indem er sich herausnahm zu schreiben, daß jenes Ministerpack in
die Nothwendigkeit versetzt war, jene Meldung (Bericht vom 5. Mai!) zu
unterbreiten. Ich habe jene Meldung verworfen, denn jenem Pack kam es
gar nicht zu, sich in Sachen zu mischen, die es nicht im geringsten
angeht und für die es gar nicht da ist. Ihm dies also austreiben«
- und dieser die Abschrift eines auch noch in anderer Beziehung wichtigen
Allerhöchsteigenhändig mit Bleistift offenbar in großer
Hast geschriebenen Briefes Seiner Majestät an Heßelschwerdt
folgen zu lassen:
»Passe recht auf und besorge es gut. Sprich eingehend mit Ziegler.
Sage ihm, daß die jetzigen Minister weg müßen, sie haben
sich bei mir unmöglich gemacht. Er wird es also, wenn er alles besorgt
wie Ich will. Die Collegen soll er mir dann selbst vorschlagen. - Schneider
gleich fort und durch einen tüchtigen ersetzen. Sind die Kammern verstockt,
dann auflösen, andere her und das Volk sehr bearbeiten. Schnell aber.
- Sage ihm, außer den Rückständen, (ohne daß die
Kammern wissen, wofür, können glauben, es gehöre zu den
Rückständen) ein paar Millionen dazu, die anderen schaffe Du
herbei. Sage ihm, daß die Bauten Hauptlebensfreude sind, daß
ich, seit alles schändlich stockt, ganz unglücklich bin,
an Abdanken, Selbsttödtung stets denke, daß der Zustand aufhören
muß,
daß die Bauten nicht mehr stocken dürfen, daß wenn er
alles richtet, er Mir [316] buchstäblich das Leben wieder gibt. Führ
ihm dieß sehr und vor Allem dieß zu Gemüthe.
Es geht nach sofortiger Deckung (nicht Vorschießen, das ist unwürdig
mir gegenüber), dann ist die Civilliste wieder ganz in meinem Besitz
(eigenem). Dazu sind leicht einzureihen rasch vorwärts mit dem Schlafzimmer
im Linderhof, St. Hubertus-Pavillon und mit dem Ausbau der Burg von Herrenwörth
und Falkenstein. Mein Lebensglück hängt davon ab. Dieses [sieht]
Herr von Ziegler bestimmt ein. Er soll es erschinden, durchreißen,
alle Schwierigkeiten besiegen und Hindernisse niederreißen und baldigst
ist die Hauptsache. Daß Du noch nicht wohl bist, ist zu arg, nimm
noch einen Arzt. Erhole Dich. Berg, den 11. Mai 1886, Ludwig.«
Eines Commentars bedarf die ganze gegenwärtige Stellung Seiner
Majestät gegenüber dem Lande nicht. Die geistigen Kräfte
Seiner Majestät sind bereits dermaßen zerrüttet, daß
alle und jede Einsicht fehlt, das Denken mit der Wirklichkeit im vollen
Widerspruche sich befindet, das Handeln ein unfreies ist und Allerhöchstdieselben
im Wahne absoluter Machtfülle vereinsamt durch eigene Isolirung -
wie ein Blinder ohne Führer am Rande des Abgrundes stehen.
Das Bauen sei die einzige Lebensfreude Seiner Majestät, aber die
Bauten gerade waren der Ruin der königlichen Finanzen und der Grund
der Beschleunigung des Hereinbruches der Katastrophe. Alle Vorstellungen,
alle Bemühungen, sie wieder zu ordnen, sind umsonst gewesen. Seine
Majestät muß bauen, und in einer Weise, die ebenfalls
wieder den Verfall der geistigen Kräfte nur zu deutlich zu Tage treten
läßt, werden Versuche gemacht, das Geld dazu, gehe es, wie es
gehe, herbeizuschaffen. Heßelschwerdt wurde von Seiner Majestät
zu dem nunmehr verstorbenen Fürsten Maximilian von Thurn und Taxis
nach Regensburg zur Aufnahme eines Anlehens von 20 Millionen geschickt,
sollte durch die Vermittlung Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs
Ludwig die Hilfe des Kaisers von Oesterreich in Anspruch nehmen. Auch zu
Seiner Majestät dem König von Schweden und Norwegen nach Stockholm
sollte sich Heßelschwerdt begeben und als dieser sich diesem Allerhöchsten
Auftrag entzog, wurde ein Flügeladjutant Seiner Majestät, natürlich
ohne Erfolg, dahin beordert. Ein Flügeladjutant erhielt durch Heßelschwerdt
den Allerhöchsten Auftrag, in Brasilien ein Anlehen zu Stande zu bringen,
andere Personen sollten nach Brüssel, nach Konstantinopel zum Sultan
und nach Teheran zum Schah. Sei durch Anlehen kein Geld aufzutreiben (es
handelte sich schon um 25 Millionen), so sollten auf Allerhöchsten
Befehl bei den Banken in Stuttgart, Frankfurt, Berlin und Paris eingebrochen
und zu diesem Zwecke Leute geworben werden. (Vernehmungen von Heßelschwerdt
und Welker.) Durch gleichzeitige Aufträge an mehrere, die sich gegenseitig
nichts sagen durften, hoffte Seine Majestät sogar in den Besitz von
80 Millionen zu gelangen. (Aeußerung Hornigs Blatt 3.) Als kein Anleihen
aufzutreiben war, auch auf Raub und Einbruch verzichtet werden mußte,
sollte das Volk und dessen Vertretung die Lücke schließen und
damit nur eine Unterthanenpflicht erfüllen, wodurch sie wieder die
Allerhöchste Gunst sich zuwenden und Seine Majestät bewegen könnten,
Allerhöchst ihnen nach und nach wieder [317] näher zu treten.
An ein Sichzeigen von Seite Seiner Majestät sei, wenn man sich nicht
bessere, selbstverständlich gar nicht zu denken. Gute Unterthanen
müßten es anders anfangen, wenn sie ihren König und
Herrn glauben machen wollten, daß sie ihn lieben u.s.w. - Dabei
gehen, als wenn die Mittel in ungemessener Fülle vorhanden wären,
die Allerhöchsten Aufträge bis in die allerletzte Zeit
unverändert fort. (Faszikel »Briefe« u.s.w.)
Das vorliegende Material ist geradezu erdrückend. Es erübrigt
nur noch, auf den körperlichen Zustand Seiner Majestät einen
kurzen Blick zu werfen. Seit langer Zeit klagen Seine Majestät über
Druck und Schmerz im Hinterkopfe, wenden Eisumschläge dagegen,
selbst mitunter während des Essens an; Seine Majestät leiden
ferner nicht selten an Schlaflosigkeit, nahmen früher ungefähr
6 Jahre lang 2 bis 3 mal wöchentlich Chloral, gebrauchen seit 4 Jahren
andere Schlafmittel, deren Zusammensetzen die Berichterstatter nicht
kennen. (vgl. die Vernehmungen von Heßelschwerdt und Welker vom 3.
Juni 1886 Seite 15 u. 19, die Aussagen des Lakaien Mayr, die Mittheilungen
des Herrn Oberregierungsrathes von Müller Seite 6.) Ueber die unordentliche,
unappetitliche, ekelerregende Art des Speisens Seiner Majestät, um
das hier noch einzuschieben, wie Allerhöchstderselbe dabei die Saucen
und Gemüse herumspritze, seine Kleider damit beschmiere, berichtet
Kammerlakai Mayr. Erschwert dürfte nach Herrn von Ziegler auch die
Verdauung sein, da Seine Majestät keinen Zahn mehr im Munde
habe, der zum Kauen tauglich sei. (Siehe Aufzeichnungen Bogen 16.)
Die geschlechtlichen Beziehungen berührt Herr Ministerialrath von
Ziegler in seinen Aufzeichnungen Bogen 16.
Hiemit schließen die unterzeichneten Ärzte ihre Schilderung
und verweisend auf die im Texte schon an verschiedenen Stellen gezogenen
Schlußfolgerungen erklären sie nun, dieselben zusammenfassend
und ergänzend einstimmig:
1. Seine Majestät sind in sehr weit vorgeschrittenem Grade seelengestört
und groß zwar leiden Allerhöchstdieselben an jener Form
von Geisteskrankheit, die den Irrenärzten aus Erfahrung wohl bekannt
mit dem Namen Paranoia (Verrücktheit) bezeichnet wird;
2. Bei dieser Form der Krankheit, ihrer allmähligen und fortschreitenden
Entwicklung und schon sehr langen, über eine größere Reihe
von Jahren sich erstreckenden Dauer ist Seine Majestät für unheilbar
zu erklären und ein noch weiterer Verfall der geistigen Kräfte
mit Sicherheit in Aussicht;
3. Durch die Krankheit ist die freie Willensbestimmung Seiner Majestät
vollständig ausgeschlossen, sind Allerhöchstdieselben als verhindert
an der Ausübung der Regierung zu betrachten und wird diese Verhinderung
nicht nur länger als ein Jahr' sondern für die ganze Lebenszeit
andauern.
München, den 8. Juni 1886.