Heimerziehung: Lebenshilfe oder
Beugehaft?
Gewalt und Lust im Namen Gottes".
präsentiert von Irmgard Rathsmann-Sponsel und Rudolf Sponsel, Erlangen:
Wo Gott
seine Finger im Spiel hat, ist der Teufel nicht weit.
Bibliographie * Verlagsinfo * Inhaltsverzeichnis * Leseprobe * Litertaurverzeichnis Homes * Bewertung * Querverweise *
Bibliographie: Homes, Alexander Markus (2006). "Heimerziehung: Lebenshilfe oder Beugehaft? Gewalt und Lust im Namen Gottes". Norderstedt: Books on Demand GmbH. [ISBN 3-8334-4780-X]. [Verlags-Info]
Verlagsinfo: "Heimerziehung: Lebenshilfe oder Beugehaft? Gewalt und Lust im Namen Gottes. Die in diesem Buch beschriebenen unmenschlichen Zustände legen Zeugnis dafür ab, dass die Schwarze Pädagogik immer noch Teile unseres Erziehungssystems beherrscht und nicht der Vergangenheit angehört. Sie wird oft noch unverhohlen und bewusst gegen Kinder und Jugendliche eingesetzt. Hierbei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Täter und Täterinnen aus dem konfessionellen, privaten oder staatlichen Heimbereich oder aus dem familiären Umfeld kommen: Opfer sind auch weiterhin junge Menschen, die der psychischen und physischen Gewalt, Erniedrigung, Demütigung und den hiermit verbundenen Schmerzen, Trauer, Einsamkeit und traumatischen Erlebnissen der Schwarzen Pädagogik hilflos und wehrlos ausgesetzt sind."
Einleitung
"Einleitung
„Wir konnten nicht begreifen, warum man uns
gedemütigt, fallengelassen, bedroht, ausgelacht, wie Holz behandelt,
mit uns wie mit Puppen gespielt oder uns blutig geschlagen hat oder abwechselnd
beides. Mehr noch, wir durften nicht einmal merken, dass uns all dies geschieht,
weil man uns alle Misshandlungen als zu unserem Wohl notwendige Maßnahmen
angepriesen hat."
Alice Miller, Am Anfang war
Erziehung
1
Gewalt gegen Kinder - ganz normal?
Oder: Was totgeschwiegen wird
In diesem Buch wird das Leben von jungen Menschen
in einem von einem. Priester und Nonnen geleiteten katholischen Heim geschildert:
Aus der Innenwelt dieses Heimes beschreibt der Verfasser die körperliche
und seelische Gewalt, die Demütigung, Erniedrigung und Ablehnung,
die Ängste, Schmerzen und Trauer, die Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit
sowie den sexuellen Missbrauch, denen Kinder im Namen Gottes durch Nonnen,
den Priester und Erzieherinnen im „Heim der traurigen Kinder" hilflos ausgeliefert
sind. Aber auch die unerfüllten Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte
nach Wärme, Geborgenheit und Zärtlichkeit der Opfer der Schwarzen
Pädagogik werden geschildert. Das Erleben von Gewalt in ihren schlimmsten
Formen, der die Kinder durch eine Nonne hilflos und wehrlos ausgesetzt
sind, ist für diese jungen Menschen das Durchleben der Hölle
auf Erden. Diese Nonne, Schwester Emanuela, wird im Verlauf der Handlung
in sich steigender Form zum Synonym für brutalste Gewalt.
Wie ein roter Faden zieht
sich durch das Buch der langsame, körperliche wie auch seelische Verfall
der Kinder: Am Anfang ihrer „Heim-Karriere" waren diese Kinder oft noch
Kinder, auch wenn sie zuvor im Elternhaus misshandelt wurden. Doch im Verlauf
ihres „Heim-Lebens" hat man sie durch die psychische, physische und verbale
Gewalt („Gott wird euch bestrafen; für euch ist nicht der Himmel,
sondern die Hölle und das Fegefeuer bestimmt!"), aber auch durch medikamentöse
Ruhigstellung, Stück für Stück ihrer Kindheit (und: Unschuld)
beraubt! Diese „Kinder" haben die kindliche Spontaneität verloren:
Diese „Kin-[<7]der" lachen nicht mehr, sie können nicht mehr glücklich
sein und keine Gefühle zeigen.
Aus der Innenwelt der (sexuell)
missbrauchten Kinder heraus wird das hilflose Ausgeliefertsein, die tiefe
gefühlsmäßige Abneigung durch die Erwachsenen, die großen
Schmerzen und Ängste, die sich immer tiefer in die Kinderseelen hineinfressen,
geschildert.
Die Leser erleben, wie das
Jugendamt und die Polizei in einem „Kartell des Schweigens" durch ein Heimkind,
das sich kurzfristig den „Mauern der Gewalt" durch Flucht entziehen konnte,
über die alltägliche Gewalt im „Heim der traurigen Kinder" aufgeklärt
werden. Doch mehr als Betroffenheit zeigen die Verantwortlichen nicht;
sie schweigen.
Die Leser erleben einen Richter,
der durch ein Heimkind von der alltäglichen Gewalt im Heim erfährt,
der aber schweigt. Und der sich somit in das „Kartell des Schweigens" einreiht.
Der Richter, der für das Kind nur die Worte übrig hat: „Mein
Junge, Gott möge dich beschützen!", spricht sich „Im Namen des
Volkes" für die weitere Heimunterbringung dieses Heimkindes aus -
und verkündet auf Antrag des Jugendamts, der Heimleitung und des Heimarztes,
der diesen Jungen sexuell missbraucht hat, stillschweigend einen entsprechenden
Gerichtsbeschluss.
Die Leser erleben, wie sich
eine einzige Nonne - allerdings vergeblich - für die Heimkinder einsetzt,
die auch keine Konfrontation mit dem Heimleiter, der auch gleichzeitig
Priester ist, scheut - und die sich das Leben nimmt.
Der Verfasser hat ganz bewusst
die (Tatsachen-)Romanform gewählt, um die dort beschriebenen Kinder
zu schützen. Der Verfasser verbürgt sich dafür, dass das
Heim und diese Menschen existieren und dass diese die in diesem dokumentarischen,
und authentischen Roman beschriebene physische und psychische Gewalt, Demütigung,
Erniedrigung, Herabwürdigung tatsächlich erlebt haben. Diese
gefolterten und für ihr Leben geschädigten Opfer der Schwarzen
Pädagogik, der klerikalen Heimerziehung wollen mit Namen nicht genannt
werden. Ihr alleiniges Ziel ist es, die für sie unerträgliche
Erinnerung an dieses „Leben": diese „Kindheit", diese „Jugend" aus ihrem
Gedächtnis zu verdrängen und abzutöten. Doch nach Meinung
des Verfassers verkennen sie die unumstößliche Tatsache, dass
diese „Kindheit" und „Jugend" sich nicht verdrängen und abtöten
lässt. Dennoch respektiert der Verfasser den Wunsch der Betroffenen
auf Anonymität.
Die verbalen, seelischen und
körperlichen Gewaltakte gegenüber Kindern, die in diesem Buch
beschrieben werden, sind weder übertrieben noch veraltet. So fanden
sie statt, und so finden sie auch heute noch statt. Natürlich nicht
überall, in jedem Heim, aber oft genug. Eine Gestalt wie die der Schwester
Emanuela wurde nicht erfunden, solche Personen gab und gibt es. Fromme
Gelassenheit und Nächstenliebe konnte jäh umschlagen in heftigste
Wut, die sich in verbalen, psychischen wie physischen Attacken Kindern
gegenüber äußerte. Wieweit [<8] Gewalt ganz bewusst
als „pädagogisches Mittel" eingesetzt wird, ist nicht statistisch
erfasst, aber die Fälle, die ans Licht der Öffentlichkeit kommen,
beweisen, dass es keine seltenen Einzelfälle sind.
Ich bin 1961, nachdem meine
Eltern mich vielfach schwer misshandelt hatten, mit knapp zwei Jahren ins
Heim gekommen. Mit sieben Jahren wurde mir von pädagogischen Experten
Debilität (Med.: leichter Grad des Schwachsinns) unterstellt. Dies
hatte für mich katastrophale Folgen; Ich kam am 13. April 1966 in
das katholische Pflege- und Bildungsheim St. Vincenzstift in Rüdesheim-Aulhausen
am Rhein. Eine Anstalt, in der - damals - etwa vierhundert Jungen und Mädchen,
Frauen und Männer untergebracht waren. Ihnen wurde von „Experten"
bescheinigt, geisteskrank oder (leicht) schwachsinnig bzw. geistig behindert
zu sein.
Das Jugendamt Trier musste
für meine Unterbringung in das St. Vincenzstift nachträglich
eine vormundschaftsgerichtliche Genehmigung einholen. Der Grund: Das St.
Vincenzstift galt - damals - als geschlossene Anstalt. Dem Antrag vom 18.
April 1966 war ein ausgefüllter „Ärztlicher Fragebogen für
idiotische oder epileptische Kinder" vom 19. August 1965 beigefügt.
Das Jugendamt Trier deklarierte diesen bereits acht Monate alten „Ärztlichen
Fragebogen", der durchaus im Dritten Reich den (NS-)Ärzten als Standard-Fragebogen
gedient haben könnte, an das Gericht als „amtsärztlichen Untersuchungsbericht".
Obwohl die Fragen bezüglich der „Idiotie und des Schwachsinns" in
keiner Weise beantwortet, geschweige aus medizinischer und psychiatrischer
Sicht fundiert bestätigt wurden, also eine entsprechende Indikation
nicht bejaht worden ist, gab der Amtsgerichtsrat Dr. K. vom Amtsgericht
Rüdesheim am Rhein dem Antrag statt. Unter „II. Fragen über Idioten,
Schwachsinnige" wurde bei Punkt 1. abgefragt: „Ist der Schwachsinn angeboren?
Oder in welchem Alter zuerst beobachtet worden?". Die Medizinalrätin
Dr. R. von der Gesundheitsbehörde der Stadt Trier beantwortete die
Frage wie folgt: „Nach dem Bericht des Jugendamtes Trier wurde der Junge
von klein auf vernachlässigt und misshandelt." Unter Punkt 2. wurde
abgefragt: „Was hält man für die Ursache des Schwachsinns: Erblichkeit,
Krankheiten, Verletzungen, geistige Anstrengung, heftige Gemütsbewegungen
wie Furcht, Schrecken?". Hier verwies die Medizinalrätin auf Ziffer
I. Dort wurde unter den Punkten 11. und 12. abgefragt: „Sind oder waren
die Eltern blutsverwandt? Sind oder waren die Eltern dem Trunke ergeben?
oder syphilitisch infiziert vor der Geburt des Kindes? Sind bei des Kindes
Großeltern, Großonkeln oder Großtanten, bei den Eltern,
Onkeln, Tanten, bei Vettern oder Basen oder bei den Geschwistern des Kindes
irgendwelche nervöse Erkrankungen, insbesondere Geistesstörung,
Fallsucht, Hysterie, Migräne oder Selbstmord oder Verbrechen vorgekommen?
Bei wem?" Beide Fragen wurden von ihr mit: „Nicht bekannt" beantwortet.
Im Rahmen einer richterlichen
Anhörung vom 23. Mai 1966, wo es um die Frage meiner weiteren Unterbringung
im St. Vincenzstift ging, [<9] scheint sich der - damals - für
die Anstalt zuständige Obermedizinalrat Dr. E. mit dem „Ärztlichen
Fragebogen", insbesondere mit der dort aufgeführten Terminologie inhaltlich
identifiziert zu haben. Obwohl ich mich erst sechs Wochen im St. Vincenzstift
befand, kam dieser Obermediziner zu einem für mich verheerenden Schluss:
„Das Kind befindet sich seit
dem 13. April 1966 im Bildungs- und Pflegeheim St. Vincenzstift. Es leidet
an einer Geistesschwäche im Sinne eines Schwachsinns leichten Grades."
Noch in zahlreichen Stellungnahmen
an das Gericht bestätigte der Obermedizinalrat:
„Mit einer Heilung der wahrscheinlich
endogen bedingten Geistesschwäche ist nicht zu rechnen." - „Bei A.
H. handelt es sich nicht um eine Geisteskrankheit, sondern um eine Geistesschwäche
im Sinne einer Debilität, die ihn ein Leben lang begleiten wird."
Diese Urteile führten dazu, dass ich fast zehn Jahre meines Lebens
im St. Vincenzstift habe leben müssen.
Das St. Vincenzstift, in dem
die „Dernbacher Schwestern" - wie sich die Nonnen vom „Orden der Armen
Dienstmägde Jesu Christi" nennen - damals in leitender Funktion beschäftigt
waren (siehe auch Kapitel 2) -, war für mich die „Hölle auf Erden":
Im „Namen Gottes", im „Namen Jesu Christi", im Namen der Schwarzen Pädagogik
wurden Kinder und Jugendliche {sicherlich nicht alle!) zum Teil schlimmsten
körperlichen und seelischen Misshandlungen wehr- und hilflos ausgesetzt
bzw. unterworfen. Wenn ich die Formulierung: im „Namen Gottes" bzw. im
„Namen Jesu Christi" hier verwende, so hat das seine Berechtigung: Uns
wurde immer wieder zu verstehen gegeben, dass wir von den Stellvertretern
Gottes und Jesu Christi - konkret: im Namen und Auftrag von Gott und seinem
Sohn Jesus Christus - erzogen werden. Der liebe Gott sei allgegenwärtig,
er würde uns auf Schritt und Tritt verfolgen, beobachten, kontrollieren.
Jede körperliche Bewegung, jeder Atemzug, jeder Gedanke und jede Gefühlsregung
würde Gott seinen Stellvertretern mitteilen. Kurzum: Gott habe die
göttliche überirdische Fähigkeit, uns mit seinen Augen und
Ohren zu kontrollieren; jede Sekunde, Minute, Stunde, Tag, Monat und Jahr.
Wenn wir bedroht, bestraft,
geschlagen, misshandelt wurden, so haben die Nonnen - stellvertretend -
im Auftrag Gottes gehandelt: Es waren Gottes Worte, Gottes mahnende und
aggressive Blicke, Gottes Hände, Gottes Füße, die uns beschimpften,
demütigten, bestraften, prügelten. Es war Gottes Wille: Die uns
auffressenden Ängste, Schmerzen, Trauer, Vereinsamung, die sich immer
tiefer in unsere Seelen hineinbohrte und hineinfraß. Wir hatten unsere
Kindheit Gott und seinem Sohn Jesus Christus zu verdanken.
Nach der Heimentlassung war
ich voller Wut und voller Hass. Ich habe es dennoch geschafft, mich von
dieser „Kindheit", die keine Kindheit war, zu befreien. Mir ist es gelungen,
die Wut und den Hass zu besiegen. [<10]
In einer 1981 als „Heimbiographie"
mit dem Titel „Prügel vom lieben Gott", das in dem Medien bundesweit
große Beachtung, fand, habe ich diese Zeit des Grauens literarisch
verarbeitet und verfremdet.
Völlig losgelöst
von „Prügel vom lieben Gott" sind die Erfahrungen und Erlebnisse zu
sehen, die viele ehemalige Heimbewohnerinnen des St. Vincenzstiftes gemacht
haben:
Die traumatischen Erlebnisse,
die körperliche und seelische Gewalt, die Ängste, die Demütigungen,
die seelischen Wunden, die Alpträume, die Lieblosigkeit, die Schmerzen,
die Schmerzensschreie, die Aggressivität, den Hass, den Groll, die
Bitterkeit. Die Einsamkeit, die Vereinsamung, die Isolierung, die Enttäuschung,
die Traurigkeit, die Hoffnungslosigkeit. Den Schrei und die große
Sehnsucht nach Liebe, Wärme, Geborgenheit, Anerkennung, Selbstachtung.
Das Buch „Prügel vom
lieben Gott" und unzählige Gespräche mit Menschen haben mich
von dieser „Kindheit" befreit wie zahlreiche gerichtliche Auseinandersetzungen
mit dem St. Vincenzstift. Das St. Vincenzstift verfolgte meiner Auffassung
nach das Ziel, die Justiz zu missbrauchen und mit ihrer Hilfe eine „Mauer
des Schweigens" über die damalige Zeit des Grauens auszubreiten. Ich
wurde damals wegen Verleumdung und übler Nachrede angezeigt und angeklagt.
In dem Strafprozess haben zahlreiche frühere Leidensgenossen, aber
auch ehemalige Erzieher meine Vorwürfe hinsichtlich zum Teil schwerer
Misshandlungen bestätigt. Ein Sozialarbeiter bestätigte zum Beispiel
dem Richter, dass „körperliche Züchtigungen und Essensentzug
zum pädagogischen Konzept, ja gewissermaßen zum Alltag" des
Heimes gehörten. Das Strafverfahren gegen mich wurde auf Antrag der
Anklagebehörde eingestellt und ein Ermittlungsverfahren gegen Nonnen
und Erzieher des St. Vincenzstiftes wegen Körperverletzung und Misshandlung
Schutzbefohlener eingeleitet.
„Für eine Verurteilung
der beschuldigten Pädagogen und Nonnen war es allerdings zu spät",
schrieb damals der SPIEGEL: „Auch das neue Verfahren wurde eingestellt,
die Vergehen waren verjährt. Und nachdem diese Gefahr vorüber
war, drehten die Aulhausener Heimerzieher den Spieß um."
Nachdem die Misshandlungen
- durch die eingetretene Verjährung - nachträglich „sanktioniert"
wurden, wurde nach Erscheinen meines Buches „Prügel vom lieben Gott"
mein Verleger und ich mit einer einstweiligen Verfügung konfrontiert.
Das St. Vincenzstift erreichte „mit dem ganzen Gewicht der katholischen
Kirche" (Frankfurter Rundschau, 22. Februar 1982), dass die Verbreitung
meines Buches vom Landgericht Wiesbaden gerichtlich untersagt - soll heißen:
verboten - wurde. In einem Brief an das Wiesbadener Gericht prangerte der
Verband Deutscher Schriftsteller dieses Vorgehen an als „Zensur eines kritischen
Buches". [<11]
Auch im Rahmen eines Zivilprozesses
bestätigten ehemalige Leidensgenossen die zum Teil schweren psychischen
und physischen Misshandlungen. Die Frankfurter Rundschau schrieb
am 22. Februar 1982: „Das Sonderpädagogische Zentrum Hl.
Vincenzstift zu Rüdesheim nahm für sich das Recht in Anspruch,
mit jener vom Autor fiktiv „Heim zum lieben Gott" genannten Anstalt identisch
zu sein, unter deren Dach die gesammelten Erfahrungen mit literarischen
Mitteln gebracht worden waren."
Im Rahmen eines gerichtlichen
Vergleichs wurde nur ein einziger Zusatz in das Buch aufgenommen, der dort
bereits in anderen Worten enthalten war, und das Buch konnte wieder unverändert
verbreitet werden:
„Die in diesem Buch geschilderten
konkreten Ereignisse, Personen und Zustände sind nicht Dokumentation,
sondern literarisch verarbeitet und verfremdet."
Die Frankfurter Rundschau
führte hierzu zutreffend aus: Die einstweilige Verfügung wurde
erlassen, obwohl der „Autor die Handlung verfremdet hat" und im „Vorspruch
alle Personen, Orte und Institutionen für ,unbenannt' erklärte".
Zahlreiche Medien solidarisierten sich damals mit mir - hier einige Beispiele:
SPIEGEL: „Ein deprimierendes Beispiel
für die Situation von Heimkindern..." - Frankfurter Rundschau:
„... Impulse für eine Diskussion über Zustände in Kinder-
und Jugendheime..." - Sozialmagazin: „Alexander Homes' Buch ist
bedeutungsvoll, auch als Literatur." - Podium: „... hatte ich ...
niemals den Eindruck, dass sich der Verfasser in seine Erinnerung verrannte.
Vielmehr ließ er eine Wut aufkommen über das, was im Heim Alltag
ist." Und der Schriftsteller Martin Walser erklärte: „Homes hat mich
gepackt, er gehört zweifellos zu den auswählbaren Naturschreibern."
Literaturverzeichnis Homes (S. 217ff)
Bewertung:
Das Buch greift ein sehr wichtiges Thema auf.
So gesehen ist das Buch außerordentlich verdienstvoll und wichtig.
Schade aber, dass es ziemlich chaotisch organisiert und aufgebaut ist.
So gibt es keine ordentliche und übersichtliche Dokumentation, welche
Heime hier ins Visier genommen wurden. Auch eine Literaturliste sucht man
am Ende vergeblich, obwohl ein Literaturverzeichnis in den Anmerkungen
zu Kapitel 4 S. 217-219 eingebettet und damit eher versteckt wurde. Schaut
man sich das Literaturverzeichnis näher an, fällt auf, dass bereits
1984 ein Buch mit minimal anderem Titel (wo jetzt ein Fragezeichen steht,
stand damals ein Punkt) von Homes
herausgegeben wurde. Fehlen tut
im Literaturverzeichnis sein mehrfach zitiertes Buch von 1981 "Prügel
vom lieben Gott"
Ein im allgemeinen hilfreiches Sach-, Personen-
und Fall- und Dokumentationsregister fehlt ebenfalls. Mitten im Buch, das
342 Seiten umfasst, erscheint mit Kapitel 6, S. 226-228, so etwas wie ein
Vor- oder Schlußwort, dessen Plazierung auf den ersten Blick unverständlich
ist. Bei näherem Hinschauen hat es den Anschein, als hätte das
Buch ursprünglich hier geendet und sei dann nachträglich um das
7. Kapitel ergänzt bzw. erweitert worden. Es heißt auf S. 226
unter der Überschrift 6 Was dieses Buch will Oder: Die Rechte des
Kindes: "Dieses Buch ist keine Anklage gegen die Heimerziehung. Die Anklage
richtet sich aber gegen die namentlich bekannten Heime und die „namenlosen"
Heime, in denen junge Menschen Misshandlungen aller Art ausgesetzt sind
- und wo leider immer noch die schwarze Pädagogik mit all ihren schlimmen
Folgewirkungen für die Betroffenen um sich schlägt." Ohne Zweifel
geschehen in einige Heimen schlimme, ja fürchterliche Dinge. Sicher
nicht nur in christlichen, dort aber auch. Ob und wie sehr, wissen wir
nicht, da der Autor keine statistischen Daten dokumentiert - wahrscheinlich,
da es sich um ein Tabuthema handelt, auch nicht dokumentieren kann - und
also auch keine darauf fußenden Betrachtungen anstellen kann. Diese
formalen Mängel und Schwächen stehen letztlich aber in keinem
Verhältnis zur Bedeutung des Themas. Die alltäglichen Verbrechen
im Namen Gottes und der Schwarzen Pädagogik sind weltweit sicherlich
immer noch Legion. Und deshalb brauchen diese Kinder dringend viele kritische
Stimmen, die auf ihr Schicksal aufmerksam machen, um der Schwarzen Pädagogik
einiger
bigotter Wölfe im Schafspelz und ihrer teilweise verkommenen Bräute
ihr abscheuliches Handwerk zu legen. Wo Gott
seine Finger im Spiel hat, ist der Teufel nicht weit.
Der Autor als persönlich betroffenes Opfer
verdient auf jeden Fall Mitgefühl, Anerkennung, Respekt und Solidarität
für seinen Mut.
Literatur (Auswahl): siehe auch: Literaturliste Homes.
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